Kaum ein Künstler von Weltrang hat einen historisch, geographisch und ethnologisch so weiten Musikbegriff wie der katalanische Gambist, Dirigent und Musikwissenschaftler Jordi Savall. Am 20. Juni wird er beim Mozartfest Würzburg dirigieren. Wir sprachen ihn vorab und erlebten den 84 Jahre alten Siemens-Musikpreisträger in lachender Frische.
John Cage warf die Frage auf: „Was hat Musik mit Klang zu tun?“. Wie lautet Ihre Antwort?
Musik benutzt den Klang, um etwas Konkretes zu konstruieren, etwas zu sagen und uns betroffen zu machen. Ohne Klang existiert Musik nicht.
Ist Musik nicht mehr als Klang?
Natürlich! Weil Musik Sprache und Kunst ist. Sie gelangt so nah wie möglich an die Dimension des Spirituellen.
Sie haben mit Ihren CD-Büchern viel Arbeit geleistet, Wissen durch Musik zu überliefern. Philosophen wie George Steiner, Religionswissenschaftler wie Raimon Panikkar, Schriftsteller wie José Saramago, Theologen und Kulturwissenschaftler wie Manuel Forcano standen Ihnen dabei zur Seite. Wie lässt sich dieses Wissen in Klang überführen?
Die Sprache der Musik ist etwas anderes als dieses Wissen von Philosophie, Geschichte und Literatur. Musik spricht in einer anderen Dimension. Aber was uns als Menschen ausmacht, wird durch alle übrigen Aspekte genährt. In dem Moment, da ich Musik mache, spricht meine Seele. Durch die Nahrung, die meine Seele bekommen hat, wird meine Sprache interessanter, intensiver und eloquenter. Die geistige Dimension ist viel größer als die Musik, doch die Musik ist viel mehr als bloße Information aus allen anderen Disziplinen. Das ist eine paradoxe Konstellation, nicht wahr?
Vielleicht können Sie das erläutern.
Die Musik geht weiter als alle anderen Sprachen – aber ohne Konkretion. Das ist ihre große Qualität. Musik, auch wenn sie keine philosophischen oder politischen Inhalte kennt, spricht nur dann, wenn jemand ihre Sprache beherrscht und um Kontexte weiß. Nur dann kann man Emotionen auf ein Publikum übertragen. Musik ist immer Kommunikation. Mit Ausnahme vielleicht einer radikalen Lust an sich selbst, mit der ein Komponist sich ein Stück vorzustellen vermag. Doch eigentlich wird Musik immer geschaffen, um den Menschen zu treffen.
Ihre Arbeit umspannt inzwischen tausend Jahre Musikgeschichte – und zwar nicht nur Europas. Sie haben sich ebenso mit Südamerika, dem Nahen wie dem Fernen Osten beschäftigt. Wie verändert diese Ausdehnung der Interessen Ihr eigenes Musizieren?
Sehr stark. Wenn man andere Kulturen kennt und andere Arten, mit Schönheit umzugehen, wird man reicher und reifer. Dass ich andere Kulturen besucht und sie studiert habe, hat meinen Charakter und mein Können geformt. Im vergangenen Jahr habe ich Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ dirigiert. Es gibt darin Stücke, an denen man Schumanns Versuch bemerkt, die orientalischen Kulturen in seine eigene Musik zu übertragen. Ich bemerkte sofort eine Prägung durch die alten Maqams, wie man sie in der osmanischen Zeit gepflegt hatte. Wenn man andere Kulturen kennt, bemerkt man solche Verbindungen leichter. Wenn man die türkische Musik des späten 18. Jahrhunderts kennt, versteht man das Genie Mozarts in seinem „Alla turca“ besser.
Ist Ihr eigenes Verhältnis zum Maqam, also zur traditionellen Musik der arabischen, persischen und türkischen Welt, ähnlich eng wie das zur Musik von Marin Marais, dem Hofgambisten Ludwigs XIV., der Sie sich viel gewidmet haben?
Nicht ganz. Meine Erfahrung mit Maqams beschränkt sich auf eine bestimmte Kulturepoche und auf die Zusammenarbeit mit Musikern von heute. Mein Verhältnis zu Marais ist ein Lebenswerk. Sie erstreckt sich von 1965 bis heute. Das sind Jahrzehnte intensiver Übung, Lektüre und Überlegung, aus denen dann Kenntnis und Können hervorgingen, in Konzerten und Aufnahmen gefestigt. Das geht viel weiter als meine Beziehung zur türkischen Musik.
Also ist Musik eine Sprache, die erlernt werden muss und nicht unmittelbar verständlich wird?
Musik ist eine Sprache, die – bei allem Respekt vor der linguistischen Bedeutung des Wortes – viele Dialekte hat. Es gibt viele Arten, diese Sprache zu sprechen, die in Verbindung stehen zu Kulturen und Epochen. Aber die Sprache ist eine. Sie mag vom Mittelalter bis zur Ars nova des 14., 15. Jahrhunderts anders sein als von der Ars nova bis heute. Die musikalische Sprache des Vorderen Orients, die Sprache Chinas, die Sprache der keltischen Musik mögen sich voneinander unterscheiden – aber wir spielen immer mit Klängen, mit Rhythmen, die objektiv verständlich sind. Ich kann japanische oder indische Musik spielen, werde sie aber nicht so verstehen wie ein Inder oder Japaner, der darin aufgewachsen ist. Ich kann versuchen, eine jahrtausendealte Kultur kennenzulernen, aber ein emotionales Verständnis dafür zu entwickeln wie für unsere europäische Kultur, ist noch etwas anderes.
Der Musikwissenschaftler Nguyen Van Nam beschrieb einmal die höfische Kammermusik Südvietnams. Wenn dort die Tonstufe Çang mit einer bestimmten Verzierung versehen werde, löse das bei Kennern dieser Musik eine Gänsehaut aus. Sind solche körperlichen Reaktionen nicht auch Teil des musikalischen Verstehens?
Ja! Und wir werden das nicht so intensiv spüren, weil wir nicht in dieser Kultur stecken. Ich kannte einen orientalischen Musiker, der Magen-Darm-Krankheiten mit einem Darmsaiten-Instrument geheilt hat, indem er durch bestimmte Vibrationen Verbindung zum kranken Körper aufnahm. Das ist möglich. Wir haben viele dieser alten Traditionen vergessen. Genau wie man vor der modernen Pharmakologie überwiegend mit Kräutern geheilt hat. Dieses Wissen ist uns verloren gegangen – in der Medizin wie in der Musik. Die Musik jeder Zeit und jeder Kultur hat ihre eigene Sprache entwickelt. Und man hat uns eine Zeit lang glauben zu machen versucht, es gäbe da einen Fortschritt. Das ist aber falsch.
Ich kann doch nicht sagen, dass Schönberg besser sei als Palestrina! Oder Brahms besser als Monteverdi. Es gibt eine Entwicklung der Sprache, eine Entwicklung von Komplexität – aber Kunst bleibt Kunst. Und deren Qualität ist bezogen auf die jeweilige Epoche. Man kann doch nicht behaupten, dass die Malerei Picassos interessanter und weiter entwickelt sei als die Michelangelos.
In den alten Hochkulturen Chinas, Ägyptens, der griechischen Antike und des christlichen Mittelalters saß die Musik immer an zentraler Stelle des Bildungssystems. Heute wird Musikunterricht entweder gar nicht oder fachfremd erteilt.
Absolut! Das erzählt viel über die Dekadenz unserer Zivilisation. Allerdings ist uns von der Musik der antiken Hochkulturen nichts geblieben außer Erzählungen. Musik, und das ist ihr großes Problem, kann man nicht dauerhaft überliefern wie Architektur oder Bilder. Sie wird jeden Tag neu geboren durch eine menschliche Stimme oder menschliches Spiel. Deshalb gibt es keine „Alte Musik“. Es gibt alte Partituren, alte Manuskripte – aber Musik lebt jeden Tag neu.
Verändert der Ernst-von-Siemens-Musikpreis Ihre Arbeit nun noch einmal? Oder bestätigt der Preis die Arbeit, die Sie seit mehr als einem halben Jahrhundert geleistet haben?
Der Preis ist eine große Anerkennung für das, worum ich gekämpft habe, und er gibt mir Rückhalt, um vor der Europäischen Kommission für eine bessere Unterstützung der Musiker und Ensembles einzutreten, die das musikalische Erbe vor 1900 im Originalklang pflegen. Ich werde zugleich einen Teil des Preisgeldes in ein Projekt investieren, an dem wir bereits als Team arbeiten. Es handelt sich um eine ambitionierte Initiative, die ich ins Leben gerufen habe: die Förderung des europäischen musikalischen Erbes in der digitalen Welt – ob Klassik, Jazz oder traditionelle Musik – durch innovative Ideen und Tools.
In letzter Zeit haben Sie sich wieder viel mit Mozart beschäftigt: bei ihrem Debüt als Dirigent bei den Berliner Philharmonikern, bei Ihrer kürzlichen Neuaufnahme einer Rekonstruktion der unvollendeten C-Moll-Messe KV 427. Haben Sie nach Ihren großen Exkursionen durch die Zeiten und über die Kontinente hinweg eine neue Sehnsucht nach Mozart?
Mozart hat mich mein Leben lang begleitet. Ich bin Musiker geworden durch sein Requiem. Das erste Werk, das ich mit Orchester und Chor dirigiert habe, war das Mozart-Requiem. Es ist auch das einzige Werk, das ich zweimal aufgenommen habe. Man hat einmal Rossini gefragt, wer der beste Komponist sei. Rossini antwortete: „Beethoven“. Dann fragte der Journalist nach: „Und Mozart?“. Und Rossini antwortete: „Mozart – c’est l’unique!“
Rossini erzählt Jahre später: „Mozart war das Vorbild meiner Jugend, die Verzweiflung meiner mittleren Jahre und der Trost meines Alters.“ Das ist so! Mozart ist ohne Vergleich. Beethoven ist unglaublich: ein Genie, ein Monster, ein Revolutionär! Aber Mozart kommt viel weiter – mit weniger Mitteln! Trotz meiner großen Liebe zu Schumann und Beethoven bleibe ich immer bei Mozart. Nach über dreißig Jahren Beitrag zur Wiederentdeckung vergessenen Erbes ziehe ich jetzt große Befriedigung daraus, mir bekannte Stücke vorzunehmen, genaues Quellenstudium zu betreiben und eine Interpretation zu suchen, die aus den Vorstellungen des Komponisten und seiner Zeit kommen könnte. Das ist eine moderne Leistung, erwachsen aus dem Können und der Forschung von Musikern, die sich Spieltechniken und Klangvorstellungen auf originalen Instrumenten wieder neu erarbeitet haben.
Sie waren gerade auf einer Amerika-Tournee, werden bald 85 Jahre alt – wie schaffen Sie es da noch, detailliertes Quellenstudium zu betreiben?
Erstens: Ich fühle mich ziemlich gut, wenn ich fünf Stunden geschlafen habe. Das gibt mir ein bisschen mehr Zeit als anderen Menschen. Gestern war ich um zwei Uhr nachts im Bett und um sieben Uhr morgens schon wieder auf. Nach Dusche und Schwimmen saß ich dann schon wieder bei der Arbeit. Zweitens: Ich habe so viel Freude an dem, was ich mache, intellektuelle, künstlerische, menschliche Freude durch die Musiker, mit denen ich arbeite, und durch das Publikum, das mir viel zurückgibt. Das ist eine enorme Quelle von Energie. Man muss das erleben, um es zu verstehen. Neulich gab ich ein Konzert in Valencia mit meinem Projekt zur Musik aus dem Ospedale della Pietà …
… dem venezianischen Mädchenwaisenhaus, wo Antonio Vivaldi Lehrer war.
Wir hatten ein Orchester aus Streichern, Pauken, Trompeten, Traversièren, Oboen und Fagott nur mit jungen Musikerinnen und einen zwanzigstimmigen Frauenchor. Wir haben das Magnificat und das Gloria aufgeführt, wie Vivaldi selbst es im Ospedale dirigiert hatte – nur mit Frauen! Das war ein Klang, den man nie zuvor gehört hat. Diese Schönheit schenkt einem eine enorme emotionale Kraft. Die Fähigkeit, jung zu bleiben, hängt mit unserer Ernährung zusammen, der körperlichen wie der spirituellen. Wenn ich vier Stunden gestanden und dirigiert habe, fühle ich meine Beine natürlich. Aber das ist nur eine momentane Ermüdung des Körpers, nicht des Geistes. Was ich mache, schenkt mir so viel Freude, dass ich den Lauf der Jahre weniger spüre.
