Seit dem erneuten Aufflammen der Kämpfe im Jemen ist nach Angaben der Vereinten Nationen die Zahl der Binnenflüchtlinge stark gestiegen. Innerhalb von zwei Wochen seien zusätzlich etwa 37.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben worden, teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit. Mitte Oktober waren es demnach mehr als 250.000 Schutzsuchende, zehn Tage zuvor meldete die UN noch etwa 213.000 Vertriebene. Das UNHCR sei »zutiefst beunruhigt angesichts der sich verschärfenden Lage«, sagte der Sprecher Matthew Saltmarsh.
Besonders kritische Lage in Tais
Besonders betroffen sei die Großstadt Tais, wo die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz den Belagerungsring um die Stadt mit mehreren Hunderttausend Einwohnern in den vergangenen Wochen immer enger zog. Tagsüber schlug dort eine Rakete der Huthi in einem Wohngebiet ein. Zwei Mädchen seien getötet und sechs weitere Menschen verletzt worden, teilten örtliche Behörden mit. Mehrere Gebäude wurden demnach beschädigt.
»Seit der letzten Eskalation im September sind etwa 120.000 Menschen – mehr als die Hälfte aller neu Vertriebenen im Jemen – nach Tais geflohen«, sagte Akhil Iyer, Länderrepräsentant für den Jemen beim UN-Kinderhilfswerk (Unicef). Viele seien bereits mehrmals geflohen und erreichten bereits überfüllte Orte mit wenig Lebensmitteln oder sauberem Wasser, sagte Iyer. Laut Unicef seien mehr als 52.000 Kinder akut mangelernährt.
UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk verlangte den unverzüglichen Zugang für Hilfslieferungen in die Stadt. Die Blockade der einzigen Versorgungsroute durch die Huthis stelle eine große Gefahr für die Zivilbevölkerung dar, sagte er. Zudem können laut Unicef vorhandene Nahrungsmittel für unterernährte Kinder nicht verteilt werden, weil Benzin für die Lastwagen fehle und die Sicherheitslage so prekär sei. Es gibt allerdings laut Unicef eine neue Vereinbarung mit den Huthis, Energienahrung für unterernährte Kinder zu liefern. Die Lebensmittel sollen von Unicef und anderen Hilfsorganisationen verteilt werden und für die kommenden sechs Monate reichen.
Drei Millionen Menschen von Wassernotstand bedroht
Im gesamten Land verzeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Verdreifachung der Cholera-Verdachtsfälle innerhalb von drei Wochen. Durch knappes Trinkwasser und fehlende Sanitäranlagen steigt demnach das Risiko für Cholera und Durchfallerkrankungen. Diesel-Engpässe bedrohten den Betrieb von Wasserpumpen, während sich die Preise für geliefertes Trinkwasser nach UN-Angaben in den vergangenen Wochen verdreifacht haben. In der Region um Tais sind laut Unicef schätzungsweise drei Millionen Menschen von Wassernotstand bedroht. Davon seien mindestens 1,6 Millionen Kinder.
Von der Treibstoffknappheit seien ebenso die Müllabfuhr und zwölf Krankenhäuser in der Stadt betroffen. Deren Vorräte reichen nach Angaben der WHO noch für etwa vier Tage. Auch lebenswichtige Medikamente würden knapp.
Angriffe der Huthi auf Militärlager und Wohngebiet
Der Bürgerkrieg im Jemen ist im Zuge des Irankriegs neu eskaliert. Die vom Iran unterstützte Huthi-Miliz nahm bei einer Offensive weite Teile der Westküste am Roten Meer ein und rückte auch in andere Provinzen vor. Die Regierung versucht, mithilfe verbündeter Milizen und Saudi-Arabiens die Huthis zurückzudrängen.
Mehr als 70 Menschen waren zuetzt bei einem Raketenangriff der Huthi auf ein militärisches Ausbildungslager im Süden des Landes getötet worden. Dabei handele es sich um neue Rekruten im Alter zwischen 18 und 20 Jahren, sagte der Gouverneur der Provinz Schabwa.
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