
Von einer „dramatischen Situation“ an den Düngermärkten sprach Henrik Wendorff, Bauernpräsident in Brandenburg. Dünger sei so teuer wie selten und kaum verfügbar, sagte er. Er rechnet mit Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent, die unweigerlich auf die Produktionskosten durchschlagen würden. Die Krise, die der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus ausgelöst haben, ist für die Landwirtschaft noch längst nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Die eigentlichen Folgen kommen erst noch, heißt es in der Branche.
Die Weltbank rechnet damit, dass die globalen Düngemittelpreise im Jahr 2026 um mehr als 30 Prozent steigen werden. Und die niederländische Rabobank geht davon aus, dass auch Verbraucher die Folgen spüren werden. Gegen Jahresende, so die Prognose, werden die Lebensmittelpreise in Europa abermals steigen, da anhaltende Energiepreissteigerungen die Betriebskosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette durchschlagen.
Auch wenn die Düngerpreise zuletzt etwas gesunken sind und sich für Juni leichte Entspannung abzeichnet, werden die langfristigen Warnungen lauter. Am Dienstag sprach der Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, Qu Dongyu, von einem „systemischen Schock für das globale Agrar- und Lebensmittelsystem“. Die Entscheidungen, die jetzt getroffen würden, würden darüber bestimmen, ob die Krise beherrschbar bleibe oder sich zu einer tieferen globalen Ernährungssicherheitskrise entwickle. Die größten Auswirkungen seien möglicherweise noch gar nicht sichtbar: Sie könnten in den kommenden Monaten auftreten, wenn Landwirte weniger ernten, weil sie weniger gepflanzt, weniger gedüngt haben oder sich die Produktion schlicht nicht mehr leisten konnten. Die FAO appelliert, Exportbeschränkungen zu vermeiden, Handelskanäle offen zu halten und gefährdete Länder durch gezielte Sicherheitsnetze zu unterstützen.
Preisschock und Exportbeschränkungen schlagen durch
Hintergrund ist die strukturelle Verwundbarkeit des Marktes. Etwa ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln passiert die Straße von Hormus. Dünger ist als veredeltes Erdgas energieintensiv in der Herstellung. Auf der Angebotsseite häufen sich zudem die Exportrestriktionen. China, der weltgrößte Harnstoffproduzent, hat die Ausfuhren gedrosselt, um die heimische Versorgung zu sichern. Russland und Belarus, gemeinsam für einen erheblichen Teil der globalen Kali- und Stickstoffversorgung verantwortlich, sind durch Sanktionen und EU-Zölle faktisch vom europäischen Markt abgeschnitten und lenken ihre Lieferströme nach Asien und Amerika um. Die Kombination aus Preisschock und Exportbeschränkungen könnte die Ernährungssicherheit ernsthaft gefährden, warnt die FAO.
Und doch führt kein Weg am synthetischen Dünger vorbei. Svein Tore Holsether, Chef des norwegischen Herstellers Yara, eines der größten Unternehmen der Branche weltweit, sagt das klar. „Dünger ist nicht irgendeine beliebige Ware. Etwa die Hälfte der weltweit produzierten Lebensmittel ist auf Mineraldünger zurückzuführen.“ Mineraldünger sei das Fundament der Ernährungssicherheit. Dass er Böden belastet, Grundwasser gefährdet und Nitratprobleme befeuert, ist immer wieder Teil der Debatte. Doch schnelle Alternativen gibt es nicht. Yara profitiert vorerst von der Volatilität: Das bereinigte Betriebsergebnis (Ebitda) lag zuletzt um 40 Prozent höher als im Vorjahresquartal. Das Unternehmen hat Flexibilität in seine Produktion eingebaut und kann europäische Kunden weiter beliefern. Auch der Düngerhersteller K+S hat seine Jahresprognose angehoben.
Strukturelles Umdenken in der Düngung
Für die deutschen Bauern ist die Lage vorerst noch beherrschbar. Viele hatten sich im vergangenen Herbst mit Dünger zum günstigeren Preis eingedeckt und spürten die Preissteigerungen daher kaum. Mancherorts schwenkten Betriebe auf weniger düngungsintensive Kulturen um. Die Düngung für die laufende Saison ist abgeschlossen, der Blick richtet sich nun auf den Herbst.
Um den Bauern unter die Arme zu greifen, hat die EU-Kommission vergangene Woche einen Düngemittelaktionsplan vorgelegt. Neben sofortigen Stützungsmaßnahmen enthält er längerfristige Pläne zur Stärkung heimischer Produktion und zur Förderung biobasierter, kreislauffähiger Düngemittel. Bauernverbände begrüßten die Pläne überwiegend, doch bezweifelt mancher in der Branche, dass sie etwas bewirken. Anders als Brasilien oder Australien ist die EU auf Einfuhren aus dem Nahen Osten zumindest nicht existenziell angewiesen.
Mittelfristig fordert der Deutsche Bauernverband ein strukturelles Umdenken, unter anderem hin zu mehr Effizienz in der Düngung. Ein Betrieb, der zehn Kilogramm weniger Stickstoff je Hektar brauche, sei bei jedem künftigen Schock ein Stück weniger anfällig, so Johann Meierhöfer, Fachbereichsleiter für Ackerbau. Er fordert zudem strategische Düngerreserven ähnlich der Mineralölpflichtbevorratung sowie den leichteren Zugang zu Warenterminmärkten, die Landwirten wegen zu hoher Einstiegshürden kaum zugänglich seien. Betriebe mit Tierhaltung oder Biogasanlagen, die synthetischen Dünger teilweise ersetzen können, sollten gefördert statt durch Auflagen behindert werden. Biobauern sind tendenziell ohnehin im Vorteil, denn sie verzichten auf synthetischen Dünger.
Derweil arbeiten Forscher an Alternativen zum Dünger. Zum einen hofft man auf eine Reform des energieintensiven Haber-Bosch-Verfahrens, etwa durch grünen Wasserstoff. Zum anderen rückt aufbereitete Gülle als organische Alternative in den Fokus: Neue Aufbereitungsverfahren machen aus Wirtschaftsdünger ein kunstdüngerähnliches Produkt. Bis es so weit sei, könnte es aber noch fünf bis zehn Jahre dauern, schätzen Forscher.
