
Die Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma liest dem Zürcher Vermögensverwalter Julius Bär die Leviten. Die Bank habe „in schwerer Weise gegen aufsichtsrechtliche Bestimmungen verstoßen“, teilte die Finma am Dienstag mit. Konkret geht es um Mängel im Risikomanagement und in der Verhütung von Geldwäsche, welche die Behörde im Zuge einer jahrelangen Sonderprüfung aufgearbeitet hat. Es war das fünfte sogenannte Enforcementverfahren der Aufsicht Finma gegen Julius Bär innerhalb von zehn Jahren. Die Bank ist also ein Wiederholungstäter, hat sich aber inzwischen neu aufgestellt.
Der Befund eines mangelhaften Risikomanagements steht im Zusammenhang mit den Krediten an den Pleitier René Benko. Julius Bär hatte dem Konglomerat des österreichischen Immobilienjongleurs zwischen 2019 und 2023 rund eine Milliarde Franken geliehen. „Julius Bär war für diese Kreditvergaben weder organisatorisch noch personell richtig aufgestellt. So fehlten lange ein genügendes internes Regelwerk, effektive Kontrollmechanismen sowie genügend ausgebildetes Personal“, schreibt die Finma.
Zudem habe die Vergabe von Privatkrediten („private debt“) nicht zur Geschäftsstrategie Bank gehört. Tatsächlich hat sich Julius Bär stets als lupenreiner Vermögensverwalter positioniert, der anders als zum Beispiel eine UBS kein Investmentbanking betreibt.
Interessenkonflikte und Fehlanreize
Julius Bär habe zudem zahlreiche Warnsignale ignoriert, die zu einer Reduktion der eingegangenen Risiken hätten veranlassen müssen. „Obergrenzen pro Einzelschuldner, die sich die Bank selbst auferlegt hatte, wurden kontinuierlich ignoriert und regulatorische Vorgaben zur Meldung von Klumpenrisiken verletzt.“
Die Aufseher stellten zudem diverse Interessenkonflikte und Fehlanreize fest. So hätten Mitarbeiter der Bank sowie externe Vermittler durch die Geschäfte mit Benko und dessen Gruppe millionenschwere Saläre und Provisionen kassiert. Julius Bär habe bei undurchsichtigen Geschäften mit Aktien der Signa-Gesellschaften geholfen. Umgekehrt habe Benkos Gruppe durch eine Durchlauftransaktion in Höhe von 60 Millionen Euro dafür gesorgt, dass die Gesamtkredithöhe Ende 2022 niedriger ausgewiesen worden sei, als es der Realität entsprach.
Julius Bär musste das per Ende 2023 bestehende Kreditengagement von 586 Millionen Franken schließlich vollständig wertberichtigen. Denn die von Benko hinterlegten Sicherheiten hatten sich als vollkommen unzureichend erwiesen.
Die von der Finma gerügten Verstöße gegen die Bestimmungen zum Schutz vor Geldwäsche betreffen namentlich nicht genannte Kunden aus dem Umfeld prominenter russischer Politiker. Julius Bär habe die Herkunft der zur Verwaltung anvertrauten Gelder dieser Personen über Jahre hinweg unzureichend abgeklärt und hinterfragt.
Die Finma kritisiert, dass Julius Bär trotz früherer Verfehlungen, bei denen es unter anderem um Geldwäschefälle venezolanischer Kunden ging, lange Zeit nicht gelungen sei, den nötigen Wandel in der Risiko- und Compliance-Kultur einzuleiten. In den vergangenen zwei Jahren sei dieser Wandel aber vollzogen worden.
Eine neue Führung für die Bank
Das Benko-Fiasko kostete zunächst dem damaligen Vorstandschef Philipp Rickenbacher den Job. Mit etwas Verzögerung gab auch der Verwaltungsratspräsident Romeo Lacher seinen Posten auf. Ihm folgte der Brite Noel Quinn, der bis 2024 die britische HSBC-Gruppe geführt hatte. Die operative Leitung von Julius Bär liegt seit Anfang 2025 in den Händen des Schweizers Stefan Bollinger. Der ehemalige Goldman-Sachs-Partner senkte die Kosten und stutzte den Vorstand um zwei Drittel auf fünf Mitglieder zurück. Seitdem im August der Amerikaner Peter Burrill die Finanzchefin Evie Kostakis abgelöst hat, besteht die oberste Führungsspitze komplett aus Neuzugängen von außen.
Als Resultat der von der Bank umgesetzten Maßnahmen im Risikomanagement hat die Finma früher verhängte Vorgaben bezüglich der Kapital- und Liquiditätsausstattung teilweise oder vollständig aufgehoben. Auch in der Kreditvergabe und bei der Auswahl seiner Kunden aus Hochrisikoländern hat Julius Bär jetzt wieder freiere Hand. Doch die Finma bleibt misstrauisch: Bis zum Jahr 2032 muss Julius Bär Rechenschaft über ihre Risiko-, Fehler- und Compliance-Kultur ablegen. Außerdem muss die Bank zusätzlich Eigenmittel von 250 Millionen Franken vorhalten, was allerdings nur noch halb so viel ist wie in der vorherigen Phase der Untersuchungen. Zudem muss sich Julius Bär Dividendenausschüttungen an die Aktionäre von der Finma genehmigen lassen.
Die Aufseher ziehen den Gewinn von rund zehn Millionen Franken ein, den die Bank durch die Geschäfte mit den russischen Problemkunden gemacht hatte. Außerdem eröffnen sie ein Verfahren gegen drei ehemalige Mitarbeiter der Bank, die möglicherweise für die Verletzung von aufsichtsrechtlichen Bestimmungen oder internen Weisungen verantwortlich sind.
Julius Bär anerkennt die Schlussfolgerung der Finma aus dem Enforcementverfahren. Das neu besetzte Führungsteam habe in Abstimmung mit der Finma eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, „um langjährige Altlasten anzugehen“, schrieb der Vorstandschef Bollinger in einer Mitteilung. Man habe in der gesamten Organisation eine Kultur „disziplinierter Risikoverantwortung“ etabliert.
