Die zivilgesellschaftliche
Solidarität mit Jüdinnen und Juden sowie jüdischen Gemeinden in Deutschland hat
weiter abgenommen. Zu diesen Erkenntnissen kommt das vom Zentralrat der Juden
in Deutschland herausgegebene Lagebild zur Sicherheitssituation jüdischer
Gemeinden in Deutschland. Die wahrgenommene
Unterstützung ist demnach seit der ersten Erhebung 2023 um fast die Hälfte
von 62 auf 35 Prozent gesunken. An der nun zum dritten Mal durchgeführten Studie nahmen
102 jüdische Gemeinden und Landesverbände teil.
Nach dem »explosionsartigen
Anstieg« des Antisemitismus infolge des 7. Oktober habe sich eine »neue
Normalität herausgebildet«, sagte der Präsident
des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zu den Ergebnissen
der Untersuchung. Man habe nun eine Lage, »in der jüdische Gemeinden permanent
geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums
eine Normalisierung erfahren hat«.
Es sei
eine Lage, in der auch Graffitis, die mitten in Berlin offen zum Mord an Juden
aufrufen, keinen Sturm der Entrüstung
mehr auslösten. Solche Zustände seien unhaltbar.
In der Nacht zu Sonntag hatten
Unbekannte in Berlin-Pankow an mehreren Hauswänden Todesdrohungen hinterlassen:
»Nur ein toter Jude ist ein guter Jude«, stand direkt neben den Fenstern
einer Wohnung im Erdgeschoss, an einem Eckhaus der Schriftzug »Kill all
Jews«, flankiert von einem Hakenkreuz. Wenige Tage später markierten Unbekannte die
Klingelanlage eines Berliner Wohnhauses mit einem roten Hamas-Dreieck und
beschmierten das Namensschild eines dort lebenden Journalisten mit roter Farbe.
Der Mann ist Mitarbeiter des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen
Antisemitismus (JFDA).
Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung und Sachbeschädigung mit politischem Hintergrund. In der Nacht zu Montag
beschmierten zudem Unbekannte in Cottbus eine Synagoge mit einem Hakenkreuz.
Ausnahmezustand als Dauerzustand
Besonders das Verhältnis zu muslimischen
Verbänden und Moscheegemeinden habe sich laut der Studie verschlechtert. Ein Austausch
zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden sei heute mehr Ausnahme als die
Regel, sagte ein Sprecher des Zentralrats, der die Ergebnisse der Erhebung
erläuterte. Auch das Verhältnis zur Partei Die Linke habe sich in den letzten
Jahren verschlechtert. Für viele Juden sei sie vor dem Hintergrund ihrer
zunehmend antizionistischen Ausrichtung nicht mehr wählbar, obwohl sie früher
als Verbündete wahrgenommen worden sei. Die Bedrohung werde aber aus
allen politischen Richtungen wahrgenommen, da Antisemitismus ein ideologieübergreifendes
Phänomen sei, sagte der Sprecher.
Das Gefühl der Unsicherheit hat insgesamt leicht abgenommen, bewegt sich aber weiter auf einem hohen Niveau. Laut der Untersuchung nehmen 68 Prozent der
befragten Gemeindefunktionäre ihr Leben unsicherer war als noch vor dem 7.
Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gazakrieg. Vor zwei Jahren sagten das noch 84
Prozent der Befragten. Je größer die Stadt und je präsenter die Gemeinde, desto
größer werde die Gefahr empfunden, sagte der Sprecher.
Fast jede zweite Gemeinde meldet antisemitische Vorfälle
Anders
als in vorherigen Kriegen habe die brüchige Waffenruhe zwischen Israel und der
Hamas im Oktober 2025 die Sicherheitswahrnehmung der jüdischen Gemeinden nicht
verbessert: 66 Prozent der Befragten berichten von keiner Veränderung, 18
Prozent von einer Verbesserung, 13 Prozent sogar von einer Verschlechterung des
eigenen Sicherheitsgefühls, so das Lagebild. Außerdem gaben 62 Prozent der
Befragten an, dass sich ihre
Sicherheitslage seit Beginn des Irankriegs weiter verschlechtert habe.
Im Alltag zeige sich die
Bedrohung in verändertem Verhalten: Jüdische Symbole würden verborgen,
besonders Kinder und Jugendliche verheimlichten ihre Identität. Jede fünfte
Gemeinde habe im vergangenen Jahr Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen
absagen müssen. Zudem meldeten 46 Prozent der Gemeinden antisemitische
Vorfälle im vergangenen Jahr. Dabei handelte es sich laut Lagebild vor allem um
Beleidigungen, Anfeindungen im Internet, Drohanrufe und antisemitische
Zuschriften, Sachbeschädigungen oder Schmierereien sowie Demonstrationen.
Über 90 Prozent der
Führungspersonen und Mitarbeitenden jüdischer Gemeinden fühlen sich demnach durch
die Situation merklich belastet, 41 Prozent davon stark oder sehr stark. Die
Nachfrage nach psychosozialer Unterstützung sei in 63 Prozent der Gemeinden
gestiegen.
Europäischer Kontext
Auch auf die Entwicklungen im
Ausland blicke man mit Sorge, sagte der Sprecher des Zentralrats. Dabei bezog
er sich auch auf die jüngsten Vorfälle in England und Belgien. Im Londoner
Viertel Golders Green hatte am Dienstagabend ein Angreifer mit einem Messer zwei
jüdische Männer attackiert und schwer verletzt. Die proiranische islamistische Gruppe Hayi beanspruchte den Anschlag für sich. In Brüssel wurde ein jüdischer Mann Ende vergangener Woche in der U-Bahn von drei Tätern angegriffen. Sie hatten auf ihn
eingeschlagen, antisemitische Parolen gerufen und seine Davidsternkette
entwendet. 89 Prozent der Befragten sehen das Sicherheitsgefühl in ihren Gemeinden durch Terroranschläge im Ausland teilweise bis sehr stark beeinträchtigt.
Während
es Auswanderungsbewegungen von Juden aus England, Frankreich, Spanien und Belgien nach
Israel gebe, sei dieser Trend in Deutschland allerdings noch nicht zu
verzeichnen. Das Vertrauen in deutsche Sicherheitsbehörden liegt mit 91 Prozent
Zufriedenheit unter den Befragten sehr hoch, auch wenn der Wert seit 2023 um
fünf Prozentpunkte gesunken ist. Der Zusammenhalt innerhalb der jüdischen
Gemeinden sei dagegen gestiegen: »Gerade junge Menschen suchen in diesen
Zeiten Zusammenhalt in Gemeinden und auf Jugendfreizeiten«, sagte der Sprecher
des Zentralrats.
Jedoch schätzten nach Angaben des
Lagebilds nur 13 Prozent der Befragten die Perspektive für jüdisches Leben in
Deutschland positiv ein. »Die Ergebnisse dieser repräsentativen Erhebung müssen
für Entscheidungsträger und die Gesellschaft gleichermaßen Alarmsignal und
Ansporn sein«, sagte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. Nur
enorme Kraftanstrengungen könnten diesen Trend umkehren.
