Japan-Style. Immer wieder tauchte der Begriff in meiner Vinted-App auf. Die Plattform für gebrauchte Klamotten kann als Gradmesser für aktuelle Trends dienen – mit Einschränkungen: Auf dem Secondhandmarkt kommen Moden verzögert an, oft im Überangebot, wenn alle die inzwischen abgekühlten heißen Teile des vergangenen Jahres wieder loswerden wollen. Und meist bekommt man ohnehin nur zu sehen, was der Algorithmus für passend hält.
Dabei war Japan-Style nichts, wonach ich gesucht hatte; es wirkte auch nicht wie ein kurzlebiger Nischentrend. Vielmehr hatte sich der Begriff zu einem Schlagwort entwickelt, ähnlich wie Y2K, die Chiffre für die Mode der Nullerjahre, mit der findige Vinted-Verkäufer ihren Outfits ein cooles, hippes Etikett verpassen wollen.
Denn eine an japanischer Streetfashion orientierte Ästhetik scheint derzeit bei jungen Menschen beliebt zu sein. Allein mit dem gleichnamigen Hashtag lassen sich auf Tiktok mehr als 70.000 Beiträge finden, in denen meist Teenager von überall auf der Welt ihren Japan-Style zeigen, um den coolen Kids aus Tokio nachzueifern. Sie mischen klassische, westliche Y2K-Looks, etwa Low-Waist-Baggys, Babytees und Mini-Schultertaschen, mit Styles aus verschiedenen japanischen Jugend- und Modekulturen.

Weite Silhouetten und Oversized-Jacken in Blau und Schwarz mit einer Utility-Bag sind dabei genauso erlaubt wie Falten-Miniröcke, verspielte Anime-Accessoires sowie camouflierte Cargohosen und Streifenshirts im Layering-Look. Overknee-Socken und klobige Sneaker fallen ebenso unter das Label Japan-Style wie flache Sneaker von Onitsuka Tiger. Die Einflüsse reichen von Hip-Hop bis zur Emo-, Goth- und Grunge-Szene. Den einen Japan-Style scheint es nicht zu geben. Es ist weniger ein Dresscode als eine bunte Collage aus Stilen, die eine gewisse Stimmung transportieren. Die Outfits erwecken ein Bild, das man eher mit Straßenszenen in japanischen, vom Neonlicht gebadeten Metropolen verbindet als mit London, Paris oder New York.
Doch es gibt noch die gegenteilige Seite japanischer Mode, die ebenfalls im Westen Anklang findet: Modeketten wie Uniqlo und Muji scheinen sich auch in Deutschland mit ihrem radikalen Minimalismus großer Beliebtheit zu erfreuen. Sie stehen mit ihren schlichten Designs und zurückhaltenden Farben für einen Quiet-Luxury-Look, der für die meisten Konsumenten erschwinglich ist. Ihre entschleunigte Fast Fashion entspricht offenbar einem Wunsch, den viele Menschen hegen: unseren schnelllebigen und überreizten Alltag etwas ruhiger und einfacher zu machen.
