Im Frühling des Jahres 1972 geht in Paris ein junger Mann jeden Nachmittag in das Café de Flore, um dort zu lesen. Er hat keinen offensichtlichen Beruf, die Lektüre ist für ihn das, was für andere Menschen Arbeitszeit ist. Sein Name ist Alexandre. Er ist eine Figur in einem Film aus dieser Zeit: „La Maman et la Putain“ („Die Mama und die Hure“) von Jean Eustache. Wer ein wenig mit dem französischen Kino vertraut ist, wird den Schauspieler des Alexandre sofort erkennen: Jean-Pierre Léaud, der 1959 am Beginn einer der großen Erneuerungsbewegungen des Kinos stand, mit seiner Hauptrolle in „Les 400 coups“ („Sie küssten und sie schlugen ihn“) von François Truffaut.
Die Premiere in Cannes war der Paukenschlag der Nouvelle Vague, der Neuen Welle. Nun, im Frühling des Jahres 1972, ist Léaud nicht mehr ganz jung, aber er sieht genauso aus, wie man ihn für alle Zeiten kennen wird: ein schmales, scharf konturiertes Gesicht, das dichte, schwarze Haar in der Mitte geteilt, der magere Körper in einem Anzug, um den Hals ein geknotetes Tuch, manchmal auch zwei. In der Hand immer eine Zigarette. Der Star Léaud und der Regisseur Eustache teilen sich nun für nahezu vier Stunden diese Figur des Alexandre, die Züge von ihnen beiden trägt und die zugleich ihr fiktives Leben mit zwei Frauen teilt: mit der Krankenschwester Veronika und mit Marie, der Inhaberin einer Boutique. „La Maman et la Putain“ ist die Geschichte dieser beiden Dreiecke oder Triangulierungen. In einer Geschichte der Gegenwart könnte man Eustaches Film als einen Punkt markieren, an dem die sexuelle Revolution ihren ambivalenten Höhepunkt erreicht. Was bleibt danach? Einfach weiter vögeln? Wahre Liebe? Oder ewiger Diskurs?
In Berlin läuft das Gesamtwerk von Eustache
Jean Eustache starb schon 1981, wenige Tage vor seinem 43. Geburtstag. Er nahm sich das Leben, nachdem er in Griechenland einen schweren Unfall gehabt hatte, der ihn zur Untätigkeit zwang. Sein Werk ist schmal, neben dem Hauptwerk „La Maman et la Putain“ noch der autobiographische „Mes petites amoureuses“ (1974) und eine Reihe von kürzeren Arbeiten, darunter „Le Jardin des délices de Jérôme Bosch“, in dem Eustaches Freund Jean-Noël Picq über das Gemälde „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch räsoniert. In den letzten Jahren wurden alle diese Filme restauriert und digitalisiert, und nun hat der Verleih Grandfilm die Initiative ergriffen und bringt sie neu ins Kino – zudem zeigt das Hauptstadtkino Arsenal, das erst kürzlich im Berliner Wedding seine Tätigkeit nach einem Umzug neu aufgenommen hat, bis Mitte August das Gesamtwerk von Eustache.
Es gibt also Gelegenheit für eine neue Generation, einen Filmemacher kennenzulernen, der in Frankreich als Brückenfigur von Godard, Truffaut, Resnais, Varda zu Olivier Assayas, Claire Denis oder Bertrand Bonello gesehen wird. Mit „La Maman et la Putain“, der auch jetzt wieder im Mittelpunkt des Interesses stehen wird, erweist Eustache sich aber vor allem auch als eine eminente Figur der Verarbeitung und vielleicht auch Überwindung des Mai 1968. Alexandre, der mit der Gallimard-Ausgabe von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ im Flore sitzt, scheint zwar von dem Versuch eines revolutionären Umsturzes der Verhältnisse in Frankreich denkbar weit entfernt. Aber er steht eben auch für eine der vielen kleinen Verzweigungen zwischen sektiererischer linker Radikalisierung und einer Wendung ins Intime.
Den Maoismus, die stärkste politische Richtung anno 1973, scheint Eustache einmal regelrecht satirisch aufs Korn zu nehmen, als Alexandre in einem Café auf eine Runde in der Ecke verweist, in der Sartre sitzt, der „Suffkopf“, der „Sufftiraden“ über den chinesischen Weg des Kommunismus von sich gibt. Von der unverwechselbaren Erscheinung des Philosophen Jean-Paul Sartre ist aber im Bild nichts zu sehen, sodass unklar bleibt, ob Eustache hier Alexandre einfach als einen Schwätzer und Angeber darstellen möchte. Wahrscheinlicher aber war ihm die Invektive tatsächlich wichtig, und er nahm einfach beliebige Anwesende für den Starintellektuellen, der im Übrigen tatsächlich in den ikonischen Cafés verkehrte, in denen auch Alexandre seinen Alltag verbringt – und in denen Eustache mit seiner 16-mm-Kamera so beiläufig drehte, als wäre er schon halb in der Handycam-Gegenwart der digitalen Zukunft angelangt.
„Das hier ist kein Roman“, sagt die Geliebte
Die vielen Verabredungen und zufälligen Begegnungen im Deux Magots und im Flore und in vergleichbaren Etablissements strukturieren den Film. Zu Beginn will Alexandre seine frühere Geliebte Gilberte davon abhalten, einen anderen Mann zu heiraten. Sie begegnet seinen komplizierten Beteuerungen und seinem umständlichen Werben mit einem lakonischen Satz: „Das hier ist kein Roman.“ Damit ist Alexandre bei ihr aus dem Spiel, denn er ist ja eben genau das: eine romanhafte Figur, ein Nachfolger der reflexiven Figuren, die Flaubert und Stendhal im 19. Jahrhundert als Vorbilder für jemanden wie Alexandre geschaffen hatten.
Für ihn (und das heißt immer auch: für Eustache) sind die Musik und das Kino noch zur Literatur hinzugetreten. Große Chansons werden in „La Maman et la Putain“ regelrecht studiert, so kann man auch Unbekannteres entdecken wie ein Lied über die „fortifs“, über die Fortifikationen, und über die kleinen Bistros im Stadtwall, von Fréhel. Aber auch Aktuelles aus der Zeit der Dreharbeiten spielt eine wichtige Rolle, darunter das pophistorische Kuriosum „Concert for Group and Orchestra“, das Deep Purple mit dem Royal Philharmonic Orchestra einspielte. Die Musik, immer von Schallplatte, gehört in den zweiten Bereich des Films: in die Zimmer, in denen Matratzen auf dem Boden liegen, Möbel scheint es nicht zu brauchen, als Requisit natürlich immer einen Aschenbecher.
Alexandre lebt bei Marie (Bernadette Lafont), mit der ihn eine Beziehung verbindet, die man heute als poly bezeichnen würde: polyamourös avant la lettre lebt er zugleich mit Veronika, einer aus Polen stammenden Krankenschwester, gespielt von Françoise Lebrun, im richtigen Leben die Partnerin von Eustache, wodurch mindestens eines der Dreiecke komplizierter wird. Das Klischee, auf das der Titel anspielt, wird von der eingestandenerweise stark promisken Veronika dementiert. „Es gibt keine Huren auf Erden“, und auch wenn sie selbst sich jedem beliebigen Mann hingegeben hat in den fünf Jahren seit ihrem ersten Akt und dafür alle erdenklichen zotigen Wörter verwendet, ist sie eben das nicht: Sie ist keine „putain“.
Beinahe könnte man den Eindruck haben, dass Eustache seinen Film widerwillig nach nicht ganz vier Stunden enden ließ. Die großen Wörter, die aus der „baisage chronique“, aus dem Gevögel ohne Unterlass, herausführen, fallen zwar: Wie schon zu Beginn ist nun von „Hochzeit“ die Rede und von Liebe. Doch dann muss erst einmal ein Eimer her. Denn jemand hat vielleicht den Mund zu voll genommen.
