
Im September 2025 nahm die französische Polizei einen 17 Jahre alten Jugendlichen fest, der zwei Anschläge geplant haben soll. Ermittler fanden bei ihm zu Hause einen Treueeid auf den „Islamischen Staat“. Für dessen Abfassung hat der Jugendliche einen Chatbot genutzt. Nach seiner Festnahme sagte er, Künstliche Intelligenz (KI) sei mitverantwortlich für seine Radikalisierung.
Fachleuten zufolge steht der Fall exemplarisch für eine Entwicklung: die KI als Beschleuniger für die islamistische Radikalisierung. Jamuna Oehlmann, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, sagte am Dienstag: „Nachts um drei kommen Fragen, die man mit keinem Menschen besprechen kann.“ Ein Chatbot sei geduldig, nie müde und widerspreche nicht, wenn die Fragen in Richtung Extremismus abdrifteten.
Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London, sieht in digitalen Technologien den gemeinsamen Nenner fast aller Veränderungen, die den zunehmenden Extremismus in den vergangenen 25 Jahren geprägt haben: das Aufkommen von Einzeltätern, die wachsende Zahl psychisch belasteter Attentäter, die zunehmend jüngere Demographie der Täter und die „Turboradikalisierung“. Verläufe, die sich früher über Monate oder Jahre erstreckten, liefen viel schneller ab.
„Internet ist zum Ort der Radikalisierung geworden“
Das Internet habe nicht die Radikalisierung erfunden, beschleunige sie aber erheblich, sagte Neumann am Dienstag auf einer Pressekonferenz mit anderen Fachleuten angesichts ähnlicher Befunde im vor zwei Wochen vorgestellten Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz. „Der größte Wandel ist nicht, dass Extremisten das Internet nutzen, sondern dass das Internet selbst zum Ort der Radikalisierung geworden ist“, sagte Neumann.
Wie das konkret aussieht, zeigt das Monitoring von Elena Jung vom Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung. Sie und ihr Team beobachten rund 350 Tiktok- und 100 Youtube-Kanäle im salafistisch-islamistischen Spektrum. Bekannte Prediger nutzten Chatbots wie ChatGPT selektiv und vor allem, wenn die Antworten die eigene Position bestätigen.
Gleichzeitig wachse die Zahl ausländischer Kanäle im deutschsprachigen Raum, die mit KI-gestützter Synchronisierung arbeiten. Hinzu kämen anonyme Kanäle mit vollständig KI-generierten Inhalten. „Automatisch synchronisierte Kanäle und KI-generierte Inhalte verändern Reichweiten, Sichtbarkeit und damit auch die Dynamik der Szene“, sagte Jung.
Sakina Abushi vom Verein ufuq.de sagte, die Attraktivität der salafistischen oder islamistischen Inhalte liege nicht nur an der Technologie, sondern auch an dem, was transportiert werde. Darf ich Musik hören oder Geburtstag feiern? Wie verhält es sich mit der Homosexualität? Salafistische Akteure gäben auf solche Alltagsfragen „die eine, islamisch korrekte Antwort“, sagte Abushi.
Politische Kanäle griffen die Wut und Trauer über internationale Konflikte auf, etwa Bilder aus Gaza, und übersetzten diese Erfahrungen in ein Narrativ des Kampfes zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. „Islamistische Akteure geben einfache Antworten auf komplexe Fragen und befriedigen damit das Bedürfnis vieler Nutzer nach Orientierung“, sagte Abushi.
Aber mit KI lasse sich nicht nur Extremismus fördern, sondern auch die Präventionsarbeit, argumentiert Jamuna Oehlmann. Mit KI sei es leichter, einen Überblick über gefährdete Jugendliche zu gewinnen. Wichtiger sei dabei aber etwas anderes: „Was Radikalisierung am wirksamsten begegnet, ist keine Technik, sondern die Beziehung zu einem Menschen. Was einen wieder rausholt, sind selten die besten Argumente. Das ist die Erfahrung, dass jemand zuhört und auch mal widerspricht“, sagte Oehlmann.
