
Wenn der Frankfurter Oberbürgermeister und die Kulturdezernentin am Dienstagabend das Kunstwerk über der Konstablerwache offiziell eröffnen, sollten sie sich gut überlegen, was sie sagen. Über dem Netz der amerikanischen Künstlerin Janet Echelman ist im Internet längst ein Shitstorm niedergegangen, und auch im realen Leben wird es äußerst kontrovers diskutiert. Das Argument der Kritiker, verkürzt: Da werden zwei Millionen ausgegeben, und in die Schulen regnet es rein.
Wer so denkt, wird sich nicht beruhigen lassen mit dem Hinweis darauf, dass die Summe aus Restmitteln stammt, die sonst verfallen wären. Auch das Argument, in einem städtischen Etat von sechs Milliarden Euro gingen zwei Millionen geradezu unter, wird kaum ziehen.
Die Kunst ist begründungspflichtig
Aber das eben geschieht, wenn die Kultur ihre eigene Welt verlässt und sich im Wortsinne in den Raum des offenen und in diesen aufgeregten Zeiten in jeder Hinsicht ungefilterten Diskurses begibt. Die Kunst wird dann, womöglich zur Überraschung der Kulturszene und ihrer Politiker, in einer Weise der Kritik unterzogen, die sie bei Operninszenierungen und Ausstellungen im geschützten Raum so nicht kennt. Sie ist dann aber auch begründungspflichtig in einer Weise, wie sie sonst nicht erwartet wird. Die Aufregung wäre womöglich geringer, wäre das Kunstwerk nicht auch noch Teil des Programms, mit dem sich Frankfurt als „World Design Capital“ präsentiert, vorwiegend eine Geschichte überzogener Ansprüche und vertaner Chancen.
Man wird also am Dienstag genau hinhören. Auch deshalb, weil das farbige Netz wie ein Wetterleuchten erscheint, Vorbote einer ganz anderen Debatte, für die jetzt schon einmal der Ton gesetzt wird: jene, die an jenem noch etwas fernen Tag anheben wird, an dem eine neue Kostenschätzung für die Neubauten von Schauspiel und Oper bekannt wird.
Wie immer es so weit gekommen ist – aber bei diesen Investitionen, die Frankfurt über ein Jahrhundert prägen würden, die das Bild der Stadt in der Welt signifikant ändern könnten, droht wegen der Fortschritte, die bei diesem Projekt leider nur im Schneckentempo daherkommen, das Momentum verlorenzugehen, und es könnte gut sein, dass das ganze Vorhaben in dem keifenden Diskurs, der anheben dürfte nach neuen Zahlen, in einem Strudel versinkt.
Umso wichtiger wird es sein, auch jetzt schon zu begründen, warum es ohne Kultur nicht geht, auch nicht ohne teure Kultur, auch nicht ohne eine solche, die aneckt. Schon gar nicht in einer globalen Metropole und in einer Stadt, die den Anspruch, Avantgarde zu sein, noch nicht aufgegeben hat. Jetzt geht es nur um zwei Millionen. Aber sie sind jede Auseinandersetzung wert.
