
Es war so nichtssagend, dass es an Komik grenzte. Als Apple kürzlich Geschäftsergebnisse vorlegte, nahm an der Telefonkonferenz nicht nur der scheidende Vorstandschef Tim Cook teil, sondern auch sein Nachfolger John Ternus. Der 65 Jahre alte Cook hatte ein letztes Mal die Hauptrolle und bestritt einen großen Teil der Veranstaltung, aber ein Analyst versuchte, auch Ternus einzubeziehen, und fragte ihn nach einer Einschätzung zu Apples Wettbewerbsumfeld. Wenn er hoffte, vom künftigen Apple-Chef etwas Substanzielles zu hören, wurde er enttäuscht. Ternus antwortete knapp, er sehe viele Chancen für Apple, und das Unternehmen wolle sich auf seine Pläne fokussieren. Die unmissverständliche Botschaft: Ternus hat keinerlei Absicht, sich vor seinem Amtsantritt in die Karten schauen zu lassen.
Apple steht vor einer Zäsur. Eines der wertvollsten Unternehmen der Welt wird am 1. September erstmals seit Langem die Führung auswechseln, wenn Cook den Vorstandsvorsitz an Ternus übergibt. Cook hatte den Posten einst vom legendären Mitgründer Steve Jobs übernommen, der 2011 gestorben ist. Nun vollzieht sich ein Generationswechsel. Mit seinen 51 Jahren ist Ternus etwa so alt wie Cook bei seinem Antritt. Es könnte also eine abermalige lange Ära an der Apple-Spitze beginnen.
Allerdings sind die Vorzeichen diesmal anders, denn Cook wird dem Elektronikkonzern als Geschäftsführender Vorsitzender des Verwaltungsrats erhalten bleiben und somit eine Aufsichtsfunktion haben. Das wirft die Frage auf, wie viel Freiraum sich Ternus nehmen wird und kann. Cook hat oft erzählt, Jobs habe ihm einst mit auf den Weg gegeben, er solle sich nicht ständig fragen: „Was würde Steve tun?“ In seiner Amtszeit hat er es fraglos geschafft, aus dem Schatten seines Vorgängers herauszutreten, er ist eine der überragenden Führungspersönlichkeiten in der amerikanischen Wirtschaft geworden. Die Messlatte liegt somit auch für Ternus sehr hoch. Insofern wird es zu seinen Bewährungsproben gehören, ob er Apple künftig führen wird, ohne zu fragen: „Was würde Tim tun?“
„Eine geborene Führungskraft“
Cook selbst hat seinen Nachfolger jedenfalls mit Vorschusslorbeeren überschüttet. Er hat gesagt, es gebe „niemanden auf diesem Planeten“, dem er mehr zutrauen würde, Apple in die Zukunft zu führen. Ternus sei „ein brillanter Ingenieur, ein tiefgründiger Denker, eine Person mit bemerkenswertem Charakter und eine geborene Führungskraft“.
Die Cook-Ära war für Apple in vielerlei Hinsicht eine Erfolgsgeschichte. Finanziell geht es dem Konzern prächtig. Der Jahresumsatz hat sich in Cooks Amtszeit fast vervierfacht und lag zuletzt bei 416 Milliarden Dollar. Neben den Geräten, für die Apple in erster Linie bekannt ist, hat Cook ein Dienstleistungsgeschäft mit Angeboten wie Apple Pay und Apple TV aufgebaut, das mittlerweile mehr als 100 Milliarden Dollar Umsatz bringt. Auch an der Börse hat sich Apple prächtig geschlagen. Als Cook antrat, betrug die Marktkapitalisierung rund 300 Milliarden Dollar, heute sind es fast 4,5 Billionen Dollar.
Aber Cooks Bilanz ist nicht ungetrübt. Er hat es zwar meisterhaft verstanden, aus der bestehenden Palette von Apple-Geräten durch Weiterentwicklungen und die Einführung immer neuer Varianten möglichst viel herauszuholen. Unter seiner Führung kamen auch Produkte wie die Digitaluhr Apple Watch und die Airpods-Kopfhörer heraus, die sich gut verkaufen. Dem stehen aber auch Flops wie die Computerbrille Vision Pro gegenüber. Und ein ganz großer Wurf gelang ihm nicht: In die Amtszeit von Steve Jobs fielen bahnbrechende Geräte wie iPods, iPhones oder iPads. Im Vergleich dazu konnte Cook nicht mithalten. Pläne für ein Apple-Auto, die in der Autoindustrie jahrelang für Aufregung sorgten, wurden wieder aufgegeben.
Am Ende von Cooks Amtszeit erzielt Apple noch immer rund die Hälfte seines Umsatzes mit dem iPhone, das in der Jobs-Ära herauskam. Und so solide die Finanzlage heute sein mag, stellt sich doch die Frage, wie gut der Konzern für die Zukunft gerüstet ist. Manche Beobachter werten es als beunruhigend, wie wenig Apple bisher auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz zu bieten hat. Beispielsweise hat sich die Entwicklung einer KI-Version des Assistenzprogramms Siri erheblich verzögert. Apple sah sich schließlich gezwungen, auf Hilfe seines Wettbewerbers Google zurückzugreifen und dessen KI-Modell Gemini in Siri zu integrieren. In der Branche wird auch die Frage gestellt, ob Smartphones im KI-Zeitalter grundsätzlich an Bedeutung verlieren werden. Der ChatGPT-Entwickler Open AI arbeitet gerade mit dem früheren Apple-Designchef Jony Ive an speziellen Geräten für KI-Dienste. Apple investiert nicht annähernd so viel Geld in seine KI-Initiativen wie Google und manche anderen Technologiekonzerne. Wobei dies gerade in jüngster Zeit an den Finanzmärkten nicht mehr nur als Makel gewertet wird, weil sich Zweifel mehren, ob sich die hohen KI-Investitionen auch auszahlen.
Ein halbes Leben lang bei Apple
Schon lange, bevor Apple im April den Führungswechsel ankündigte, ist in der Branche spekuliert worden, wer Cook einmal nachfolgen könnte. Ternus hatte sich zuletzt als Favorit herauskristallisiert, zumal er verstärkt in der Öffentlichkeit auftrat, etwa bei der Einführung neuer Produkte. Seine Berufung wird weithin als mögliches Signal gesehen, dass Apple verstärkte Anstrengungen unternehmen will, zu früherer Innovationskraft zurückzufinden. Im Vergleich zu Cook gilt Ternus eher als Produktmann, wenn auch vielleicht nicht gerade als Produktvisionär, wie es Jobs war. Er war zuletzt für die Entwicklung der gesamten Hardwarepalette verantwortlich, ob nun für ganz neue Geräte oder für Neuauflagen bestehender Produkte. Der gebürtige Kalifornier ist ein Apple-Veteran und hat hier gewissermaßen sein halbes Leben verbracht. Er kam 2001 zum Unternehmen, es war die zweite Station nach seinem Maschinenbaustudium. Im Laufe seiner Karriere hatte er eine führende Rolle in der Entwicklung von Produkten wie dem iPad oder den Airpods. Er war auch an der als richtungsweisend geltenden Entscheidung beteiligt, in Macintosh-Computern Intel-Halbleiter mit eigenen Chips zu ersetzen, was die Rechner erheblich schneller machte. In seinem Führungsstil gilt er ähnlich wie Cook als kollegial und umgänglich. Sein erster Chef bei Apple beschrieb ihn gegenüber der „New York Times“ als „Mann des Volkes“.
Ternus versteht sich selbst als Perfektionist. Das hob er vor zwei Jahren in einer Rede zur Abschlussfeier an der University of Pennsylvania hervor, wo er selbst studiert hat. Er erzählte von seinem ersten Projekt bei Apple, einem Computermonitor. Er war in der Fabrik eines Lieferanten und zählte mithilfe einer Lupe, wie viele Rillen die Köpfe der Schrauben hatten, die auf der Rückseite des Bildschirms montiert waren. Es waren 35 anstatt der von Apple spezifizierten 25. Ternus begann einen Streit mit dem Lieferanten und wunderte sich dabei zunächst selbst, ob die Schrauben die Aufregung wert waren, zumal sie vielen Nutzern womöglich gar nicht auffallen würden. Aber dann dachte er, wann immer er diesen Computer irgendwo sehe, wolle er das Gefühl haben, sein Bestes gegeben zu haben. Die Lektion von Ternus für die Studenten: Es ist wichtig, mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein.
In der Cook-Ära ist die Rolle des Apple-Vorstandschefs um einiges politischer geworden. Als US-Unternehmen, das einen großen Teil seiner Produkte in China fertigen lässt, steht Apple im Spannungsfeld der geopolitischen Auseinandersetzungen dieser beiden Länder. Cook hat gerade im Umgang mit Donald Trump diplomatisches Geschick bewiesen und sich bei ihm eingeschmeichelt. Er hat dem US-Präsidenten Investitionen versprochen und ihm sogar ein Geschenk ins Weiße Haus gebracht, das teilweise aus Gold war. Womöglich hat all das dazu beigetragen, dass Apple bislang bei Importzöllen glimpflich davongekommen ist. Diese Diplomatenrolle wird Cook wohl behalten, auch wenn Ternus Vorstandschef ist. Apple hat gesagt, Cook werde weiter in den Dialog mit Politikern auf der ganzen Welt eingebunden sein.
Nach dem Führungswechsel dürfte sich das Rampenlicht sehr schnell auf Ternus richten. Im September steht für Apple üblicherweise die wichtigste Veranstaltung des Jahres auf dem Programm, auf der neue iPhones vorgestellt werden. Diesmal wird damit gerechnet, dass Apple sein erstes faltbares iPhone zeigen wird.
In seiner Rede vor Studenten sprach Ternus davon, wie es sich anfühlt, neue Aufgaben zu übernehmen und nicht zu wissen, ob man ihnen gewachsen ist. Er erzählte, wie eingeschüchtert er an seinem ersten Tag bei Apple von den neuen Kollegen war, die ihm alle so kompetent und souverän vorkamen. Aber er sagte, im Laufe seiner Karriere habe er einen „Trick“ gelernt, der ihm helfe, eine gute Mischung aus Selbstbewusstsein und Bescheidenheit zu finden: „Gehe immer davon aus, dass du genauso klug bist wie alle anderen im Raum – aber nie davon, dass du genauso viel weißt wie sie.“
