Die Verleihung des Herbert Quandt Medien-Preises hat in diesem Jahr im Zeichen der Weltpolitik, vor allem aber des 100. Geburtstags der im Jahr 2015 verstorbenen Johanna Quandt, gestanden. In einer persönlichen Rede nahm ihr Sohn Stefan die Gäste mit auf eine Reflexion, die an seine verstorbene Mutter erinnerte, eine der prägendsten Unternehmerinnen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Dass man sich an diesem Tag im Hotel Hilton Airport am Frankfurter Flughafen einfand und nicht wieder am traditionellen Ort, begründete BMW-Großaktionär Quandt mit Offenheit: „Im Januar wurde unsere Stiftung und unsere Preisverleihung von der Weltpolitik eingeholt.“ Denn da erreichte seine Schwester und ihn die Nachricht, dass der traditionelle Veranstaltungsort, das Hotel Hilton Gravenbruch, zum Immobilienbesitz eines iranischen Geschäftsmanns zählt, der als Berater des Mullah-Regimes und finanzieller Unterstützer der Revolutionsgarde auf der Sanktionsliste britischer Behörden steht. Damit sei eine Umorientierung unabdingbar gewesen.
Diese geopolitisch erzwungene Verlegung führte dann aber nicht nur zu einer räumlichen, sondern auch zu einer zeitlichen Verschiebung, die Quandt nun als „Wink von oben“ bezeichnete. Der traditionelle Termin, der 22. Juni, nämlich der Geburtstag seines Vaters Herbert Quandt, war am neuen Ort belegt. Man wich auf den 21. Juni aus: „Denn just am heutigen Tag hätte unsere Mutter ihren 100. Geburtstag feiern können.“ Und so wurde die Preisverleihung zu einer Reflexion über die Frage, „was von einem Leben bleibt“. Quandt, der auch Mitglied des Aufsichtsrats der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist, zeichnete in seiner Rede das Bild einer Frau, deren Lebensweg fernab linearer Vorhersehbarkeit verlief.
Wenn im Leben die großen Weichen gestellt werden
Oft seien es gerade die Brüche im Hier und Jetzt, wenn in einem Leben die großen Weichen gestellt würden: Für Johanna Quandt war ein solcher Moment die Rückkehr im Alter von 19 Jahren ins zerstörte Berlin, wo sie vom Tod ihres Vaters erfuhr. Ein weiterer Einschnitt war aus der Sicht ihres Sohnes ihr früher Schritt in die Unabhängigkeit. Denn 1955 entschied sich die junge Frau, in die USA zu ziehen. Die drei Jahre, auf sich gestellt, fern der Heimat, „schenkten ihr Selbstbewusstsein in einer Zeit, … in der die Welt für Frauen häufig noch recht eng war“.

Der wohl weitreichendste Bruch ereignete sich nach den Worten Quandts aber im Jahr 1982: Ihr Mann Herbert war unerwartet verstorben; sie konnte nicht bei ihm sein, was eine Bürde blieb. Dieser Schicksalsschlag katapultierte sie in eine neue Dimension der Verantwortung. Sie sah sich mit Aufgaben konfrontiert, auf die sie zu dem Zeitpunkt – vordergründig – nicht vorbereitet war. Herbert Quandt hatte in seinem Testament verfügt, dass sie an seine Stelle treten und seine wichtigsten Mandate übernehmen sollte. In erster Linie stand dabei natürlich die Beteiligung von gut 50 Prozent an BMW, dazu kam etwa der Chemiekonzern Altana. Und der Verlust wurde zum Aufbruch, so beschreibt es ihr Sohn: Ohne kaufmännische Ausbildung, dafür mit Intelligenz, echtem Menschenverstand und Verantwortungsbewusstsein bewahrte sie sein Vermächtnis und übertrug anderthalb Jahrzehnte später ein gut bestelltes Haus auf die nächste Generation, also auf Stefan Quandt und seine Schwester Susanne Klatten.
Aus dieser wirtschaftlichen Kraft erwuchs nach den Worten von Stefan Quandt ihre weitreichende philanthropische Tätigkeit. Die Stiftung Charité, die Unterstützung krebskranker Kinder und die Förderung des Qualitätsjournalismus zeugen von ihrem erweiterten Verantwortungsbegriff – und dem auf diesem Weg erweiterten Gestaltungsraum des Vermögens einer der reichsten deutschen Familien. Sie habe stets nach einem ungeschriebenen Leitsatz agiert: „Johanna Quandt ging es nie um Sichtbarkeit. Ihr ging es um Wirkung.“ Dies habe ihrem Grundsatz entsprochen, nie viel Aufhebens um die eigene Person zu machen. Auf die Frage von Passanten: „Sind Sie die Frau Quandt?“, entgegnete sie gern augenzwinkernd: „Leider nein – schön wär’s.“
„Johanna Quandt Jubiläumsfonds“ gegründet
Um das wertebasierte Vermächtnis von Johanna Quandt nun nachhaltig in die Zukunft zu tragen, kündigte Quandt am Sonntag die Gründung eines „Johanna Quandt Jubiläumsfonds“ an, der mit einem Vermögen von zehn Millionen Euro ausgestattet werde. Diese Mittel fließen künftig in die Förderung der Medizin, Musik und zwischenmenschlichen Verständigung – und natürlich in die Projekte, die Johanna Quandt schon zu Lebzeiten wichtig waren.
Der Medien-Preis, der seit 1986 „das stete Bemühen um ein angemessenes, ausgewogenes Bild von Unternehmertum“ fördert, rückte schließlich ebendies wieder ins Rampenlicht. Quandt und die Jury würdigten die Arbeiten der Preisträger Natascha Pflaumbaum, Karen Grass, Kristina Schlömer und Ute Mattigkeit, Wolfgang Würth sowie Felix Holtermann und Thomas Jahn.
