Am einzigen privatisierten Uniklinikum in Deutschland werden in absehbarer Zeit die Bagger rollen. Allerdings wird das in Gießen später als gedacht der Fall sein und am Schwesterstandort in Marburg mit einem anderen Ziel als zunächst geplant. Von dem Neubau einer Psychiatrie ist das Unternehmen in Marburg abgerückt. Stattdessen sollen die Gebäude grundlegend saniert werden, wie der Ärztliche Geschäftsführer Ardeschir Ghofrani der F.A.Z. berichtete. „Mehr ist unter den jetzigen Bedingungen nicht finanzierbar“, sagte er unter Verweis auf den Anstieg der Baupreise.
In Gießen plant das Uniklinikum aus anderen Gründen den Neubau der Chirurgie um. Der noch vor gut einem Jahr favorisierte Standort hat sich als untauglich erwiesen. Das Unternehmen hätte im ausgehenden Frühjahr 2025 nach einer Ausschreibung zwar schon einen Generalplaner beauftragen können. Allerdings gab es nur ein einziges Angebot. Das Baufeld freizuräumen, hätte nicht nur hohe Kosten nach sich gezogen. Dafür hätte das Uniklinikum auch mehrfach den Betrieb unterbrechen müssen. Dergleichen verträgt sich aber nicht mit dem Versorgungsauftrag an das Uniklinikum, rund um die Uhr bereit zu sein.
Zurück auf Los für den Neubau der Uni-Chirurgie in Gießen
„Weil kein wirtschaftliches Angebot auf der Grundlage der vorliegenden Daten und Erkenntnisse erwartet werden konnte, wurde die Vergabe im Mai 2025 aufgehoben“, antwortete Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) im März dieses Jahres auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Landtag. Das Uniklinikum plant den Neubau mittlerweile an anderer Stelle auf seinem Campus. Wenn alles gut geht, könnte es im vierten Quartal einen neuen Generalplaner suchen und dann das in dem mit dem Land 2023 geschlossenen Zukunftsvertrag vorgesehene Geld für den Chirurgie-Neubau einsetzen.
Gut läuft es nach den Worten von Ghofrani mit Blick auf alle geplanten Gebäudeinvestitionen nicht. Dem Ärztlichen Geschäftsführer geht alles zu langsam. Die Universität habe Schwierigkeiten, die zu einem Drittel vom Unternehmen stammenden finanziellen Mittel auch auszugeben. Demnach fühlt sich die Leitung des Uniklinikums „durch Formalien ausgebremst“. Ghofrani spricht von einer „Bürokratielast“. Das Uniklinikum müsse sich stets mit dem Land als Minderheitsgesellschafter und mit dem Mehrheitsgesellschafter Rhön-Klinikum AG abstimmen – nicht zu vergessen dessen Eigentümer Asklepios.

Als Beispiel führt Ghofrani den geplanten Bau einer Zentralapotheke für beide Standorte des Uniklinikums an. Mit geschätzten Kosten von 15 Millionen Euro handelt es sich um ein kleineres Vorhaben. Sinnvollerweise werde der Neubau zwischen Gießen und Marburg hochgezogen als Ersatz für die nicht mehr den Ansprüchen genügenden alten Apotheken, sagt der Ärztliche Geschäftsführer. Das kurz UKGM genannte Unternehmen habe auch schon ein geeignetes Grundstück ausgedeutet. Es hätte nach seinen Worten sogar den Kaufvertrag unterschreiben können.
Dann aber habe das Wissenschaftsministerium Bedenken geltend gemacht. Das Ministerium mag formal richtig gehandelt haben, aber nicht lösungsorientiert, sagt Ghofrani. So habe es eine landeseigene Liegenschaft in Gießen ins Spiel gebracht. Dieses Gelände eigne sich aber aufgrund der Lage nicht für die Zentralapotheke. Weil es eben nicht zwischen Gießen und Marburg liege.
Das Ministerium beurteilt diesen Fall anders. „Ein unmittelbar verfügbares und dem UKGM bereits angebotenes Landesgrundstück in Gießen war zwar von der Lage her geeignet, erwies sich bei näherer Betrachtung aber als zu klein“, teilte eine Sprecherin mit. Zuvor stieß sich das Ministerium am Vorgehen des Uniklinikums.
15-Millionen-Investition in Zentralapotheke als Streitfall
Es habe das Land erst wenige Tage vor dem vereinbarten Notartermin darüber informiert, dass es den Bau einer Zentralapotheke für beide Standorte erwäge und dafür ein Grundstück auf halbem Weg zwischen den beiden Standorten erwerben möchte. Dies solle mit Mitteln des UKGM, der Bau der Zentralapotheke anteilig mit Landesfördermitteln finanziert werden. Da die Landesförderung für Bauvorhaben aber auf Landesgrundstücken an den Standorten in Gießen und Marburg gedacht sei, ergebe sich Abstimmungsbedarf.
Das Land prüfe daher, ob alternativ ein geeignetes Landesgrundstück zur Verfügung gestellt werden könnte, für das nach Angabe des UKGM allein eine optimale Verkehrsanbindung und nicht die genaue geographische Lage zwischen Gießen und Marburg entscheidend wäre. Sollte ein Landesgrundstück infrage kommen, würde sich das Uniklinikum zudem die Grunderwerbskosten ersparen, da das Land seine Liegenschaft im unentgeltlichen Erbbaurecht abgeben könnte.
„Wir sind im Niemandsland der Entscheider“
Sollten sich keine Alternativgrundstücke finden, und sollte das Klinikum auf einem anderen Gelände bauen müssen, „werden vertragliche Regelungen gefunden werden müssen, um die Fördermittel des Landes zu sichern“. Im Übrigen erwarte das Land, künftig früher in solche Planungen einbezogen zu werden.
Ghofrani vermisst grundsätzlich die aus seiner Sicht notwendige Handlungsfreiheit. „Wir sind im Niemandsland der Entscheider.“ Das Land habe dem Uniklinikum bisher 93 Millionen Euro überwiesen. Ausgegeben worden seien davon bis Ende vergangenen Jahres aber nur knapp 62 Millionen Euro. „Aufgrund des langen Vorlaufes und des Ablaufs einer Ausschreibung nach dem europäischen Vergaberecht konnten die vollen Mittel in den Jahren 2023 und 2024 nicht abgerufen werden“, heißt es in Gießen. Dies beruhe auf den Fristen, die für ein Ausschreibungsverfahren einzuhalten seien: neun bis 16 Monate.
„Auch für das Einholen von Angeboten für die Beschaffung von Medizintechnik müssen wir mit einer Dauer von 6,5 bis 16 Monaten rechnen, weil auch hier verbindliche Fristen einzuhalten sind.“ Der Differenzbetrag zu den 147 Millionen Euro, die das Land zwischen 2023 und 2025 bereitgestellt habe, sei auf ein Rücklagenkonto des Landes geflossen. Dabei handele es sich um 54 Millionen Euro. Um voranzukommen, ziehe das Uniklinikum nun Käufe von Medizintechnik vor.
Zudem hat die Universität schon vor einem Jahr die absehbare Unterfinanzierung der auf einer Prioritätenliste genannten Bauvorhaben geltend gemacht. So sei die Gesamtfinanzierung des Chirurgie-Neubaus in Gießen noch unklar, sagt Ghofrani. Ein Grund sei die Bauinflation. Die im Zukunftsvertrag festgeschriebenen 850 Millionen Euro, von denen rund 565 Millionen Euro auf das Land entfielen und der Rest auf das UKGM, basierten auf dem vor zehn Jahren ermittelten Bedarf – und den entsprechenden Baukosten.
Weil am Bau aber ständig alles teurer werde, brauche das Uniklinikum für die geplanten Vorhaben mittlerweile überschlägig 1,3 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund sprechen Vertreter von Land und Uniklinikum über eine Weiterentwicklung des Zukunftsvertrags. Mit am Tisch sitzt seit geraumer Zeit auch das Finanzministerium. Einzelheiten dringen nicht nach außen.
