„Du bist kein Baum“, „Ich bin kein Baum“. Was wie Poesiealbumsprüche klingt, sind in Wirklichkeit die Slogans einer Kampagne aus dem islamistischen Syrien, die seit einigen Tagen durch die sozialen Medien geistert. Sie fordert die Sunniten auf, sich gegen die „Ungläubigen“ zur Wehr zu setzen. Sprich: Du hast Arme und Beine und bist nicht wie ein Baum zur Regungslosigkeit verdammt.
Das Ziel der Kampagne ist der soziale und wirtschaftliche Boykott von Drusen, Alawiten und anderen Minderheiten. „Boykott ist kein Vergehen, sondern eine moralische und bewusste Haltung der Bevölkerung“, heißt es auf einem Sharepic. Für ein wenig Inspiration werden Beispiele genannt, wo man boykottieren könnte: in Geschäften, Restaurants, im Tourismus, auf dem Wohnungsmarkt, im Taxi, in Krankenhäusern, in Universitäten. Boykottiert werden soll auch im Privaten – „Freunde dich nicht mit einem Alawiten an“ – und die nächste Generation dazu angehalten werden, mitzumachen – „Erziehe deinen Sohn“. Neben Angehörigen von Minderheiten soll der Boykott auch Sunniten treffen, die sich der Ausgrenzung verweigern – sie werden abwertend „cute Sunni“ genannt.
Eine deutsche Publizistin in syrischer Haft
Wie schon bei den Massakern an den Alawiten im März 2025 macht auch die Kampagne Alawiten kollektiv für die Verbrechen des Assad-Regimes verantwortlich. Anstatt vom „Assad-Regime“ sprechen Islamisten oft vom „alawitischen Regime“. Sie verfälschen damit die jüngste Geschichte. Zwar gehörte Assad der alawitischen Gemeinschaft an, doch die herrschende Ideologie war der arabische Nationalismus der Baath-Partei. Zudem stützte das Regime sich beileibe nicht nur auf Alawiten, denn Sunniten bekleideten wichtige Ministerposten und verübten im Namen des Regimes Kriegsverbrechen. So wie nicht alle Sunniten Gegner Assads waren, waren nicht alle Alawiten Assad-Anhänger. Und auch Alawiten wurden in Assads Gefängnissen gefoltert und getötet.
In Deutschland hat man von der Boykottkampagne kaum Notiz genommen, wie man auch sonst wenig Notiz vom Geschehen in Syrien nimmt. Selbst, dass sich eine Deutsche, nämlich die Publizistin Eva Maria Michelmann, seit Januar in syrischer Haft befindet und dort mutmaßlich Folter ausgesetzt ist, hat kaum Aufsehen erregt. Von deutscher Regierungsseite gab es keine offene Kritik an den syrischen Machthabern dafür, dass sie die deutsche Staatsbürgerin ohne rechtliche Grundlage seit Monaten unter schauderhaften Bedingungen gefangen halten. Lange wusste man ja nicht einmal, ob sie noch lebt.

Insgesamt kommt Syrien in der deutschen Debatte kaum vor, außer es geht um die Abschiebung oder Rückkehr syrischer Flüchtlinge. Anfang April wurde in Berlin dem selbst ernannten Präsidenten der rote Teppich ausgerollt, er wurde damit diplomatisch legitimiert. Das war nicht nur für die Menschen in Syrien ein fatales Zeichen; für die Minderheiten und all jene die sich noch für einen säkularen Rechtsstaat einsetzen, sondern auch für Deutschland.
Seit 2011 sind über 800.000 Menschen aus Syrien nach Deutschland geflohen, vor Verfolgung, Krieg, dem Assad-Regime, islamistischem Terror. Die Flüchtlinge sind ebenso wenig eine homogene Gruppe wie die Menschen im Land selbst. Sie sind Araber, Kurden, Sunniten, Drusen, Alawiten, Ismailiten, Jesiden, Christen, Atheisten. Manche haben studiert, andere sind ungelernte Arbeiter. Sie sind konservativ, liberal, Assad-Anhänger, Islamisten, Kommunisten oder eher unpolitisch.
Unter ihnen sind Opfer wie Täter, und manche sind beides. Einige haben mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft, andere bangen um ihren Aufenthalt.
Extremismus als Teil der deutschen Lebenswirklichkeit
Die islamistische Hetze der vergangenen Monate beschränkt sich natürlich nicht nur auf Syrien. Auch auf deutschen Straßen wurde zur Gewalt an Minderheiten aufgerufen und aus deutschen Wohnzimmern heraus gegen Minderheiten gehetzt. Auch ich habe zahlreiche „freundliche“ Zuschriften von Golani-Anhängern bekommen (wohlgemerkt auf Deutsch), da stand beispielsweise „PKK Bazillen, wir werden euch auslöschen“ (gemeint sind Kurden) oder „Fette Sau“, „Verpisst euch einfach aus Syrien und heult leise“. Andere Bekannte bekamen Vergewaltigungsdrohungen vom Islamisten in ihrer Nachbarschaft.
Das Problem ist also längst kein syrisches mehr. Der HTS-Islamismus ist, wie auch schon der türkische Rechtsextremismus, ein Teil der deutschen Lebenswirklichkeit. Man wird ihn nicht einfach abschieben können. Doch diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt. In der deutschen Politik geht man wohl immer noch davon aus, dass es bei der Außen- und Innenpolitik um zwei vollkommen voneinander getrennte Welten geht.
Vor einigen Wochen wurde öffentlich, dass der Bundesrechnungshof das Auswärtige Amt dafür gerügt hat, die Hilfsorganisation Islamic Relief Deutschland finanziell gefördert zu haben. Über die Jahre flossen etwa 15 Millionen Euro an die personell mit der Muslimbruderschaft verflochtene Organisation, unter anderem für Projekte in von Islamisten kontrollierte Gebiete in Syrien. Und das, obwohl der Verfassungsschutz und Sicherheitsbehörden gewarnt hatten.
Das Vorgehen der deutschen Politik ist widersprüchlich, einerseits schreibt man sich die Bekämpfung des Islamismus auf die Fahnen, andererseits unterstützt man Islamisten finanziell und legitimiert sie diplomatisch. Diejenigen, die ihn bekämpfen, lässt man hingegen im Regen stehen.
Aktivisten haben eine Antwort gefunden
In Syrien gab es in den vergangenen Monaten übrigens immer wieder Proteste. „Gesetz und Würde“ nannten die Organisatoren die friedlichen Demonstrationen. Sie fordern wirtschaftliche und politische Reformen zur Verbesserung der Lebensbedingungen, und sie fordern Rechtsstaatlichkeit. Von Golani-Anhängern werden sie als Assad-Überreste diffamiert.
Auf die „Du bist kein Baum“-Boykottkampagne haben Aktivisten eine Antwort gefunden: „Ich bin ein Baum.“ In Bezug auf Deutschland müsste sie dagegen lauten: „Du bist keine Insel.“
