Über das Ankommen und das Abschiednehmen wird er im Festzelt sprechen. Ein Thema, das jeden Stadtschreiber umtreibt. Und auch die Bergen-Enkheimer Bürger interessiert. José Oliver ist der 52. Inhaber der Auszeichnung, die 1974 von der damals noch selbständigen Stadt Bergen-Enkheim gestiftet wurde.
Seitdem hat man am Rande Frankfurts mit Blick über die Stadt mehrere zukünftige Büchner-Preisträger und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller willkommen geheißen. Im Festzelt mit Bier und Apfelwein, wo Literatur und Volksfest zusammenkommen. Das Stadtschreiberfest ist Bergen-Enkheims viel bewunderte Eigenheit geblieben, auch wenn der Stadtschreiberpreis Vorbild für zahlreiche Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum wurde.
Vor seinem Abschied am 28. August, der auf dem Fest für seine Nachfolgerin Judith Kuckart stattfinden wird, ist Oliver hin und wieder im Stadtschreiberhaus. In den vergangenen Wochen hat er es allerdings nur sporadisch aufgesucht. Im Juli war er als Festivalleiter des „Hausacher Leselenzes“ im Schwarzwald gefragt, seines eigenen Literaturfests, das er in seiner Heimatstadt zum 29. Mal organisiert hat. Im August gab er der Sommerfrische dort unten den Vorzug vor Frankfurt. Er hoffte auf Kühle im Baumschatten der Schwarzwaldtannen, was ihm im sonnenverbrannten Rhein-Main-Gebiet niemand übel nehmen wird. In Südbaden ist Oliver, der 1961 in Hausach als Sohn andalusischer Eltern zur Welt kam, schließlich zu Hause.
Ein Tag mit dem Stadtschreiber
Seine schönste Erinnerung an das Jahr in Hessen ist die besondere Form der Antrittslesung, die er sich im Dezember 2025 ausgedacht hatte. „Mein Konzept: Stadtschreiber für alle.“ Die Lesung trug den Titel „Eine Geschichte, die weitergeht“, Oliver begann frühmorgens in einem Kindergarten, dann ging es weiter in eine Grundschule, anschließend in die achte Klasse einer Gesamtschule, dann in das Café „Schätze Bergn“, am Nachmittag in das Senioren- und Pflegeheim der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung und abends zur üblichen Veranstaltung in der Laurentiuskirche. Es sei eine für viele ganz neue Art der Antrittslesung gewesen, sagt er: „So konnte ich an einem Tag mehr als 300 Menschen poetisch begegnen.“
Und gibt es auch etwas, auf das er in seiner Zeit in Bergen-Enkheim hätte verzichten können? Ja, da ist etwas: „Das Stadtschreiberhaus ist in die Jahre gekommen, um nicht zu sagen, es ist äußerst gebrechlich geworden. Ich empfehle dringend einen Sanierungs-Check-up.“
Trotzdem fühlte er sich in Bergen-Enkheim stets willkommen. Einige Lieblingsplätze haben sich im Laufe des Jahres ergeben, kulinarisch zum Beispiel bei Wirtin Dragica Laschitsch in der „Alten Post“: „Ich war dort gerne Gast und werde es auch nach meiner Stadtschreiberzeit sein, wenn ich in Frankfurt bin.“ Auch das, was er die „verborgenen Erzählungen mancher Innenhöfe der Fachwerkhäuser“ nennt, hat es ihm angetan. „Die Morgenstille im Ried ist tröstlich, und manch Plätzchen, das mir den Blick auf die elegante Frankfurter Skyline freigab, werde ich vermissen.“
Großstadt und Dorf
Frankfurt beobachtet er ohnehin gern: „Die Stadt hat Lust darauf, Großstadt und Dorf zugleich zu sein und strotzt deshalb vor Lebensreiz. Ihre Vielfalt ist ein Zukunftsversprechen. Ihre Widersprüche tragen eine Art Hoffnung in sich, die mir gefällt und Mut macht.“
Beim Blick auf Bergen-Enkheim fiel ihm etwas anderes auf. Er glaube, dass der Ortsteil sich „wie viele andere kleinere Städte oder Stadtviertel, die in Deutschland mit Leerständen zu kämpfen haben“, nach einer Belebung durch „praktische Impulse und Alltagsvisionen“ sehne, die den Charakter des Zusammenlebens vor Ort neu „g:reifen“ ließen – er denkt sich das Wort mit einem Doppelpunkt, sodass es „greifen“ und „reifen“ zugleich enthält. Und wo er schon einmal dabei ist, teilt er eine weitere Frankfurt-Beobachtung: „Rund um das Thema Buch könnte die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den literarischen Einrichtungen und Institutionen der Stadt einen poetischen Booster gebrauchen.“
Gearbeitet hat Oliver im Stadtschreiberjahr hauptsächlich an Gedichten, aber auch an Konzepten für ihre Vermittlung, die er an der Schule am Ried in Enkheim und anderen Bildungseinrichtungen im Frankfurter Raum mehr als zehnmal praktisch erprobt hat.
Aufenthaltsstipendien müssen sich verändern
Ein solches Jahr helfe Autoren durchaus, sagt er: „Es schenkt Entlastung. Vor allem durch das großzügige Preisgeld. Wenn die monatlichen Grundkosten gedeckt sind, lässt es sich leichter am Eigentlichen arbeiten: Schreiben. Allein diese Sicherheit ist schon eine Stütze.“
Oliver ist Stadtschreiber in Dresden gewesen, hat Aufenthaltsstipendien an diversen Orten wahrgenommen und hält solche Auszeichnungen generell für sehr sinnvoll: „Sie müssen zum Teil lediglich in unsere Zeit und ihre gesellschaftliche Wirklichkeit übersetzt werden.“ Er denke vor allem an Autorinnen und Autoren mit schulpflichtigen Kindern, alleinerziehende Kolleginnen und Kollegen und solche, die von einem bestimmten Alter an vor einer neuen Herausforderung stünden, der Pflege der Eltern: „Es braucht heutige literatur-soziale Förderkonzepte. Bergen-Enkheim ist ja ein gutes Beispiel dafür. Man kann sich die Zeit des Aufenthalts einteilen – ohne Zwang.“

In den vergangenen zwölf Monaten war er aber nicht nur Stadtschreiber, sondern hatte auch andere Hüte auf, ist gereist, fand an anderen Orten statt, hatte allerlei im Kopf. „Ich lasse mich jeden Tag vom Leben überraschen“, sagt er: „Mein Vater arbeitete als Hutmacher – insofern war ich von Kindesbeinen an immer behütet und mein Kopf geschützt.“ Das beschirme ihn bis heute, „bei allen Projekten, die ich angehe, sowohl in Deutschland als auch international“.
Der Ruhm Bergen-Enkheims in Spanien
Sagt denn das Berger Stadtschreiberamt auch den Lesern etwas, die er auf seinen Reisen getroffen hat? „Die Älteren wissen manchmal davon, den Jüngeren muss davon erzählt werden.“ Das gelte für Bergen-Enkheim aber genauso wie für Innsbruck. Oliver jedenfalls ist seiner Botschafterfunktion nachgekommen: „Auch in Spanien wissen jetzt einige Literaturinteressierte, dass es dieses würdevolle Amt gibt.“
Das Organisieren des „Leselenzes“ hat ihm in Hausach das Gefühl gegeben, dass die Gegenwartsliteratur noch immer dazu imstande ist, Antworten auf die aktuellen Verhältnisse zu geben, „so vielfältig und hochsensibel“, dass ihre „poetische Magie“ den „oft viel zu oberflächlichen und populistischen Phrasen der Politik“ ein „sprachliches und inhaltliches Humanum“ entgegensetze: „Die Gegenwartsliteratur schenkt uns gesellschaftliche Leitmotive, die wir dringender brauchen denn je.“
Er hat, wie mehrere seiner Vorgänger, literarische Gäste nach Bergen-Enkheim eingeladen und ist gemeinsam mit Kollegen aufgetreten: „Ich liebe diese Form der Begegnung. Zuhören erfüllt mich, und in einem Gespräch das Gemeinsame zu entdecken, ist ein literarischer Doppelpunkt.“ Ohnehin legt er auf Freundschaft und Zusammenarbeit viel Wert, Vernetzung und Zusammenhalt sind aus seiner Sicht wichtig und würden es immer mehr: „Freundschaft ist mir heilig.“ Dialogfähigkeit sei ein Gradmesser für gesellschaftliches Zusammenwirken, mit der Sprache als „Fundament und Gütesiegel“. Der Grad der Zivilisiertheit einer Gesellschaft zeigt sich für ihn an der Fähigkeit, im Dialog miteinander zu bleiben, dem anderen zuzuhören und einander das Wort zu geben: „Respekt und Demut in einem. Und damit Würde.“
Am liebsten arbeitet Oliver an Gedichten. Im Oktober erscheint bei Matthes & Seitz Berlin sein neuer Gedichtband „Spracheln“. Der Titel gehe auf eine Aufzeichnung Friedrich Rückerts zurück, sagt er: „Er traf sich wohl einmal die Woche mit einem Freund, um über Wörter zu sprechen. Irgendwo in seinen Tagebüchern war deshalb die Rede davon, dass die beiden wieder einmal wunderbar ,gesprachelt‘ hätten. „Da dachte ich: Wow! Wunderbar. Und hatte meinen Titel.“
Der Band enthalte „Notizen und Notate, Verdichtungen und Gedichte“, heißt es in der Verlagsankündigung. Den Unterschied erklärt Oliver so: Wenn ihn etwas berühre, entstehe eine Notiz, wenn er an dieser Notiz arbeite, ein Notat. Vertiefe er sich in dieses Notat und schreibe an ihm weiter, münde der Text in eine Verdichtung, manchmal auch ein Gedicht: „Im Grunde sind das meine vier Arbeitsschritte.“ Manche Texte blieben Notizen, manche Notate, manche Verdichtungen: „Sie sind jeweils ein Ganzes. So wie das Fragment ein Ganzes sein kann und in sich stimmig wirkt. Denken Sie an den späten Hölderlin. Seine Fragmente sind Universen.“
Das Schreiben ist für Oliver „die Vision, die sich im Wort offenbart“. Der Dichter sei dabei „die Seinsform dieser Offenbarung“: „Immer. Auch im Nichtschreiben. Ich bin auch Dichter, wenn ich frühstücke, spazieren gehe, im Gespräch bin oder schweige. Schreiben heißt, zu lernen, die Welt, in der ich lebe, zu begreifen. Beim Schreiben stehe ich im Dialog mit mir und damit mit dieser Welt und ihren Welten.“ Ob in Bergen-Enkheim oder anderswo.
