Die Frage, ob der deutsche Rock ’n’ Roll am Ende nicht doch ein Missverständnis war – Kritiker beanstandeten lange das Eckig-Nachgemachte, letztlich einen Mangel an Talent –, lässt sich am besten durch Auflegen irgendeiner Inga-Rumpf-Platte beantworten, zum Beispiel „Get On Board“, das letzte Studioalbum ihrer Band Atlantis von 1975. Man lasse die Nadel auf „The Man“ nieder; schon meint man, Tina Turner und Janis Joplin auf einmal zu hören.
In den Blues- und Soulrockklängen, die zum Kompromisslos-Härtesten gehören, das die deutsche Rockmusik überhaupt hervorgebracht hat, kann Rumpf sich mit ihrer, wie das damals genannt wurde: „Rockröhre“ nicht etwa nur behaupten, sondern stranguliert diesen sagenhaften Kracher mit so noch kaum gehörtem Drive, absoluter Intonationssicherheit und frenetischer Hingabe. Und so ging sie grundsätzlich vor.
Das größte Einzeltalent der bundesdeutschen Rockszene
Zwei Jahre zuvor, im Mai 1973, war sie in dieser Zeitung als das gewürdigt worden, was sie immer war und bleiben wird: als „größtes Individualtalent der bundesdeutschen Rockszene“. (Nina Hagen kam ja aus dem Osten; ihr eignete von Anfang an etwas Spielerisch-Parodistisches, sie legte sich nie mit diesem unironischen rockistischen Ernst ins Zeug. Deswegen wurde Inga Rumpf die eigentlich klassische und eben auch beste deutsche Rocksängerin.)
Obwohl als Einzelinterpretin dermaßen gerühmt, machte sie ihre bedeutendste Musik in Bands, die sie entweder selbst gegründet oder geleitet hat, zuerst die Hamburger City Preachers, die seit 1965 einen nicht weniger stimmigen Folk machten als die britische Konkurrenz, den sie allerdings vielfältig mischten mit Skiffle, Ragtime, Shantys und Protestliedern, welch letztere ihnen für ihre zweite Platte sämtlich und sehr vorteilhaft von dem damals schon tätigen Autorenduo Siegel/Kunze geschrieben worden waren. Der zumindest heute heillos unterschätzte Einfluss der gesamteuropäisch ausgerichteten City Preachers auf die deutsche Rockmusik lässt sich nur noch vergleichen mit dem des zur selben Zeit gestarteten, gleichfalls unterbewerteten Knut Kiesewetter.
In erhabener Majestät
Danach, Anfang 1970, gründete Inga Rumpf mit dem effektsicheren französischen Keyboardspieler Jean-Jacques Kravetz die Band Frumpy, die sich mit ihrem schwerblütigen, langen Improvisationen freilich nie abgeneigten Prog-Rock ungewöhnlich breite Anerkennung erspielten. Ihr bestes Stück wurde „How The Gipsy Was Born“, ein einschüchternd dicker, sich zähflüssig ergießender Klangbrei, über dem Inga Rumpfs mächtige, bisweilen gaumig-belegte Stimme in erhabener Majestät schwebte. Noch heute erzählen sich Konzertgänger davon, wie sie damals britischen Bands wie Spooky Tooth, in deren Vorprogramm sie auftraten, Paroli geboten haben, wie überhaupt die Rumpf-Bands mit allen wichtigen Heavy-Bluesrock-Bands ohne Weiteres mithalten konnten.
Nach drei hochwertigen, im Vinyl-Original leider sündhaft teuren Studioalben und einem trotz Überlänge mancher Lieder wuchtigen, ja, eigentlich schon sensationellen Livemitschnitt schlug Inga Rumpf mit Kravetz das dritte und musikalisch wohl reifste Bandkapitel auf: Atlantis. Hier war das Paradox zu erleben, dass der nun vollends Blues- und Soul-geprägte, funkige Zuschnitt kommerzieller war, sich die Platten aber nicht so verkauften wie die von Frumpy. Auch diese Band verabschiedete sich mit einem groß angelegten Schwanengesang von der Bühne herab: „Atlantis Live“ (1975), einsetzend mit dem mächtigen, alsbald zum Diskothekenrenner gewordenen „Friends“, schrieb ebenfalls Rockgeschichte und hätte von keiner damaligen afroamerikanischen Combo besser eingespielt werden können, von Inga Rumpfs regelrecht heisergebrüllter Stimme zu schweigen.
Es ist nicht mehr üblich, den Krautrock, für den diese beiden Bands maßgeblich stehen und den sie hin zu mehr Internationalität gleichsam transzendiert haben, zu belächeln; der ursprünglich abfällig gemeinte Begriff („Krauts“!) ist längst eines dieser Markenzeichen made in Germany. Frumpy und Atlantis haben ihm unter Inga Rumpfs nie erdrückender, immer kollegialer Anführerschaft und ungeachtet der natürlich auch bei ihnen einschlägigen Jazz- und Fusion-Elemente seine durchschlagskräftigste und deswegen für Rockhörer wohl akzeptabelste Form verliehen, während manche Bands wie Neu!, Kraan, Amon Düül oder Guru Guru, textlich meistens gewitzter, eher einen kopflastigen Ansatz verfolgten. Konzeptkunst oder -musik war Inga Rumpfs Sache nie. Sie setzte, wie letztlich alle großen Interpreten, auf ungeschminkten Gefühlsausdruck und wusste ihre Power-Darbietungen immer wieder mit Balladen aus Folk und Country vorzüglich aufzulockern. Besonders gelang ihr das mit der späten Frumpy-Klage „Singing Songs“.
Ein Missverständnis namens Second-Hand-Mädchen
Als „Type“ wirkte sie mit ihrem Gesamthabitus stilprägend, indem sie die gleichsam harte, kaputte Kinder-vom-Bahnhof-Zoo-Femininität um ein Jahrzehnt vorwegnahm. Und doch unterlief ihr ein Karrierefehler, von dem man lieber nicht wissen will, welchen Output sie ohne ihn beibehalten hätte. Auf ihrem musikalisch überhaupt nicht zu beanstandenden, mit erlesener Jazz-Crew eingespielten und von Peter Herbolzheimer arrangierten Solodebüt „Second-Hand-Mädchen“ (1975) ließ sie sich zu Udo-Lindenberg-hafter Schnodderigkeit hinreißen. Was bei ihrem nur wenige Wochen älteren Kumpel aus City-Preachers-Tagen so prächtig hinhaute, verfing in ihrem Fall so gar nicht. Die wieder auf Englisch eingesungenen, wie stets mit internationaler Prominenz aufgenommenen Platten, unter denen „I+I=I“ (1985) mit dem scharfkantigen Soul von „Walk Beside Me“ herausragt, vermochten diese Scharte halbwegs auszuwetzen.
Inga Rumpf blieb die komplette Musikerin, die sie schon in jungen Jahren war, auch als Multiinstrumentalistin über so gut wie jede Spielart verfügend. Von allen Profis hochverehrt, kann sie es sich nach wie vor aussuchen, mit welchen Kollegen sie sich einlässt, wobei ein Hang zur NDR-Bigband auffällt. Und diese große Hamburger Deern wird nun 80.
