
Für die Fischer von Bandar Abbas war der 8. Juli ein schlechter Tag. Präsident Donald Trump hatte gerade den Waffenstillstand mit Iran aufgekündigt. Schon am frühen Morgen traf eine Rakete oder ein Marschflugkörper den Fischereihafen Pandsch Pele unweit des städtischen Fischmarkts. „Ich war auf dem Markt gegenüber, um einen Schlauch für eine Klimaanlage zu kaufen“, erzählt ein Fischer namens Mostafa der F.A.Z. „Die Explosion war so heftig, dass sie uns durchgeschüttelt hat.“ Er sei zum Pier gelaufen, um nach seinem Motorboot zu schauen. „Ich sah Boote brennen. Ich weiß nicht, wie viele. Durch die Explosion waren die Wrackteile überall verstreut.“ Er habe auch mehrere Verletzte gesehen.
Ein örtlicher Wachmann berichtet, er sei durch zerberstende Fensterscheiben verletzt und ins Krankenhaus gebracht worden. Im selben Wagen habe ein Mann gelegen, „der es nicht mehr bis ins Krankenhaus geschafft hat“. Der Wachmann sagt, trotz der tragischen Umstände sei in dem Moment seine größte Sorge gewesen, dass er seinen Job verlieren könnte.
Der amerikanische Angriff auf den kleinen Hafen in der 500.000-Einwohner-Stadt galt nicht den Fischern, sondern vermutlich dem Kontroll- und Überwachungszentrum der Küstenwache, das sich ebenfalls in dem Hafen befindet. Zu den Aufgaben der Küstenwache zählt der Kampf gegen Schmuggler. Sie arbeitet aber auch eng mit der Revolutionsgarde zusammen.
Zwei Augenzeugen berichten der F.A.Z., dass nicht nur Patrouillenboote der Küstenwache, sondern auch zweimotorige Schnellboote der Revolutionsgarde am Pier lagen. „Ich glaube, es waren fünf“, sagt ein Fischer namens Ali. „Ich weiß nicht, ob sie die Fischerboote bewusst als Deckung nutzten, aber ich weiß, dass sie da waren.“ Die Interviews wurden mithilfe eines lokalen Mitarbeiters geführt. Die Gesprächspartner nannten aus Sicherheitsgründen nur ihre Vornamen.
„Das ganze Meer ist jetzt unsicher für Fischer“
Iranische Behörden sprachen nach dem Angriff auf den Hafen von 30 zerstörten „Fischerbooten“. Ali weiß dagegen nur von fünf. Allerdings wurden bei anderen die Motoren beschädigt. Außerdem schmolzen durch die Hitze sämtliche Fischernetze. Das US-Regionalkommando CENTCOM teilte an jenem Tag mit, 90 „militärische Ziele“ seien attackiert worden, „um Irans Fähigkeit, Handelsschiffe und unschuldige zivile Seeleute in der Straße von Hormus anzugreifen, weiter zu schwächen“.
„Der Pandsch-Pele-Hafen liegt in einem Wohngebiet im Zentrum der Stadt“, sagt Ali. „Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen sicheren und unsicheren Orten. Das ganze Meer ist jetzt unsicher für Fischer.“ Deshalb hätten nach dem Angriff alle ihre Boote aus dem Hafen nach Hause geholt.
Laut dem Militärexperten Farzin Nadimi vom Washington Institute nutzt die Revolutionsgarde regelmäßig Fischereihäfen für ihre Schnellboote und verdeckten Operationen. Das ermöglicht Zugriffe auf Handelsschiffe, die vom US-Militär erst spät entdeckt werden. „Solche Taktiken erhöhen die Gefahr ziviler Opfer“, schreibt Nadimi in einem Bericht über die asymmetrische Kriegsführung der Revolutionsgarde.
Deren Marine verfüge auch über komplexe Tunnelsysteme, die auf Inseln im Persischen Golf in den Fels gefräst seien. Darin könnten Boote und Waffen versteckt werden. Die Freiwilligenmiliz Basidsch, die der Revolutionsgarde untersteht, sei eng mit der lokalen Bevölkerung verbunden und übernehme Hilfsfunktionen. Von ihren Schnellbooten aus kann die Revolutionsgarde Seezielflugkörper und Drohnen abfeuern und Minen verlegen.
Das US-Militär bombardiert Brücken rund um Bandar Abbas
Auch in anderer Hinsicht sind iranische Fischer schon zwischen die Fronten geraten. In dieser Woche entließen die Vereinigten Arabischen Emirate 55 Iraner aus der Haft, die zu Beginn des Krieges von der emiratischen Küstenwache „unter besonderen Bedingungen“ aufgegriffen worden waren. Iran spricht von „Fischern“. Die Hintergründe sind unklar.
Seit dem 7. Juli hat das US-Militär täglich Ziele entlang der Südküste Irans bombardiert. Am Freitag wurden dabei laut iranischen Angaben mehrere Brücken zerstört, die die Hafenstadt Bandar Abbas mit anderen Großstädten verbinden. Mehrere Überlandstraßen mussten für den Verkehr gesperrt werden. Die Bewohner fürchten nun, dass die erschwerten Transportbedingungen die Preise für Lebensmittel und andere Waren noch mehr in die Höhe treiben.
Ein ranghoher amerikanischer Regierungsmitarbeiter bestätigte gegenüber dem „Wall Street Journal“ die Angriffe auf die Brücken. Ziel sei es, die Versorgungsrouten von Bandar Abbas und des dortigen Marinestützpunkts zu treffen, schrieb die Zeitung. Die Revolutionsgarde nutzte den Stützpunkt, um Handelsschiffe in der Straße von Hormus anzugreifen. Das Regionalkommando CENTCOM sprach allgemein von „militärischer Logistikinfrastruktur“. Irans Energieministerium teilte mit, bei den Bombardements seien außerdem Stromtrassen beschädigt worden. Bewohner im Süden berichten, dass die Stromversorgung immer häufiger zusammenbreche und damit auch die Wasserversorgung. Auch Bahngleise sollen getroffen worden sein.
Die Fischer trauen sich nicht mehr zu den reichen Fischgründen
Die Fischer von Bandar Abbas sind aus Sicherheitsgründen schon seit dem Beginn des Krieges kaum noch weit aufs Meer hinausgefahren. Wenn, dann haben sie in Küstennähe gefischt. Nicht in den Gewässern südlich der Insel Hormus, wo es viele Garnelen gibt. Und erst recht nicht jenseits der Meerenge von Hormus, wo die reichsten Fischgründe liegen. Allerdings lief das Geschäft wegen der Überfischung auch vor dem Krieg schon schlecht.
„80 Prozent der Fischer sind arbeitslos“, sagt ein Mitarbeiter der Fischervereinigung der Provinz Hormusgan. Viele Fischer trifft das auch deshalb so hart, weil ihre ganze Familie in der Branche beschäftigt ist. Brüder, Cousins, Väter und Großväter. Frauen verdienen mit Krabben- und Garnelenpulen ihr Geld. Manche Fischer arbeiten jetzt als Taxifahrer, doch weil der Inseltourismus brachliegt, lässt sich auch damit kaum Geld verdienen. Früher hat der Staat noch Netze, Seile und Motoren subventioniert. Dafür ist jetzt kein Geld mehr da.
Im Juni untersagten iranische Behörden Fisch-Trawlern, durch die Straße von Hormus zu fahren oder sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Das könnte auch mit dem Verlegen von Minen zu tun haben. Der Mitarbeiter der Fischer-Vereinigung sagt aber, die Fischer seien aus Angst ohnehin nicht mehr dorthin gefahren. Wegen der begrenzten Fangmengen kommt der Fisch auf dem örtlichen Markt jetzt aus anderen Gegenden des Persischen Golfs.
Unerschwingliche Preise
Die Preise sind für viele Bewohner unerschwinglich geworden. So hat sich etwa der Preis für Königsmakrele gegenüber der Zeit vor dem Krieg verdreifacht. Früher fingen Geringverdiener einfach selbst ihren Fisch für den Eigenbedarf. Davor schrecken sie jetzt zurück. Manche sind dazu übergegangen, Wildschweinfleisch zu essen, obwohl das Fleisch im Islam als „haram“ (verboten) gilt. „Früher haben die Leute sich davor geekelt“, sagt ein Bewohner.
Die Fischer zeichnen ein düsteres Bild der Stimmung in Bandar Abbas. Die Arztpraxen seien voll. Viele würden sich Mittel gegen Angstzustände und Antidepressiva verschreiben lassen. „Alle um mich herum klagen über Schlafstörungen“, sagt Ali. „Die Leute sind emotional ausgelaugt.“ In vielen Haushalten gebe es Konflikte, sogar Scheidungen.
Das Wort Suizid gehe den Leuten über die Lippen – wegen der akuten Geldsorgen und der Angst vor den Bomben. Bandar Abbas liegt nur hundert Kilometer von Minab entfernt, wo schon am ersten Kriegstag im Februar bei einem mutmaßlichen US-Raketenangriff auf eine Schule mehr als 160 Zivilisten getötet wurden, die meisten davon Kinder.
Der Staat versucht Normalität vorzugaukeln
Südiraner stehen im Ruf, hart im Nehmen zu sein, wegen der schwülen Hitze und der schweren Lebensbedingungen. „Aber im Moment sind die Probleme so überwältigend, dass wir weder ein noch aus wissen“, sagt Ali. Die iranischen Behörden bemühen sich, trotz der täglichen Bombardements ein Bild der Normalität zu zeichnen. Sie wollen den Eindruck erwecken, sie hätten alles unter Kontrolle. So wird betont, die Fischerei gehe wie gewohnt weiter.
Der Fährverkehr zur Ferieninsel Qeschm wurde neulich mit Verweis auf „Wetterbedingungen“ eingestellt, obwohl die See ruhig war. In Berichten über die Angriffe im Süden weitab der Hauptstadt Teheran schreiben die Staatsmedien oft von „Geschossen“ statt Raketen, was von manchen Iranern als verharmlosend wahrgenommen wird.
In sozialen Medien gibt es deshalb Solidaritätsaufrufe und Mahnungen, dem Krieg im Süden genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken wie den Bombennächten zwischen Februar und April in Teheran. So schrieb etwa die Schauspielerin Ghazal Shakeri: „Iran ist ein Körper. Wenn der Süden leidet, leiden wir alle.“ Er sei froh über solche Wortmeldungen, sagt Ali. „Alles, was dabei helfen kann, die mentale Gesundheit der Leute zu verbessern, ist willkommen.“
