Der deutsche Außenminister steht im U-Bahn-Depot in Charkiw, hinter ihm die Trümmer eines Waggons, die Seite eingedrückt, das Dach zerfetzt. Shahed-Drohnen aus Russland haben das Depot in großen Teilen zerstört. Gerade hat der Bürgermeister der Stadt Johann Wadephul erzählt, wie er es geschafft hat, dass die U-Bahnen heute trotzdem wieder verlässlich fahren, und wie wertvoll die Tunnel sind: um den Menschen Schutz zu bieten und, zu Beginn des Krieges, um die umkämpften Teile der Stadt zu evakuieren. Wadephul sagt, er spüre in der Stadt einen „unheimlichen Widerstandswillen“, „einen Geist, dieser russischen Gewalt zu widerstehen, das Leben aufrechtzuerhalten und die Ukraine zu verteidigen“. Während er das sagt, schrillt auf einem Handy wieder ein Luftalarm.

Zum vierten Mal ist Wadephul als Außenminister in die Ukraine gereist, rund um die Feierlichkeiten zum 35. Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes. Zum ersten Mal aber reist er so weit in den Osten, zum ersten Mal so nah an die Front: Charkiw. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine, nur knapp 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, ist beständig Ziel von Angriffen.
Entsprechend groß ist die Geheimhaltung, als die Kolonne von gepanzerten Pick-ups am Samstagnachmittag aus Kiew Richtung Osten aufbricht: Eine Nacht verbringt der Minister in Poltawa, dann reist er am frühen Sonntagmorgen weiter nach Charkiw. Schon viele Kilometer vor der Stadt ist eine zerstörte Tankstelle nach der anderen zu sehen, sie sind in den vergangenen Wochen verstärkt das Ziel der russischen Angriffe geworden. In den Feldern liegen lange Gräben zur Verteidigung, davor Stacheldraht. Dann kommen die Checkpoints der Armee: Willkommen in Charkiw.
Stunden später steht Wadephul vor dem zertrümmerten Waggon im U-Bahn-Depot und sagt: „Wir müssen an der Seite der Ukrainerinnen und Ukrainer stehen, die ihre Freiheit verteidigen, die unsere Freiheit verteidigen, die sich gegen diese russische Aggression zur Wehr setzen, trotz all der Belastung, die das Leben hier mit sich bringt.“
Wadephul hat vorher Verantwortliche der Stadt und Streitkräfte gesprochen, sich über die militärische Lage informieren lassen und die Schäden der russischen Angriffe in der Stadt gesehen. Auch ein Kraftwerk hat er besucht, gerade als die Sirenen für den nächsten Flugalarm losheulten. Keine Minute blieb dann bis zum Einschlag. Wadephul sagt, das sei auch der Appell an alle anderen, die zur Koalition der Willigen gehörten und die vielleicht noch etwas zögernd dastünden in der Weltgemeinschaft. „Ihr müsst euch alle fragen, wo ihr in dieser Situation steht.“
Während Wadephul in Kiew ist, schlagen Raketen in einem Vorort ein
Es soll eine Botschaft über die Grenzen der Ukraine hinweg sein bis in seine Heimat: Vergesst diesen Krieg nicht, vergesst nicht das Leid. An Kiew ist die Botschaft, dass man in der Unterstützung nicht nachlassen werde, nur weil die Aufmerksamkeit für den Krieg geringer werden mag in Deutschland und der Welt. Schon als Wadephul am Samstagmorgen mit dem Zug in Kiew eintrifft, spricht er vom „wahllosen Mord an Zivilisten“ und kritisiert, dass Russland gezielt die Energieinfrastruktur der Ukraine angreife, um die Lebensgrundlagen zu zerstören und den Durchhaltewillen der Menschen zu brechen.
Als größter bilateraler Unterstützer der Ukraine kann sich Wadephul bei seinem Besuch vieler freundlicher Dankesworte sicher sein. Doch dürfte er wie auch seine Gastgeber wissen, dass Deutschland zu dem, was die Ukraine gerade so dringend braucht, nicht allzu viel beitragen kann: Der ukrainische Getreide-Export ist wegen der Angriffe auf Häfen und Schiffe zusammengebrochen, diplomatisch tut sich wenig auf dem Weg zu einem Ende des Krieges, der Winter naht, und vor allem bei der Luftverteidigung ist die Not groß.
Allein im Juli sind 437 ukrainische Zivilisten getötet worden, es war die höchste monatliche Opferzahl seit Mai 2022. Um die ballistischen Raketen abzufangen, fehlen der Ukraine die Mittel. Bei Drohnen ist von Abfangraten um die 90 Prozent die Rede, bei ballistischen Raketen hingegen ist sie deutlich geringer, fast alle schlagen ein. So auch, als Wadephul am Samstag mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj das Veteranen-Forum im Zentrum von Kiew besucht. Kurz vor der Rede des Außenministers geht der Luftalarm los. Das Veteranen-Forum läuft weiter. Mindestens drei ballistische Raketen schlagen in einem Vorort östlich von Kiew ein. Später wird Wadephul berichten, dass bei dem Angriff zwei Menschen gestorben sind, darunter ein Kind.

Als Wadephul im ukrainischen Außenministerium neben seinem Amtskollegen Andrij Sybiha steht, lobt dieser zwar das deutsche Engagement und die deutsche Technik. Iris-T-Systeme und Gepard-Flugabwehrpanzer retteten jeden Tag Menschenleben in der Ukraine, sagt er. Allen ist aber klar, dass es für die Abwehr der ballistischen Raketen Patriot-Systeme braucht und noch weit mehr Abfangraketen dafür. Knapp waren die schon den ganzen Krieg über, spätestens durch den israelisch-amerikanischen Angriff auf Iran aber ist der Mangel dramatisch, weil die Lager in Amerika sich geleert haben.
Das macht die Suche nach Raketen für die Ukraine, an der Deutschland sich schon lange beteiligt, noch schwieriger. Zwar gibt es Partner mit Raketenbeständen wie Spanien, Griechenland, aber auch Südkorea und Japan, bei denen Berlin immer wieder mal angefragt hatte. Doch die machen eigene Verteidigungsbedürfnisse geltend. Mit dem französischen Außenminister Jean-Noël Barrot will Wadephul nun wieder versuchen, auf die Partner einzuwirken – die Eindrücke seiner Reise sollen helfen, die Dringlichkeit zu unterstreichen, gerade auch die Eindrücke aus Charkiw.
In Charkiw schlendern Familien durch die Parks
Die Stadt pendelt zwischen Ausnahmezustand und trotziger Normalität. Die nördlichsten Stadtviertel sind schwer vom Krieg gezeichnet. In den ersten Tagen von Russlands Invasion belagerten die Russen die Stadt von Norden und Osten, sie konnten erst unmittelbar an der Stadtgrenze zurückgeworfen werden. Mit Artillerie und Mehrfachraketenwerfern nahmen sie Wohnviertel unter Beschuss. Später gelang es der Ukraine, sie zurückzudrängen. Heute verläuft die Front im Norden des Gebiets nicht an der Staatsgrenze, die Russen sind wieder etwas näher an Charkiw herangerückt.
Auch deshalb werden Drohnen hier zunehmend zum Problem. In den vergangenen Wochen und Monaten schlugen im Norden der Stadt immer wieder welche ein. Nun werden Drohnenschutznetze errichtet. Hinzu kommt die Gefahr von Gleitbomben. Russische Flugzeuge werfen sie über eigenem Territorium ab, mit nachgerüsteten Navigationsmodulen gleiten sie ins Ziel. Für die Ukrainer sind sie nicht abzuwehren. Überall in der Stadt sieht man Sperrholzplatten, die in den Druckwellen zerborstene Fenster ersetzen. 50 Prozent der Wohnhäuser sind beschädigt oder ganz zerstört.
Doch all das kann im herausgeputzten Stadtzentrum schnell in Vergessenheit geraten. In diesen Sommertagen schlendern dort Familien durch die Parks. Menschen sitzen in den Cafés, fotografieren sich vor Sehenswürdigkeiten und jenen Denkmälern, die noch nicht zum Schutz verhüllt wurden. Der Himmel ist blau, und die Sonne drückt schon, als Wadephul am Sonntagmorgen im Zentrum ankommt. Eine Zeremonie zum Tag der Nationalflagge steht im Programm. Die ukrainische Fahne weht träge am 102 Meter hohen Fahnenmast, dem höchsten des Landes. Wadephul trifft den Gouverneur des Oblast Charkiw. Der erzählt ihm, dass der „schlechte Nachbar“ nicht weggehen werde. Dass man an einer Zukunft unter der Erde arbeite, an unterirdischen Krankenhäusern, unterirdischen Universitäten.
Diplomatisch scheint so bald kein Weg aus diesem Krieg zu führen. Schon weil in Moskau nicht nur aus Berliner Perspektive keine Bereitschaft zu erkennen ist, sich zu bewegen. Und auch wenn Wadephul sagt, er werde nach seiner Reise auch mit dem amerikanischen Außenminister Marco Rubio sprechen, dürften sich die Hoffnungen auf eine abermalige amerikanische Initiative zu Verhandlungen gerade in Grenzen halten. Zu viel Kraft fordert ein Ausweg aus dem Irankrieg von Washington.
Der ukrainische Außenminister Sybiha macht vor der Presse zwar klar, dass man ohne Amerika nicht zum Frieden kommen werde, und kündigt an, dass man amerikanische Verhandler erwarte. Details aber nennt er nicht. Gerüchte über einen Besuch von Trumps Krisen-Beauftragten Jared Kushner und Steve Wittkoff gibt es schon länger. An diesem Montag feiert die Ukraine offiziell den Unabhängigkeitstag, zahlreiche Staats- und Regierungschefs werden in Kiew erwartet – digital soll sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz zu einem Treffen der Koalition der Willigen zuschalten.
Die Vorbereitungen auf den Winter haben begonnen
Wadephul kündigt in Kiew an, mit Blick auf den Getreideexport helfen zu wollen – wie sehr das Problem drängt, hört der Außenminister bei seinem Besuch auch persönlich vom Präsidenten. „Wir müssen in der Europäischen Union und mit den Nachbarländern schauen, was wir an zusätzlichen Transportwegen schaffen können, das Getreide aus der Ukraine herauszubringen“, sagt Wadephul. Es brauche „einen verstärkten internationalen Druck auf Russland“, um den Export über das Schwarze Meer wieder zu ermöglichen. In Kiew sagt Wadephul auch, dass er zumindest bei einem Thema die Ukraine „eher beruhigt“ verlasse: Zuletzt hatten der Wechsel des Verteidigungsministers und Korruptionsermittlungen im Umfeld des Präsidenten für Unruhe gesorgt. Wadephul sagt, es gebe eine funktionierende politische Diskussion und Korruptionsermittlungen. Das politische System funktioniere.
Beunruhigender ist, was Wadephul am Samstagabend beim Übernachtungsstopp in Poltawa hört. In kleiner Runde sitzt er mit drei Gemeindevorstehern aus der Region zusammen und lässt sich erklären, wie sie sich auf den Winter vorbereiten: Mit dezentraler Stromversorgung, auch mit Solar und Holz, und Generatoren, für die aber der Diesel so teuer sei. Die Sorge ist außerdem, dass nach Strom und Wärme vor allem die Wasserversorgung immer mehr zum Ziel der russischen Angriffe werden könnte.
In Charkiw sitzt Wadephul dann mit Studenten in einem Keller der Karasin-Universität. Es ist eine der besten im Land. Vorher wird er durch die langen Gänge des pompösen Hauptgebäudes geführt, in denen kaum noch ein Student unterrichtet wird. Fast alles läuft seit der Vollinvasion digital. Wadephul wird an Pinnwänden vorbeigeführt mit Dutzenden Fotos, es sind die Toten der Universität. Im Keller erzählen die Studenten, dass sie praktisch ihr ganzes Studium allein am Computer verbracht hätten. Die Universität will vom neuen Semester an wieder mehr als 2000 Studenten in Präsenz unterrichten. In einem neuen Gebäude, unterirdisch. Wadephul sagt zu den Studenten, er wolle ihnen, den Menschen, der Zukunft der Ukraine, alles Gute wünschen. Und er sei zuversichtlich, dass man eine gemeinsame Zukunft in Europa habe.
Nach gut fünf Stunden ist Wadephul dann wieder raus aus Charkiw.
