Dieses Frühjahr sollte ich in den USA verbringen, ich hatte einen Praktikumsplatz im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington. Nachdem ich mich in meinem Studium der Kultur und Geschichte des Vorderen Orients viel mit dem Nahen Osten beschäftigt hatte, schien es erfrischend, mich dem transatlantischen Verhältnis zu widmen und dafür ein halbes Jahr lang in D. C. zu leben. Die Freude war groß. Stattdessen hocke ich jetzt in Berlin und verschicke jeden Tag Bewerbungen. Die US-Botschaft hat meinen Antrag auf ein Visum ohne Begründung abgelehnt. Obwohl ich Deutscher bin, hat mein Geburts- und Herkunftsland Syrien, das Herr Trump kürzlich auf die Liste derjenigen Länder gesetzt hat, für die ein travel ban gilt, mal wieder unheilvolle Folgen für mein persönliches Leben.
Können wir etwas dafür, wer und was wir sind, waren, werden?
Herkunft: Unser Leben in Syrien war im immateriellen Sinne reich
Ich kam nach Deutschland im Jahre 2015, unbegleitet und im Alter von knapp 15 Jahren: blowin’ in the wind, wie Bob Dylan vielleicht sagen würde, ein Tropfen in der „Flüchtlingswelle“, wie die deutsche Öffentlichkeit es nennt (Dylan ist da etwas eleganter). Meine Familie ist nie nachgekommen, Eltern und Geschwister wohnen noch in Syrien. Die deutsche Migrationsdebatte bedenkt selten, dass die Biographien geflüchteter Menschen lange vor deren Ankunft in Deutschland beginnen. Für ihr Werden im Land jedoch ist das grundlegend, meine Situation mit den USA nur ein Beispiel.
Auswandern war nie etwas, das mich oder meine Familie interessiert hätte. Auch nach dem Ausbruch des Krieges blieb das der Fall. Ich wurde in Hassake in Nordostsyrien in eine gebildete Familie hineingeboren, die in der Stadt einen Namen hatte und Anerkennung genoss. Unser Leben war in einem immateriellen Sinne reich, mein Weg schien vorgezeichnet: lernen, Arzt werden, gut leben. Bildung, das können wir in meiner Familie gut. „Wenn wir viele wären, wäre Auswandern eine Option, aber wir sind doch so eine kleine Familie, wir müssen beieinanderbleiben“, pflegte mein Vater zu sagen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Als mein Onkel 2013 nach Holland flüchtete und ich mit ihm am Rechner eines Internet-Cafés per Skype telefonierte, konnte ich die Tränen nicht aufhalten: Ein Teil meiner Kindheit war verpixelt und 3000 Kilometer entfernt. Er tröstete mich mit dieser blechernen, abgehackten Roboterstimme, die typisch ist für Skype bei schlechtem Internet: „Natürlich sehen wir uns wieder.“ Ich ahnte damals nicht, dass ich ihm weniger als zwei Jahre später folgen würde, ins benachbarte Deutschland.
Der Krieg dauerte länger als gedacht, das Land wurde immer dysfunktionaler, und anders als in Libyen hat sich der Westen nicht eingemischt. Als die Kämpfe unseren Wohnort erreichten, wurde hastig die Entscheidung getroffen, mich doch nach Europa zu schicken. Heute bezeichnet mein Vater das als den „größten Fehler unseres Lebens“.
Unterwegs: Nächte im Wald und ein kaputtes Schlauchboot im Meer
Alles passierte sehr schnell. Zu schnell, um es zu verstehen. Zu schnell, um in meiner Biographie die Kontinuität zu sehen. Meinem Empfinden nach schloss ich als vierzehnjähriges Kind zu Hause kurz die Augen, und als ich sie wieder öffnete, war ich anonym und allein in Berlin, Deutschland. Ich begriff nicht, was zwischenzeitlich passiert war. Ich wusste nicht, dass ich immer noch ein vierzehnjähriges Kind war.
An den Weg nach Deutschland erinnere ich mich kaum. Ich habe es überlebt und dabei belassen. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte jeden Schritt genauestens dokumentiert. Aber wenn mir sporadisch Episoden dieser Reise (die keine war) in den Kopf kommen – eine Nacht in den verregneten Wäldern Ungarns auf einem Umzugskarton als Matratze oder der monotone, sich bis zum Horizont erstreckende Anblick des Meeres aus einem überfüllten, kaputten Schlauchboot heraus – , dann bin ich für das Konzept des Vergessens dankbar.
Hohenschönhausen: Die „Erste Welt“ hat mich enttäuscht
Im Juni hatte ich Hassake verlassen, Ende August fand ich mich in Berlin wieder und wurde vom Jugendamt in eine 24/7 betreute Jugendeinrichtung in Hohenschönhausen gebracht. Hohenschönhausen war für mich so etwas was wie die deutsche, krebsfreie Version von Tschernobyl: ein hässlicher, grauer und steriler Ort. Ich wohnte mit Jugendamt-Kindern, die es zu Hause schwer und oft mit Sucht- und anderen Erkrankungen zu kämpfen hatten, teilweise auch mit sehr frühen Schwangerschaften. Manchmal kamen sie nach 22 Uhr „heim“, also später, als es erlaubt war, mit ungewöhnlich großen Pupillen, geröteten Augen oder angespannten Kiefern, was für den wohlerzogenen Jungen aus Syrien zugleich seltsam, unverständlich und angsteinflößend war. Fast niemand sprach Englisch, die Betreuer auch nicht. Die uns aus Werbung von Mercedes und Audi bekannte „Erste Welt“ war für mich Hohenschönhausen und das Jugendamt. Das hat mich enttäuscht. Heute sieht man in dieser Gegend viele Menschen mit Migrationshintergrund, da die Wohnungen noch halbwegs bezahlbar sind; das hätte ich erträglicher gefunden.

Ich hatte Glück und kam ohne lange Wartezeit in eine Willkommensklasse, was ich den deutschen Betreuern zu verdanken hatte, die sich mit der hiesigen Verwaltungsstruktur auskannten. Andere, die mit ihren Eltern gekommen waren und in Flüchtlingsheimen wohnten, warteten in den besten Fällen einige Monate. Ich habe all meine Energie in Bildung und das Deutschlernen gesteckt. Das war womöglich eine Ablenkung vom Jugendheim-Umfeld, eine Art Schutzmechanismus vor dem, was ich dort sah. Aber ich habe die deutsche Sprache auf das Penibelste gelernt und ein bisher verborgenes Sprachtalent entdeckt. Meine Deutschlehrerin, Frau Demke, ist bis heute eine Heldin für mich. Ich habe auch viel gebetet in dieser Zeit. Das war neu, ich kam nicht unbedingt aus einem betenden Haushalt, aber es gab mir ein bisschen Halt und eigene Struktur und trug dazu bei, dass ich funktionierte.
Mitschüler: War ich arrogant? Vielleicht.
Als ich für den Mittleren Schulabschluss in die zehnte Klasse einer Oberschule in Hohenschönhausen kam, lernte ich zum ersten Mal „normale“ deutsche Kinder ohne die biographischen Brüche und Abgründe der Heimkinder kennen. Ich fand sie oberflächlich und eher uninteressant; besonders nett oder offen mir gegenüber waren auch sie nicht. Ich hatte damals permanent das Gefühl, das Leben in der Einrichtung und an der Schule sei mir eigentlich zu klein, zu ordinär.
War ich arrogant? Vielleicht. Aber ich hatte mit 14 Jahren streckenweise schwimmend das Mittelmeer überquert und war jetzt mit diesen Leuten zusammen, die sich über Computerspiele und neue Adidas-Schuhe unterhielten . . . – es war einfach nicht stimmig. Ich war auch besser in der Schule, selbst in deutscher Grammatik, und in den Naturwissenschaften und Mathematik war es ohnehin praktischer, aus einem sozialistisch-undemokratischen Schulsystem wie dem syrischen zu kommen.
Neue Freunde: Wodkashots und das Ende der Jungfräulichkeit
In der Oberstufe kam ich in eine Klasse mit zwei Mädchen, die ein Auslandsjahr in den USA verbracht hatten. USA! Wie spannend! Ich wusste nicht, dass es so was wie ein Auslandsjahr in den USA gibt. Die beiden Schülerinnen waren offen und cool, und ich konnte mich mit ihnen anfreunden. Ich wurde zu dieser Zeit selbstbewusster, meine deutschen Sätze klangen inzwischen eher natürlich gesprochen als sorgfältig gebaut.
Durch meine neuen Freundinnen und den Kreis um sie wurde ich in die Welt der Partys eingeführt. Hier soff jemand im Park, da hatte irgendwer Sturm, hier der erste Wodkashot, dort ein Zug vom Joint – und auf einmal hatte ich lange Haare, gefärbte Nägel, nur noch Second-Hand-Kleidung und meine Jungfräulichkeit verloren. Gesellschaftliche und religiöse Normen wurden über Bord geworfen, wie die Werte der familiären Erziehung auch, und geworfen wurde auch sonst so einiges. Ich experimentierte, schaute, was sich ergab, übertrieb einen Tick und bekämpfte den Verlust und die Orientierungslosigkeit mit selbst auferlegter Verlorenheit und Orientierungslosigkeit. Ein bisschen Rache an meinem gut erzogenen vorherigen Leben war auch dabei: Ich habe die Anonymität, die ich in Berlin erlebte, ausgekostet. Von meinen Freunden bekam ich einen neuen Namen: Hamudi, meinen arabischen Kosenamen, der mit der deutschen Aussprache viel kompatibler war als Ahmad.
Im Rückblick ist es für mich ein Geheimnis, wie dieser Junge damals in seiner Widerstandslosigkeit wusste, wo die rote Linie ist, an der es kein Zurück mehr gibt.
Selbständig: Leere im Kühlschrank und Kampf mit der Bürokratie
2019 bin ich in eine eigene Wohnung gezogen. Alle in meinem Alter beneideten mich darum. Ich jedoch hasste es, alleine zu wohnen, ich wollte einfach aus diesen Jugendheimen raus. Die Betreuer entscheiden, ob man selbständig genug ist, und ich erhielt von meiner Einrichtung die Bestätigung. Das war crazy. Ich weiß nicht, ob sie mir einen Wunsch erfüllen wollten oder mir wirklich vertrauten, aber ich war so was von nicht bereit dafür. Eine Erziehung in Finanzdingen hatte ich in Deutschland nicht bekommen, also hungerte ich oft am Ende des Monats und wusste nicht, wo das Geld hin war. Dann musste ich mich an Freundinnen und Freunde mit Eltern und normalen vollen Kühlschränken wenden.
Außerdem schaute ich nicht fleißig in den Briefkasten, ein fataler Fehler: Der Kampf gegen die Banalität der Bürokratie ist ein längst verlorener. Ich denke hier ehrfürchtig an die liebe GEZ, von deren Zahlungen ich eigentlich befreit war, aber ich wusste nicht, dass ich das halbjährlich erneut mitzuteilen hatte, auch wenn sich an meinem Einkommensstatus nichts änderte. Ungeöffnete Briefe akkumulierten sich, und parallel dazu akkumulierten sich Mahnkosten, Strafen und die Gründe meiner Verzweiflung. Die Lösung war dann ziemlich einfach, nachdem ich Freunde um Hilfe gebeten hatte. Die gab es durchaus, nur hatte ich damals verlernt, rechtzeitig um Rat zu fragen, da ich mich in meiner Einsamkeit an den Alleingang gewöhnt hatte. Einsamkeit ist, kann ich heute sagen, ziemlich unpraktisch.
Pläne: Ich werde ins Ausland gehen, das ist sicher.
Ich wäre jetzt sehr gerne in Washington. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich meine nächste Station selbst gewählt. Ich habe mir nie ausgesucht, in Berlin zu sein. Ich bin hier gelandet. Und ich habe hier viel erlebt: Ich brach die Schule in der zwölften Klasse ab, nahm sie im nächsten Jahr wieder auf, schloss das Abitur mit 1,7 ab und fing während der Pandemie mein erstes Studium an, Biotechnologie. Nebenbei entdeckte ich die hebräische Sprache und besuchte als Gaststudent entsprechende Kurse, in denen ich bessere Noten als in meinem Studium bekam (was letztlich zum Wechsel ins jetzige Studienfach führte).
Nach dem 7. Oktober 2023 fing ich an, mich in der Antisemitismus- und Extremismusprävention zu engagieren, Anfang 2025 wurde ich in das Begabtenförderungsprogramm der Heinrich-Böll-Stiftung aufgenommen und kurz danach, im März 2025, erhielt ich (viel zu spät, finde ich) die deutsche Staatsbürgerschaft, um endlich, endlich nach Syrien reisen und meine Eltern und Geschwister in die Arme schließen zu können. Jahrelang hatten wir tagtäglich nur per Whatsapp und Videocall Kontakt. Sie haben den Krieg überlebt, anders als das Syrien, das ich kannte. Das ist spurlos verschwunden.
Ich werde anders als geplant hier in Berlin den Bachelor abschließen, doch für meinen Master werde ich ins Ausland gehen, nach Brüssel. Diese Woche kam die Zusage.
Caspar David Friedrich: Von Zerrissenheit und Trost
Was gelebt wird, kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Wunden aus meiner zerrissenen Biographie sind chronisch. Ein Beispiel für eine dieser Wunden und die damit verbundenen ungeklärten Fragen ist die scheinbar nicht zu überbrückende Distanz zwischen mir und meiner Familie, die mein Vater zum Ausdruck brachte, als er vom „größten Fehler unseres Lebens“ sprach.
Bei Kaffee und Kuchen auf der Terrasse der James-Simon-Galerie in Berlin sagte mir eine gute Freundin, ich sei ein „Kind des Westens“. Diese Aussage hätte womöglich meinen Vater in seinem Reuegefühl bestätigt.
Doch in Wahrheit ist beides falsch. Wer mich zum „Kind des Westens“ stempelt, lässt meine Herkunft und die ersten 15 Jahre meines Lebens außer Acht. Wer meine Migration nach Deutschland bloß als Fehler sieht, missachtet mein heutiges Ich. Aber das musste ich erst lernen.
Ich werde (sehr langsam) besser darin, mich zu vergewissern und zu verstehen, wer ich bin. Dabei helfen mir vor allem zwei Werkzeuge. Das erste ist die Bildung im klassischen Sinne. Hier bin ich wieder bei Bob Dylan: The answer, my friend, is blowin’ in the wind. Alles, was man spürt, alle Fragen, die einen umtreiben, schweben irgendwo in der Welt, von irgendjemandem geteilt, die Menschheit hat sie mal thematisiert, vielleicht auch einige Antworten und Tipps bereitgestellt. Ich jedenfalls habe einige davon in Büchern und Museen wiedergefunden: An schlechten Tagen gehe ich gerne in die Alte Nationalgalerie und lasse mich immer wieder von denselben Bildern trösten (Berlin ist nicht gerade die Stadt für Malerei, aber für unsichtbare Tränen reicht die Schönheit Caspar David Friedrichs völlig). Und als mir der Mut fehlte, meinen Eltern zu gestehen, dass die Liebe meines Lebens Deutsche ist, fand ich in Thomas Manns Tony Buddenbrook Inspiration: Ihren Fehler mache ich nicht, dachte ich mir.
Man ist nicht so einsam in der Welt, wie ich einst dachte. Bildung ist außerdem Familientradition. Durch meine jüngere Wiederentdeckung der arabischen Literatur und Kunst fand ich kulturell und sprachlich wieder Anschluss an meine eigene Familie, was hilfreich und schön ist, für beide Seiten.
Das zweite Werkzeug, um mich selbst zu verstehen, ist: Zeit. Als Erwachsener entwickle ich die Fähigkeit, mein – sehr gelinde gesagt – turbulentes früheres Ich aus sicherer Distanz zu betrachten und als Referenz für das Heute und potentielle Morgen zu nutzen: Was würde der Hamudi von damals denken und tun? Dabei würde ich seine Impulsivität, auch seine Destruktivität niemals einfach nachmachen. Als Inspiration ist er mir nach wie vor ein Schatz.
