„Morne Piton 169 m“ steht auf dem Schild am Straßenrand, als es plötzlich klackt und die Pedale sich schwerer treten lassen. Sehr viel schwerer. Das ist jetzt nicht wahr, oder? Gerade zeigte das E-Bike noch den halben Batterie-Füllstand an, nun gibt sie ihren Geist auf. Ausgerechnet beim Anstieg. Also „allez“, wie in solchen Situationen die Franzosen anspornen, die diese Karibikinsel seit beinahe 400 Jahren mit kurzen Unterbrechungen ihr Eigen nennen. Oder „an nou alé“ im Sprachenmix der Einheimischen. Zum Glück beschreibt das Wort „Morne“ nur die Hügel auf Marie-Galante, keine Berge.
Der Ort mit dem klangvollen Namen ist eine der sechs Hauptinseln von Guadeloupe. Sie mit dem Fahrrad zu erkunden, war eine fixe Idee seit einem Kurzbesuch vor einigen Jahren. Einen Tag, höchsten zwei, länger nimmt sich kaum jemand Zeit. Viel zu schnell saust dann am Autofenster die Welt vorbei: wie gemalt wirkende Sandstrände vor türkisblauem Wasser, feuerrote Flamboyant-Blüten, schwere Früchte tragende Bäume, mannshohe Zuckerrohrfelder, Bauern mit Ochsenkarren, Obstverkäuferinnen hinter Klapptischen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Diesmal also reduzierte Geschwindigkeit. Den gemächlichen Rhythmus der Insel aufnehmen, die der Massentourismus bisher verschont hat. Spontan rechts ranfahren, wann und wo immer es gefällt.
Los geht es fast genau an der Stelle, an der Christoph Kolumbus und seine Mitfahrer 1493 während ihrer zweiten Reise an Land gingen. Der Überlieferung zufolge blieben sie nur lange genug, um dem Eiland den Namen einer ihrer Karavellen zu geben. Am Fähranleger von Grand-Bourg, wo heute nach einer Stunde Überfahrt die Schnellboote aus Guadeloupes Wirtschaftszentrum Point-à-Pitre ankommen, schaut der Fahrradverleiher ein bisschen skeptisch. Er hat nur klobige Stadträder mit Einkaufskorb und Elektrounterstützung im Angebot. „Kouraj“, wünscht er. Viel Glück. Beim nächsten Mal würden auch Mountainbikes bereitstehen, versprochen.
Fahrradwege gibt es hier mit wenigen Ausnahmen keine, aber die Saison ist vorbei und kaum jemand unterwegs an diesem Tag mitten in der Woche. Wenn sich doch einmal ein Auto von hinten nähert, machen Fahrer oder Fahrerin einen respektvollen Bogen und winken aus dem Fenster.
Kunst für alle in den Straßen
Die frühen indianischen Bewohner nannten Guadeloupe „Karukera“, Insel der schönen Wasser. Marie-Galante liegt beinahe kreisrund darin. 84 Kilometer Küstenlinie, 14 Kilometer sind es von einem Ufer zu anderen. An ihrer West- und Südküste wiegen sich die Wellen des Karibischen Meers sanft an die Uferstraßen. Im Osten und Norden, wo die Passatwinde auf Land treffen und die Brandung des Atlantiks unermüdlich gegen die Steilküste schlägt, haben sie tiefe Buchten in die bis zu 60 Meter hohen Klippen gegraben. An der Gueule Grand Gouffre, wörtlich der Schlund des großen Abgrunds, hat das Wasser in jahrtausendelanger Erosion den Fels langsam ausgehöhlt und einen riesigen Trichter entstehen lassen. Durch einen wie zu einem Tor geformten Bogen schießen die Wellen mit so ungeheurer Wucht hinein, dass die Amerindianer an diesem Ort magische Kräfte vermuteten.

Hotelkomplexe? Keine. Dafür wie hingetupft wirkende Pensionen, kleine Feriendörfer und über die ganze Insel verstreut Türme ehemaliger Mühlen. „Insel der hundert Mühlen“ wird Marie-Galante auch heute noch genannt. Es sind steinerne Zeugen einer Zeit, als die Kraft der Winde oder von Ochs und Esel die schweren Walzen und Mahlwerke antrieb, die den Saft aus dem harten Zuckerrohr pressten. Aber auch einer Vergangenheit, als acht von zehn Bewohnern Sklaven waren.
Die erzwungene Arbeit der Verschleppten wirkt bis in die Gegenwart von Marie-Galante fort. Aus dem Zuckerreservoir der französischen Herrscher wurde ein Ort, dessen Name heute bei Rum-Connaisseuren aus aller Welt als Qualitätssiegel für Hochprozentiges mit unverwechselbarem Charakter gilt. Die mineralische Frische der Böden paart sich mit der herben Süße des Safts, der nicht wie vielerorts aus Melasse gewonnen wird. Die Zuckerrohrstangen werden stattdessen erntefrisch ausgepresst.
Fischbällchen und Tintenfisch-Frikassee
Michele Lunardon blieb, nachdem er 2007 zum ersten Mal nach Marie-Galante gekommen war, und managt seither die Mikrodestillerie RRL ein paar Kilometer abseits der Westküste. Der Italiener und zwei Landsmänner haben sich in den Kopf gesetzt, ihr Wissen um die Rumbrennerei auf diesem gesegneten Flecken zu perfektionieren. „Liberation“ steht auf den Etiketten und beschreibt den Moment, wenn der Rum aus den Fässern in die Flaschen entlassen wird. Voriges Jahr brachten sie zudem „The Sins Sloth Marie Galante“ auf den Markt, nach 13 Jahren Reifung in alten Bordeaux-Fässern. 185 Flaschen zu sündigen je 550 Euro.
„Die Insel ist unverdorben, einfach einzigartig“, schwärmt Lunardon, der in seiner Freizeit surft und Speerfischen geht. Dass seine neuen Nachbarn nicht Hochfranzösisch sprechen, sondern das lange stigmatisierte und bis in die Siebzigerjahre sogar verbotene Kreolisch mit französischen Einsprengseln, verlor schnell den anfänglichen Schrecken. Die um Nasallaute und das geriebene „r“ bereinigte Sprache ist für Zugereiste sogar einfacher. Bonjou – guten Tag, – si ou plé – Bitte, mési – Danke, padon – Entschuldigung. Pa ni pwoblem, oder?

Das herrschaftliche Haupthaus beherbergt heute ein Museum für Volkskunst und Traditionen
Zurück an der Küste steht Honoré Jabol auf der Höhe von Saint-Louis am Straßenrand. Der Fischer war seit 5 Uhr morgens auf dem Meer, erzählt er, und hat einen guten Fang gemacht. Mehrere Red Snapper liegen ausgebreitet auf dem Tisch vor ihm. 14 Euro das Kilo sind ein guter Preis. Vor dem Fahrradlenker liegt aber noch Strecke für einen halben Tag. Deshalb: Einkehr im Restaurant „Au plaisir des marins“ nebenan. Die „Freude der Seeleute“ teilen alle, die mit nackten Füßen im warmen Sand an den Tischen sitzen, über sich die riesigen Fächer der Kokospalmen, vor sich Teller mit kreolischen Spezialitäten. Die knusprig frittierten Fischbällchen Accras de Morue etwa. Deren Rezept kam mit den Sklaven aus Westafrika auf die Antillen und fusionierte im Verlauf der Jahrhunderte mit lokalen Gewürzen und dem gesalzenen Stockfisch der europäischen Siedler. Oder das ebenfalls regional typische Tintenfisch-Frikassee mit Lauchzwiebeln und Tomaten. Ein Gläschen Ti Punch gehört dazu, der mit Limette und Rohrzucker vermischte Rum wird Energie spenden für die nächsten Kilometer.
Am Strand liegen mehrere kleine Motorboote und Jetskis, mit denen Bewohner der gegenüberliegenden Inselgruppe Les Saintes herüberkamen. In der Hochsaison verkehren auch Fähren. Nach dem Essen verlaufen sich die Grüppchen an den kilometerlangen Stränden. Unter den Schatten spendenden Meertraubenbüschen und ausladenden Strandmandelbäumen scheint für einen Moment die Zeit stillzustehen.
Nach dem Aufwachen kommt doch kurz Hektik auf. Gegen halb sieben wird die Sonne untergehen, und da ist die Episode auf dem Weg nach Morne Piton noch nicht einberechnet. Zum Glück geht es nach dem Anstieg erst flach und dann stetig bergab durch das Inselinnere Richtung Capesterre. Schon von Weitem sind die roten Dächer der Gemeinde an der Südostküste zu sehen, die mit dem Blau des Atlantiks zu ihren Füßen kontrastieren. Hier lebt Cédric Tran Ngoc, der gelernte Koch, der 2017 mit seiner Familie aus Paris nach Marie-Galante kam. Die meisten hier haben ihn als Künstler kennengelernt, der seine Pop-Realismus-Porträts mit „Yelow“ signiert. Capesterre ist seit Jahren eine feste Adresse für Streetart. Auch Al Pacman, Skem, 4KG, Yeswoo, Steek und viele andere haben Alltagsszenen und Motive aus der Geschichte der Insel an Garagen, Scheunen und Häuserfassaden festgehalten. Den Bauern, der Zuckerrohr nach Hause trägt, das ältere Ehepaar in Festtagskleidung, einen riesigen Tintenfisch, einen Torso in Ketten, den Sänger Laurent Voulzy, der seine Kindheitserinnerungen in dem Chanson „Belle-Île-en-Mer, Marie-Galante“ verewigte.
Er habe sich nicht vorstellen können, was dieses Stück Land in ihm auslösen würde, postete Yelow vor ein paar Wochen. Da war er gerade auf dem Sprung nach Paris für einen Auftrag und sprach womöglich vielen aus dem Herzen, die inzwischen wieder zu Hause sind. „Mit all den Bekanntschaften, Emotionen und Erfahrungen hat Guadeloupe mich verändert und mir sehr viel mehr gegeben, als ich zu hoffen gewagt hatte.“
Der Weg nach Maria-Galante
Das Dantana Beach am Plage de la Feuillère in Capesterre hat bereits zum Frühstück geöffnet. Mittags und abends werden regionale Spezialitäten, fangfrischer Fisch und Meeresfrüchte, aber auch vegetarische Gerichte serviert. +590 690 48 05 67, @dantana_beach
