Schließlich kauern sich die beiden jungen Leute ins Zelt auf dem Campingplatz in der Geltinger Bucht und spielen Flucht. Die Kulisse: Gustavs zum Trocknen aufgehängtes Hawaii-Hemd. Die Bühne: ein Pappkarton mit Geschirr, ein Hakenkreuz auf der Unterseite jedes einzelnen Tellers, jetzt, vierzehn Jahre nach Kriegsende, eigentlich unbrauchbar. In dieser Szene aus Jochen Missfeldts neuem Roman „Abschiedssommer“ trifft vieles aufeinander, was das Schreiben des 85 Jahre alten Schleswig-Holsteiners, was auch seine vorigen drei ebenfalls um den fiktiven Ort Solsbüll kreisenden Romane ausmacht: das Alltagsleben im hohen Norden Deutschlands. Und die Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit in jener typischen Mischung aus Absurdität und Plausibilität, wie sie der unumgängliche Pragmatismus in einem Ausnahmezustand mitunter hervorbringt.

Gespielt haben Johanna, im Winter 1945 aus Königsberg an die dänische Grenze geflohen, und Gustav schon als Kinder in Solsbüll, auf den Findlingen am Wasserfall: Mann und Frau, Verdursten oder Zirkus. Jetzt sind die beiden siebzehn, achtzehn und ein Paar – einander seit Langem vertraut und seit Kurzem doch etwas fremd geworden, nach einer Eifersuchtsszene und längerer Funkstille. Erst Johannas Mutter Claude vermochte sie zu beenden, indem sie Gustav zu sich zitierte, ihm den Auftrag gab, sich nach seinem Fauxpas „etwas Gutes einfallen“ zu lassen, und den Besuch ihrer Tochter auf dem Campingplatz in Aussicht stellte.
Dort hatte Gustav inzwischen die Vorjahresbekanntschaft Lidia wiedergesehen, anders als Johanna im Krieg ohne Eltern in Flensburg angekommen, sodass sie sich keines Geburtsdatums, nicht einmal ihres Namens sicher sein kann. Ihr Schicksal, von Jochen Missfeldt in vertrauter Beiläufigkeit erzählt, ist erschütternd: In einem Erholungsheim für Kinder an der Geltinger Bucht konnte sie erst aufwachsen, dann durfte sie dort arbeiten, bis sie sich doch anderswo eine Stelle suchen sollte. Die fand sie auf einem nahe gelegenen Gut, der Sohn des Hauses fand Gefallen an ihr. Jetzt ist die junge Frau schwanger.
In dem Kinderwagen, den sie schiebt, als Gustav sie wiedersieht, liegt noch kein Kind, sondern besagter Pappkarton. Darin alles, was ihr der Leiter des Erholungsheims wohl mit den Gefühlen eines Ersatzvaters als Aussteuer mitgeben konnte: das Wehrmachtsgeschirr mit dem Hakenkreuz. Die alte Gutsherrin will es nicht im Haus haben. Lidia wäre es am liebsten los – und nötigt es Gustav kurzerhand zur Verwahrung auf. So landet es in seinem Zelt.
Wäre er früher geboren worden
Sommer 1959: Die jungen Leute spielen Jazz und tanzen Rock ’n’ Roll, und sie müssen zugleich nur einen Teller umdrehen oder den Dauercampern in der Geltinger Bucht zuhören, schon ist die NS-Zeit mit ihren Verheerungen wieder greifbar. Auch wenn Gustav auf seine Nachfragen hin immer wieder gesagt bekommt, er möge die alten Geschichten ruhen lassen, „lass uns nicht ungemütlich werden“. Statt seinen Erzähler jetzt zum Ermittler zu machen, der Geheimnissen, womöglich Verbrechen der Kriegszeit auf die Spur kommt, hält Jochen Missfeldt das Interesse seines Gustavs kunstvoll in der Schwebe: zwischen eigener Neugier, Fassungslosigkeit und Nachsicht gegenüber dem Schweigebedürfnis der Älteren. Im eigenen Wunsch zu verstehen, aber auch alles hinter sich zu lassen. Das Einordnen und Deuten überlässt der Autor seinen Lesern, das Gewicht überlässt er den Tatsachen, die er schildert.
Die Fluchtgeschichte von Johannas Familie aus Ostpreußen etwa erfährt Gustav aus einem Tagebuch, das ihre Mutter diskret für ihn zurechtgelegt hat. Missfeldt rückt seinen Erzähler in die Distanz: Zusammen mit Johanna, kaum drei Jahre alt damals im Januar 1945, überführt er das Beschriebene und das Verschwiegene, Johannas frühkindliche Erlebnisse und Gustavs Ahnungen in ein Theaterstück. Aufgeführt ohne Publikum von ihr als Dramaturgin und ihm als Regisseur, im Zelt, vor dem Hawaiihemd, auf dem Nazigeschirrkarton. Das Figurenensemble verzeichnet neben den Flüchtenden auch einen Kriegsmaler und die Behörde, selbst die Dauercamper haben ihren chorischen Auftritt. Das Geschilderte verliert durch diese Rahmung jede erzählerische Aufdringlichkeit und kann seine Eindringlichkeit doch bewahren.
Die kurze persönliche Verbindung mit Auschwitz
Zwei weitere Male erlaubt sich Jochen Missfeldt Verfremdungseffekte dieser Art: Johannas Mutter Claude arbeitet bei Gustavs Onkel in einem Flensburger Miederwarengeschäft. Als die beiden zu einer Messe nach Hannover reisen, deutet sich in der Begegnung mit dem Conférencier einer Miedermodenschau an, dass Claude im hohen Norden doch nicht auf Dauer ihre neue Heimat gefunden hat. Gustav verfolgt das Geschehen aus traumhafter Vogelperspektive.
Jahrzehnte nach dem Sommer 1959 erfährt er, dass sein ehemaliger Kunstlehrer zuvor Kriegsmaler war. Und nicht nur das: Gerhard Fritz Hensel, der tatsächlich Jochen Missfeldt unterrichtet hatte, war Schwager des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, hatte ihn und dessen Familie mehrfach besucht und dort auch gemalt. Jetzt stellt sich Gustav vor, er wäre zwanzig Jahre früher auf die Welt gekommen und in den frühen Vierzigern selbst nach Auschwitz gereist, um sich dort alles anzusehen. Missfeldt lässt eine Stimme in der Diktion der frühen kindlichen Rollenspiele die imaginierten Erlebnisse schildern: „Du würdest …, du hättest …“
In vier Romanen hat Jochen Missfeldt jetzt von Gustav und dessen Familie, aus dem Örtchen Solsbüll und von dessen Bewohnern erzählt, aus der Umgebung, aus Flensburg zuletzt, jener Stadt, deren Bevölkerungszahl sich in den letzten Kriegsmonaten durch den Zustrom von Flüchtlingen mehr als verdoppelte. Er hat dabei aus seiner Familiengeschichte geschöpft, nicht ohne Grund teilt er mit seinem Erzähler Geburtsjahr und -monat. Die Freiheit, die sich der Schriftsteller dabei genommen hat, das Selbsterlebte zu montieren und zu kombinieren, um in Archiven Gefundenes und Ausgedachtes zu ergänzen, macht die Solsbüll-Tetralogie zu einem eindrucksvollen Panorama deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Die Freiheit, die er dabei seinen Lesern lässt, selbst ein Verhältnis zum Geschilderten zu finden, macht sie zur besonders reizvollen Lektüre.
Jochen Missfeldt: „Abschiedssommer“. Roman.
Dtv, München 2026. 240 S., geb., 23,– €.
