
Der Fortschritt ist dem kleinen Wesen, das an ein Emoji im Weltraumhelm erinnert, nicht anzusehen. Vor zwei Jahren gehörte Frankfurt zu den Städten, die auf ihrer Internetseite den Behörden-Chatbot 115 getestet haben. Ähnlich wie bei vielen Internetshops, bei denen virtuelle Assistenten ihre Hilfe anbieten, konnte man dem Chatbot schriftlich Fragen zu Verwaltungsleistungen stellen. Wie früher eine Telefonvermittlung sollte er die Bürger zum zuständigen Amt lotsen. Nach einigen Monaten war der kleine Kerl verschwunden. Im vergangenen November ist er wieder aufgetaucht.
Anders als die erste Version, die streng regelbasiert arbeitete, nutzt die neue Künstliche Intelligenz (KI) und verfügt über ein Sprachmodell. Man kann sich per Tastatur mit dem Chatbot unterhalten. Erkundigt man sich zum Beispiel danach, wie lange man abends laut Musik machen kann, folgt nach der Antwort schon mal eine Gegenfrage: Ob man noch mehr Details zu Ruhezeiten im eigenen Stadtteil wissen möchte? Der angehängte Smiley gibt dem Ganzen etwas Kumpelhaftes. Digitaldezernentin Eileen O’Sullivan (Volt) bittet die Nutzer um Rückmeldung, denn: „Auch der neue Chatbot halluziniert“, sagte sie im Dezember im Stadtparlament. Mit anderen Worten: Nicht jeder Antwort kann man trauen.
Hilfe beim Beteiligungsmanagement
Der Auskunftshelfer, der auch in anderen Kommunen Dienst tut, ist nicht die einzige KI-Anwendung der Stadt Frankfurt. O’Sullivan hat in der jüngsten Fragestunde des Stadtparlaments eine Reihe weiterer Anwendungen aufgelistet, von denen manche allerdings seit Jahren immer wieder genannt werden. Die Beteiligungsplattform „FFM.de“ verwendet die KI-Anwendung DeepL für die Sprachübersetzung, und der von Fahrzeugen gescannte Straßenzustand wird ebenfalls mit Künstlicher Intelligenz ausgewertet. Im Jüdischen Museum können Besucher mit den Abbildern historischer Persönlichkeiten reden, und die Messwerte der Lufttemperatur, die auf der Urbanen Datenplattform für jedermann zugänglich sind, kombiniert ein privater Anbieter mit Satellitendaten und Wettervorhersagemodellen. Dadurch lassen sich auch kleinräumige Wärmeinseln im Stadtgebiet abbilden.
Die Anwendungsmöglichkeiten von KI sind höchst unterschiedlich. Das Amt für Wohnungswesen nutzt das Programm „Wohni“, das Wohngeldanträge auf Papier und online einlesen kann, automatisiert die Vollständigkeit prüft und Anschreiben verschickt. Dass die Tourismus- und Congressgesellschaft die Zahl der Weihnachtsmarktbesucher recht genau angeben kann, liegt an einer laserbasierten Messung, die mithilfe Künstlicher Intelligenz ausgewertet wird. Seit gut einem Jahr arbeitet das städtische Beteiligungsmanagement an der Einführung einer KI-Lösung, die von der Zusammenstellung der Vierteljahresberichte für die Gremien bis zum Erstellen des Beteiligungsberichts helfen soll.
Zentraler Ansprechpartner für KI gesucht
Wie bei der Digitalisierung arbeiten die einzelnen Ämter auch bei der Künstlichen Intelligenz an eigenen Projekten und damit meist nebeneinander her. Deshalb hat Dezernentin O’Sullivan jetzt den Aufbau eines zentralen KI-Kompetenzteams beim Amt für Informations- und Kommunikationstechnik angekündigt. Die dorthin entsandten Mitarbeiter, die sonst für IT-Strategie, Projekt- und Anwendungsmanagement sowie Compliance zuständig sind, sollen den stadtweiten Einsatz von KI-Programmen koordinieren. Diese müssten „strukturiert, datenschutzkonform und unter Einhaltung verbindlicher ethischer Standards“ erfolgen, so O’Sullivan. Das Ziel müsse sein, Mitarbeiter zu entlasten und den Service für die Frankfurter zu verbessern.
Die Dezernentin berichtet von einer stadtweiten Umfrage im Jahr 2025, nach der alle teilnehmenden Ämter den Einsatz von Künstlicher Intelligenz grundsätzlich befürworten, zugleich aber das Fehlen einer zentralen Ansprechstelle als Hürde genannt hätten. Der Gesamtpersonalrat ist nach Worten eines Sprechers dem Einsatz von KI nicht abgeneigt, will aber sicherstellen, dass sie die Mitarbeiter unterstützt und nicht ersetzt. Sie müssten geschult werden, welche Konsequenzen die Verletzung von Amtsgeheimnissen und personenbezogenen Daten haben könne.
Gerade in der Verwaltung spielt der Umgang mit vertraulichen Informationen eine große Rolle. Dazu gehören außer Anschriften auch Daten des Einwohnermeldeamts, Kontoverbindungen und medizinische Daten. Nach einem Leitfaden für die Ministerien und Landesbehörden in Nordrhein-Westfalen, über den vor Kurzem die Deutsche Presse-Agentur berichtete, wäre es daher schon verboten, ein Glückwunschschreiben zur Geburt des Kindes eines Kollegen zu erstellen, wenn in der Anweisung an der KI dessen Name genannt wird.
Ob derlei Zurückhaltung hilft, ist allerdings fraglich. Denn schon in der am meisten verbreiteten Bürosoftware von Microsoft ist ein KI-Helfer integriert. Wobei der „Copilot“ genannte Assistent in der Verwaltung nicht genutzt werde, sagt ein Sprecher des Digitaldezernats. Die Stadt strebe ohnehin an, offene Standards zu etablieren, um selbst zu bestimmen, wie und wo ihre Daten verarbeitet werden. Das Amt für Informations- und Kommunikationstechnik bewertet derzeit verschiedene KI-Lösungen, die zentral bereitgestellt werden könnten.
Die CDU-Fraktion befürwortet den Aufbau des KI-Kompetenzzentrums als richtigen ersten Schritt. Frankfurt dürfe dabei aber nicht stehen bleiben, so die Stadtverordnete Marie-Therese Schmidt. Die Stadt solle auf die Erfahrungen anderer Kommunen zurückgreifen und ein Gesamtkonzept für die Smart City erarbeiten. Hierfür seien konkrete Pilotprojekte und ein ambitionierter Zeitplan nötig. Die CDU etwa habe beantragt, KI-Systeme für die Erkennung von Notfällen in Schwimmbädern einzusetzen oder Müllfahrzeuge mit Kameras auszustatten, um verschmutzte oder zugewachsene Verkehrsschilder zu melden.
