Inmitten der Klagen über den Fachkräftemangel wird ausgeblendet, dass ein Teil der Probleme am Arbeitsmarkt hausgemacht ist: Zu viele junge Menschen gehen auf dem Weg von der Schule in Ausbildung und Beruf verloren. Ihnen fehlen Grundkompetenzen, sie brechen ihre Lehre ab oder nehmen keine Arbeit auf. Eine alternde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf ihren knappen Nachwuchs zu verzichten. Deutschland muss deshalb dringend dafür sorgen, dass junge Menschen die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Berufsleben erwerben.
Die Zahlen sind alarmierend: Jeder zehnte junge Mensch ist weder in Ausbildung noch erwerbstätig, fast jeder dritte Lehrling bricht ab. Rund einem Drittel der fünfzehnjährigen Schüler in Deutschland fehlen im Lesen und in Mathematik grundlegende Kompetenzen. 94 Prozent der DIHK-Ausbildungsbetriebe sehen unter Schulabgängern Defizite in Grundkompetenzen, Zuverlässigkeit und Lernbereitschaft.
Um das zu ändern, gilt es im Bildungssystem anzusetzen. Grundkompetenzen müssen wieder stärker gesichert und Lernstände regelmäßig überprüft werden. Lehrer sollten Schüler fordern, statt Standards abzusenken. Denn trotz steigender Abiturientenquote und besserer Noten schneiden Schüler in Vergleichstests zunehmend schlechter ab. Wer nach der Schule nicht sicher lesen, schreiben oder rechnen kann, holt das später kaum auf. Besonders Kinder aus benachteiligten Familien und mit Migrationshintergrund brauchen deshalb früh Unterstützung. Doch die jüngste PISA-Studie aus der vergangenen Woche zeigt: Der Rückgang ist nicht nur eine soziale Frage. Ausgerechnet bei privilegierten Schülern sank die Leseleistung deutlich stärker als bei benachteiligten.
Es fehlt an Disziplin, Fleiß und Durchhaltevermögen
Ein wichtiger Grundstein für die Entwicklung junger Menschen wird im Elternhaus gelegt. Eltern sollten Leistungsbereitschaft, Fleiß und Freude am Lernen vorleben, ihre Kinder fördern, ihnen aber nicht jede Anstrengung abnehmen. So lernen diese, mit Widerständen umzugehen und später im Beruf Verantwortung zu übernehmen. Dass sich heute jeder zweite Lehrling psychisch belastet fühlt, kann aber nicht allein den Jugendlichen oder ihren Familien angelastet werden. Auch Schulen, Betriebe und fehlende Zukunftsperspektiven spielen eine Rolle.

Eine Ausbildung verlangt Disziplin und Durchhaltevermögen; sie formt dafür aber auch die Persönlichkeit. Zugleich stehen die Ausbildungsbetriebe in der Pflicht. Sie können zwar nicht alles nachholen, was zuvor versäumt wurde. Doch wer Lehrlinge fördert und ein Vertrauensverhältnis aufbaut, statt sie als günstige Arbeitskräfte zu behandeln, kann sie binden und Abbrüche verhindern.
Voraussetzung dafür ist allerdings eine realistische Vorstellung vom Berufsalltag, die vielen Jugendlichen derzeit fehlt. Eine bessere Berufsorientierung kann helfen, etwa durch frühzeitige Kontakte zu Betrieben und Praktika. Auch praxisnahe Schulfächer wie Wirtschaft, Programmieren oder Werken helfen, Talente sichtbar zu machen und Interessen zu entwickeln.
Ausbildung verdient dieselbe Wertschätzung wie ein Studium
Angesichts der Vielzahl beruflicher Möglichkeiten scheint es einfacher geworden zu sein, eine Lehre abzubrechen. Kurzfristig wirken Helferjobs wegen des hohen Mindestlohns oft sogar attraktiver als eine Ausbildung, von deren Lohn nach Steuern und Abgaben vergleichsweise wenig bleibt. Wenn sich Qualifikation kaum auszahlt, während der Sozialstaat den Verzicht darauf abfedert, stimmt etwas im System nicht.
Die Attraktivität einer Ausbildung entscheidet sich jedoch nicht nur am Einkommen, sondern auch an ihrer gesellschaftlichen Anerkennung. Ein Meisterabschluss sollte deshalb einem Hochschulabschluss nicht nachstehen. Eine praxisnahe Ausbildung, etwa im Handwerk, kann sogar wertvoller sein als ein Studiengang, dessen Abschluss am Arbeitsmarkt niemand braucht. Gerade in Zeiten Künstlicher Intelligenz dürften gut ausgebildete Fachkräfte in gefragten Branchen wie dem Handwerk weiter solide Berufsperspektiven haben. Gute Beispiele dafür gibt es viele. Man muss es nur wollen.
Damit berufliche Bildung attraktiver wird, muss der Weg dahin auch politisch aufgewertet werden. Bildungsreformen scheinen politisch wenig attraktiv, weil ihre Erfolge nicht innerhalb einer oder zweier Legislaturperioden sichtbar werden. In einer alternden Gesellschaft konkurrieren Investitionen in Bildung mit den Ausgaben für Rente und Pflege. Volkswirtschaftlich wäre Sparen am Nachwuchs aber falsch. Der Eintritt und das Verbleiben junger, gut gebildeter Menschen im Arbeitsmarkt muss stärker im Fokus stehen, um zu verhindern, dass die Jugend in den Sozialsystemen landet.
