
Endlich habe Deutschland einen Staatsfonds, mit dem jedes Jahr zusätzliche zweistellige Milliardenbeträge in die heimische Wirtschaft fließen könnten. So lauten Reaktionen auf die Empfehlung der Rentenkommission, kapitalgedeckte Elemente in die Rente aufzunehmen.
Richtig ist, dass im Ausbauzustand jedes Jahr 35 Milliarden Euro in die Kapitaldeckung fließen werden. Durch Einzahlungen und Renditen samt Zinseszinseffekt wird über wenige Jahre ein beträchtlicher Kapitalstock entstehen. Aber der Begriff Staatsfonds führt für Deutschland auf einen gefährlichen Holzweg. Ein klassisches Beispiel für einen Staatsfonds ist Norwegen, wo der Staat mit den Einnahmen aus dem Verkauf von Gas und Öl einen Fonds speist. Der entstehende Kapitalstock dient wiederum der langfristigen Finanzierung des norwegischen Staates, in dessen Verfügungsgewalt dieser Fonds steht.
Der Plan für Deutschland: individuelle Konten, eigentumsgeschützt
Der Plan für Deutschland ist anders: Hier sind es die Zahlungen der Rentenversicherten, die den Kapitalstock aufbauen. Und es sind damit allein diese Versicherten, denen die Verwalter des Kapitalstocks verpflichtet sind. Denn der Aufbau und der langfristige Erfolg des Kapitalstocks dienen ausschließlich dem Ziel, diesen Versicherten ein möglichst hohes Rentenniveau zu ermöglichen. Sie sollen – anders als in Norwegen – über individuelle Konten verfügen, auf denen sie in Echtzeit die Entwicklung ihrer eigentumsgeschützten Ansprüche verfolgen können.
Damit wird auch klar, dass der Betrag von 35 Milliarden Euro nicht allein nach Deutschland fließen kann. Denn eine globale Diversifizierung ermöglicht Teilhabe an Wachstumschancen in Ländern, die sich besser als Deutschland entwickeln, und in Industrien, in denen Deutschland nicht stark vertreten ist. Ebenso soll der Fonds in Anlageklassen investieren, die Versicherten nur schwer zur Verfügung stehen – die aber für Anlagen mit langfristigem Horizont wie bei der Rente besonders gut geeignet sind. Wie bei Stiftungen großer amerikanischer Universitäten sollten Investitionen für die Rente auch in weniger liquide Anlageklassen wie Venture Capital, Private Equity oder Immobilien fließen. Kurzfristige Schwankungen sind bei derart langfristigen Anlageentscheidungen nicht von Bedeutung. Im Gegenteil können zusätzliche Renditen erzielt werden, die den Versicherten zugutekommen.
Alles auf Rendite
Also alles auf Rendite, um das Rentenniveau der Versicherten nach oben zu bringen. Die Rentenkommission empfiehlt vergleichbar dem schwedischen Modell die Schaffung eines öffentlichen, international wettbewerbsfähigen Fonds. Dieser soll eine sehr kostengünstige und genau diese breit nach Ländern, Industrien und Anlageklassen gestreute Anlage ermöglichen. Dieser Fonds soll aber im Wettbewerb mit privaten Anbietern stehen, die nach vergleichbar strengen Kriterien investieren.
Wettbewerb um höchstmögliche Renditen ist ein entscheidender Faktor, um den öffentlichen Fonds vor politischer Einflussnahme zu schützen. Denn die Versuchung liegt nahe, den großen Kapitalstock für Investitionsprojekte einzusetzen, die politisch besonders gewünscht oder öffentlich gut zu verkaufen sind, oder damit schlicht Löcher im Haushalt zu finanzieren. Beide Möglichkeiten müssen ausgeschlossen werden.
Der Wettbewerb wird zusätzlich erhöht, indem Anleger regelmäßig die Möglichkeit erhalten, zwischen den verschiedenen Fondsanbietern zu wechseln. Wenn sie merken, dass ein Fonds sich nicht so wie gewünscht entwickelt, dann werden sie einen neuen Fonds für ihre Anlage wählen und das Management des vorherigen Fonds unter Zugzwang setzen, über bessere Anlagestrategien nachzudenken.
Neben dem Wettbewerb kommt der Governance des öffentlichen Fonds entscheidende Bedeutung zu. Dessen Management und dessen Aufsichtsgremien müssen mit international ausgewiesenen Fachleuten besetzt sein, für deren Gewinnung eine marktgerechte Vergütung die entscheidende Rolle spielt. Diese Gremien müssen politikfern besetzt werden, jeder Versuch politischer Einflussnahme muss von Anfang an streng unterbunden werden. Insbesondere muss sichergestellt werden, dass diese Governance wetterfest gegen Regierungswechsel ist.
Es braucht eine Finanzbildungsstrategie
Die Fonds können in diesem Rahmen attraktive Wahlmöglichkeiten anbieten. Wenn Versicherte in Hoffnung höherer Renditen bereit sind, mehr Risiko einzugehen, dann sollen die Fonds ihnen das ermöglichen. Ebenso können sie Präferenzen für Nachhaltigkeit, Wachstumskapital oder Europa abbilden. Damit wären die Fonds deutlich breiter aufgestellt als gängige Marktindizes, bei denen Deutschland keine große Rolle spielt.
Der Effekt geht aber weit über das Rentensystem hinaus. Deutschland hat zu lange gebraucht, eine Finanzbildungsstrategie zu entwickeln. Der wirksamste Teil der Finanzbildung liegt im eigenen Erleben. Es bietet sich die vielversprechende Aussicht, dass Menschen, die die Wirkungen des Kapitalmarktes im Rentenkonto erleben, ihre Erfahrungen auch für die eigene Geldanlage nutzen. Die Kapitaldeckung bietet damit große Chancen, die äußerst vielschichtig wirken – anders und breiter als vielleicht zunächst gedacht.
