Die Schuhe, natürlich die Schuhe. Wenn es bei dieser Fußballweltmeisterschaft ein auffälliges äußerliches Merkmal gab, mit dem zuvor niemand gerechnet hatte, dann waren es die Schuhe der Spieler. Sie waren überwiegend pink. Selbst wenn sie von Adidas oder Puma, Nike, New Balance oder Skechers waren und sich die einen beim näheren Hinschauen eher in gedämpftem Lachs vom grünen Rasen absetzten, die anderen in knalligem Neonpink, und wieder andere mit einem Rotstich, sahen sie doch alle gleich aus.
Das passt, denn auch Zivilisten neigen bei Schuhen zu einer gewissen Uniformität. Mal haben Adidas-Gazelle- oder Adidas-Samba- oder Nike-Cortez-Sneaker ihren Moment, aktuell befinden wir uns im Havaianas-Flip-Flops- und Birkenstock-Boston-Sommer.
Für die Fußballer war es also die WM in pinken Schuhen. Es war aber überhaupt alles so schön pink bei diesem in logistischer wie politischer Hinsicht komplizierten Turnier. Wenn Manuel Neuer sich streckte, um den Ball zu fangen, der auf sein Tor zuschoss, dann tat er das mit kaugummipinken Handschuhen. Die Torhüter von Ghana und Kroatien liefen gleich ganz in Pink auf. In Miami bekamen die Schiedsrichter Ausrüstung in Flamingorosa gestellt. Und wenn Spieler als Einwechsel-Option auf der Bank saßen, trugen sie häufig Leibchen in Puderrosa.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Unabhängig davon, ob die Argentinier oder die Spanier am Sonntag den Pokal mit nach Hause nehmen: Die heimliche Siegerin dieser Spieler könnte die weiblichste aller Farben sein. Selbst im Männersport schlechthin ist sie jetzt offenbar angekommen.
Man muss nicht so weit gehen, in die pinken Schuhe, die pinken Leibchen, Trikots und Handschuhe ein neues Bild von Männlichkeit hineinzulesen. Fußballspieler bleiben ja auch Männer, obwohl man für die Zuordnung ihrer Frisuren jetzt ein Glossar benötigt (Buzz Cut, Taper Fade, Short Shag, etc.) und sie sich zwischen den Spielen für Instagram beim Shopping fotografieren wie einst die Frauen der englischen Spieler in Baden-Baden für den Boulevard. Und obwohl sie, wie der neue norwegische Superstar Erling Haaland, mit Luxustaschen von Hermès, Chanel und Louis Vuitton unterwegs sind. Aber, soviel ist dann schon festzustellen: Auch Pink passt jetzt in diese Fußballwelt, in der es optisch gerne ein bisschen mehr sein darf.
Erst Häme, dann ein Bestseller: das EM-Auswärtstrikot in Pink-Lila
Vor zwei Jahren passte es zunächst gar nicht. Bevor die halbe Nation das EM-Auswärtstrikot der Deutschen in Pink-Lila trug und es bis heute nicht abgelegt hat, bekam der Ausrüster Adidas viel Häme ab. Und vor sieben Jahren diente ein Trikot in Rosa noch als Aprilscherz des mittlerweile Drittligisten Fortuna Düsseldorf.
War ja auch naheliegend: Fußball, das ist bei allen Bemühungen, geschlechterstereotype Sozialisation zu vermeiden, noch immer einer der ersten Momente im Leben von Kindern, in denen ihnen klar wird, wer Junge und wer Mädchen ist. Natürlich gibt es auch Mädchen, die sich lieber bewegen, und Jungs, die lieber basteln. Aber mehrheitlich wollen die einen Trikot tragen, gehen raus und funktionieren den Hof zum Fußballrasen um. Die anderen, tja, versinken in Pink. Perlenarmbänder, Tüllröcke, Barbies, Baby Born.
Problematisiert wurde das schon zur Genüge, als würden Mädchen beim gemeinsamen Perlenfädeln weniger Kompetenzen erlangen als Jungs beim Kicken eines Balls. Gewiss ist allerdings, die Spielzeugindustrie schöpfte mit dem Aufkommen des billig in Pink einzufärbenden Plastiks in den Fünfzigerjahren sämtliche Möglichkeiten aus, die Signalfarbe für ihre Zwecke zu nutzen.
Die Kritik an eben jenen Mechanismen folgte rasch in den Jahrzehnten danach. Hinter Pink lassen sich viele offenbar unumstößliche Ungerechtigkeiten verstecken. Die Pink Tax, zum Beispiel. Frauen zahlen demnach häufig mehr für Haarschnitte und Pflegeprodukte als Männer für die gleichen Dinge. Die Pink-Steuer hält sich offenbar hartnäckiger als schon beschlossene Gesetzesvorhaben zur Transparenz von Lieferketten und Sauberkeit von Heizungen.

Aber nachdem auch den schärfsten Kritikerinnen klar wurde, dass dieser pinke Anstrich auf Ü-Eiern und Legoboxen nicht einfach zu entfernen ist, dass Protest leider auch nichts bringt und dieses Pink vielleicht – einmal ganz oberflächlich betrachtet – sogar hübsch sein kann, machten sich Frauen die Farbe vor gut zehn Jahren eben zu eigen.
Tauchte fortan ein Pinkton auf, konnte man immer noch an Billigplastik denken, an Mädchen in traditionellen Rollenmustern, aber bei dieser Gelegenheit fiel einem dann eben auch Lena Dunhams Bestseller „Not That Kind of Girl“ ein, mit viel Pink auf dem Cover. Oder Periodenprodukte, die nicht mehr steril mintfarben sein mussten, als gelte es etwas zu verstecken, sondern eben geradeheraus pink. Oder ein Meer aus Demonstranten mit pinkfarbenen Pussyhats auf den Köpfen bei den Frauenmärschen 2017. Oder Politikerinnen wie die amerikanischen Demokratinnen Alexandria Ocasio-Cortez und Nancy Pelosi, die in den Folgejahren häufig Blazer und Lippenstift in Pink trugen.
Sichtbarkeit und eine gesunde Dosis Selbstdarstellung
So weit ist es mit dieser Farbe gekommen. Pink war vielleicht mal die lieblichste Farbe der Welt, bevor sie zur kompliziertesten wurde – und dann zur eigenwilligsten. Zur Farbe für Sichtbarkeit und eine gesunde Dosis Selbstdarstellung. Warum sollten sich also Männer die Chance, die Pink ihnen damit bietet, entgehen lassen?
Zehn Jahre nach dem politischen Pink folgt jetzt gewissermaßen das Fußballpink, ein knalliger Neon-Ton, der so auffällig ist, dass selbst zwei der berühmtesten Logos der Welt, die Adidas-Streifen und der Nike-Swoosh, in der Unkenntlichkeit verschwinden. Ihre Besitzer aber fallen auf. Lichtjahre, genauer gesagt Hunderte, nachdem Pink aus den Kolonien Asiens und Südamerikas importiert wurde und an den Königshäusern Europas zur Trendfarbe unter Männern avancierte, gibt es an Pink nichts mehr misszuverstehen. Wer Pink trägt, wird nicht verklärt oder gar verniedlicht, sondern gesehen.
Bleibt das jetzt so? Die Möglichkeit besteht jedenfalls, dass Pink für die heutigen Kita- und Grundschuljungen in, sagen wie einem knappen Jahrzehnt, zur Weltmeisterschaft 2034 in Saudi-Arabien eine selbstverständliche Farbe sein wird. Eine, in der sie dann mit 13, 14 oder 15 Jahren einfach gut aussehen. Blasse Erinnerung an diese allgegenwärtige Knallfarbe aus ihrem ersten WM-Sommer werden sie ja noch haben.
