
Drei verpasste WM-Teilnahmen in Folge scheinen nicht der Tiefpunkt für die italienische Fußball-Nationalmannschaft gewesen zu sein. Nun ist die Suche nach einem neuen Trainer des Nationalteams, auch „Squadra Azzurra“ genannt, zum Politikum geworden – wegen der vielfältigen Verbindungen des zwischenzeitlichen Favoriten Andrea Pirlo nach Russland.
Pirlos Problem war, dass er globaler Markenbotschafter des russischen Sportwettenportals Fonbet war. Das Wettportal ist Marktführer in Russland und in Kasachstan. Fonbet ist zudem der offizielle Sponsor der russischen Fußball-Nationalmannschaft. Diese ist seit Februar 2022 wegen Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine vom europäischen und vom Weltfußballverband ausgeschlossen. Der Zugang zu Fonbet wurde jüngst von der italienischen Zollbehörde gesperrt.
Pirlo flog zum russischen Pokalfinale nach Moskau
Der Wettgigant wird von dem russischen Oligarchen Sergej Lomakin kontrolliert, dessen Vermögen auf 1,2 Milliarden Dollar geschätzt wird. Lomakin ist auch Eigentümer des Klubs in Dubai, bei dem Pirlo als Trainer angestellt ist. Der Unternehmer unterliegt zwar weder EU- noch US-Sanktionen, hat aber Geschäftsbeziehungen zu kremlnahen russischen Sportsendern. Ende Mai war Pirlo mit und für Fonbet in Moskau beim russischen Pokalfinale – zu einem Zeitpunkt, als Russland die schlimmsten Angriffe auf Kiew seit Beginn des Krieges flog. Das sorgte nicht nur in Italien für heftige Kritik.
Am Sonntagabend teilte Verbandschef Malagò Pirlo dann mit, dass er nicht mehr als Kandidat im Rennen sei. Pirlo zeigte sich überrascht und erbittert. In einem Post auf Instagram schrieb er anschließend, sein Engagement für das russische Wettportal Fonbet sei rein geschäftlich, er hege keinerlei Sympathien für die Führung in Moskau. Russlands Botschafter in Rom, Alexej Paramonow, versicherte Pirlo seiner „aufrichtigen und menschlichen Solidarität“.
Pirlo sei vom „pseudodemokratischen Establishment seines Landes ausgelöscht“ worden, wie es bereits „Tausenden von russischen Sportlern, Musikern und Künstlern widerfahren“ sei, schrieb Paramonow.
Am Montag trat dann Paolo Maldini, der sich von Beginn an für Pirlo starkgemacht hatte, von seinem gerade erst angetretenen Job als Technischer Direktor zurück. Die „Squadra Azzurra“ steht erst einmal vor einem Scherbenhaufen statt vor dem Neubeginn.
Kein Raum „für oberflächliche Entscheidungen“
Sportminister Andrea Abodi bescheinigte FIGC-Chef Malagò, er habe bei der Trainersuche und namentlich im Kasus Pirlo „brutta figura“, eine schlechte Figur gemacht. Was seit der russischen Invasion vom Februar 2022 passiert sei, lasse „keinen Raum für oberflächliche Entscheidungen“, sagte Abodi. Der frühere Wirtschaftsminister Carlo Calenda von der wirtschaftsliberalen Kleinpartei Azione sagt zu dem Fall: „Wer nach 2022, dem Jahr des Einmarsches in die Ukraine, für Russland wirbt oder geworben hat, sollte kein nationales Amt bekleiden.“
Unterstützung bekam Pirlo vom äußersten rechten und linken Rand der italienischen Politik. Die Politik solle sich „nicht gegen Pirlo stellen“, forderte der pensionierte Heeresgeneral und Russlandfreund Roberto Vannacci von der rechtsextremen Partei Nationale Zukunft. Die Europaabgeordnete Carolina Morace von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung monierte, wegen der Verbindungen Pirlos zu Russland gebe es in der italienischen Politik „mehr Empörung als über jene Leute, die Beziehungen zu Israel unterhielten, während Gaza verwüstet wurde“.
