Man stelle sich vor, bei der CDU würde ein Kabarettist auftreten, der eine Gefängnisstrafe für Alice Weidel fordert und einen Bombenanschlag auf Tino Chrupalla. Verpackt in lustige Wortspiele. Und Friedrich Merz sitzt dabei und wiehert vor Lachen, weil der Kabarettist sein Freund ist. Würde die AfD es akzeptieren, wenn CDU-Leute sagten, man solle nicht aus jedem Schabernack gleich eine Staatsaffäre machen?
Merkel im Knast, der Gedanke gefiel, und Steimle legte nach: „Im Moment hängt’s erst mal. Und wenn alle Stricke reißen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand.“ Sie, Merkel, nicht das Bild. Steimle verglich außerdem Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem SED-Diktator Erich Honecker und sagte: „Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal: Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das war natürlich nur Spaß. Niemand im AfD-Publikum dachte wirklich, dass Merkel inhaftiert, standrechtlich erschossen oder auf Merz ein Anschlag verübt werden sollte. Die Leute kapierten schon, was gemeint war: Steimle hatte eine verbrecherische Phantasie erzählt. Aber er hatte sie so verpackt, dass sie sich harmlos anfühlte. Gemeint war doch nur das Gemälde, das an die Wand gestellt wird! Und Stauffenberg? Der ist doch lange tot! Die Anhänger nahmen dieses Angebot dankbar an. Sie durften straflos ihren grausamen Gedanken nachhängen. Die Vorstellung kitzelte sie. Also kugelten sie sich vor Lachen und entluden eine lange aufgestaute Energie in den Raum.
Bei der Deportationsphantasie sprangen sie begeistert auf
Man kennt das von der AfD. Der Ehrenvorsitzende Alexander Gauland schlug Anhängern im thüringischen Eichsfeld mal vor, die deutsche Staatsministerin Aydan Özoğuz einzuladen und ihr zu zeigen, was deutsche Kultur ist. Dann sagte er: „Und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“ Die Zuhörer hatten vorher brav applaudiert. Jetzt aber sprangen sie von ihren Stühlen und klatschten tosend. Warum? Weil sie keine politische Meinung gehört hatten, sondern eine Deportationsphantasie.
Bei Pegida trugen sie einen Galgen, der „reserviert“ war für Sigmar Gabriel. Sie schwangen Mistgabeln. Frauke Petry und Beatrix von Storch wollten an der Grenze auf Flüchtlinge schießen lassen. Björn Höcke kündigte „wohltemperierte Grausamkeit“ an. AfD-Mitglieder waren in der „Gruppe Reuß“ und den „Sächsischen Separatisten“, zwei bewaffneten Terrorgruppen, die einen Umsturz planten. Ständig wird vom „Unrechtsstaat“, „Volksverrätern“ und einem „zweiten 1989“ geredet.
Bei der AfD mitzumachen, bedeutet für die Anhänger eine Befreiung. Endlich dürfen sie Afrikanerwitze machen, ohne dass Moralapostel etwas einwenden können. Millionen AfD-Anhänger stehen hinter ihnen. Sie lassen sich von niemandem mehr vorschreiben, anständig zu sein, und wenn es jemand aus der AfD tun will, wählen sie ihn ab. Diese Dynamik ist kaum einzufangen. Und dann ist die ganze Sache irgendwann nicht mehr lustig.
