
Es klingt wie eine Räuberpistole: An einem der letzten Septembertage brechen ein oder mehrere Diebe bei Dunkelheit in einen Hangar am österreichischen Flugplatz Mauterndorf südlich von Salzburg ein. Sie haben es nicht auf Geld, sondern auf etwas viel Größeres und Wertvolleres abgesehen: einen viersitzigen Helikopter vom amerikanischen Hersteller Robinson des Typs R44.
Der oder die Ganoven haben wohl ganz bewusst auf diese Nacht gewartet: Denn Vollmond und sternenklarer Himmel ergeben zusammen beste Verhältnisse für einen Sichtflug bei nur noch moderater Dunkelheit. Da der Heli nach dem Abheben gegen 1.30 Uhr nachts vermutlich tief fliegt, und dies ohne seinen Transponder zur Identifizierung einzuschalten, bleibt er im österreichischen Luftraum völlig unbemerkt. Erst als er wohl via Slowenien die Grenze nach Kroatien überfliegt, wird das registriert. Auf dem Balkan verliert sich später seine Spur. Fliegerisch war der Flug jedenfalls anspruchsvoll: Nachts im Sichtflug lediglich unter Nutzung des Mondlichts einige Stunden einen Hubschrauber durch anspruchsvolle Topographie zu steuern, lässt auf einen professionellen Piloten schließen.
Als Ganzes verkaufen ist unmöglich
Was aber fängt ein Dieb mit einem viersitzigen Kolbenmotor-Helikopter moderner Bauart an, der in Mauterndorf von einem ehemaligen Skisprungstar für gewerbliche Rundflüge genutzt wurde? Als Ganzes verkaufen ist zumindest in Europa ziemlich unmöglich. Denn mindestens genauso wichtig wie der technische Zustand eines Luftfahrzeugs ist seine Dokumentation, also wann welche Teile von wem in welchem zeitlichen Ablauf gewartet oder ersetzt wurden. Das ist in der Luftfahrt extrem streng reguliert und wird mit Dokumenten etwa zur Jahresnachprüfung, vergleichbar dem TÜV beim Auto, aber auch den genau vorgeschriebenen Kontrollen etwa für Motor, Getriebe beim Helikopter, die Rotorblätter und vieles mehr schriftlich bestätigt. Diese finden je nach Vorschrift alle 50 oder 100 Flugstunden statt.
Illegal lässt sich in Europa ein ganzer Helikopter also wohl nicht veräußern. Anders sieht es aus, wenn teure Teile ausgeschlachtet werden. Hier könnte es eher möglich sein, gebrauchte Komponenten auf einem Schwarzmarkt zu verkaufen. Aber auch für Motor, Rotorblätter, Instrumente und viele andere Teile am Helikopter oder Flugzeug ist immer ein schriftlicher Nachweis mit exakter Seriennummer zur Authentifizierung, das Form-1 genannte Schriftstück, notwendig. Und diese dürfte der Halter des in Mauterndorf gestohlenen und neu etwa 700.000 Euro teuren Robinson R44 sicher nicht im Heli liegen gelassen haben.
Vermutet wird, dass viele dieser entwendeten Komponenten ins außereuropäische Ausland gehen, wo die Dokumentation eines Luftfahrzeugs und seiner Teile mutmaßlich weniger streng gehandhabt wird als in Ländern unter der Aufsicht der europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA.
Dokumentation nicht so streng
Laxer sieht es hingegen bei ultraleichten Luftfahrzeugen aus, dazu gehören maximal zweisitzige Motorflugzeuge, Gyrokopter und Hubschrauber bis 600 Kilo Abfluggewicht. Hier ist die Dokumentation nicht so streng wie bei Cessna, Piper, Robinson und Co. Deswegen werden erstaunlich oft etwa die weit verbreiteten 80 oder 100 PS starken Rotax-Flugmotoren „auf Bestellung“ aus geparkten oder sogar hangarierten Flugzeugen professionell ausgebaut und gestohlen. Diese werden anschließend entweder in Teilen oder als Ganzes weiterverkauft. So wurden etwa vor rund zehn Jahren an zwei verschiedenen Flugplätzen in Spanien bei Vorfällen fast zur gleichen Zeit gezielt sechs gebräuchliche Rotax-912-Vierzylinder gestohlen, bei einem weiteren Einbruch vier Triebwerke vom gleichen Typ. Vor vier Jahren wurden auch mehrfach zuvor in Europa entwendete Rotax-Flugmotoren in abgestürzten oder abgeschossenen iranischen Drohnen im Russland-Ukraine-Krieg entdeckt.
Wer sich mit einem Helikopter oder einem Flugzeug auskennt, für den dürfte auch das Starten des Motors und anschließendes Wegfliegen kein Problem sein – elektronische Wegfahrsperren oder Ähnliches wie beim Auto gibt es im Cockpit von kleinen Propellerflugzeugen oder Kolbenmotor-Helikoptern nicht. Und deren Türschlösser haben zumeist eher symbolischen Charakter.
Der österreichische Hubschrauberdiebstahl war aber auf jeden Fall kein Spontandelikt. Denn einen Hangar samt Flugplatztankstelle aufzubrechen, den Heli herauszuziehen, ihn mit Flugbenzin vom Typ Avgas vollzutanken, seinen Motor samt Rotor zu starten und nachts bis über die Grenze nach Kroatien davonzufliegen, lässt auf äußerst penible Planung schließen. Immerhin waren der oder die Diebe wohl zumindest so korrekt, die Transporträder zum Rangieren des Helikopters nach dem Rausschieben wieder ordentlich in den Hangar zurückzustellen. Derzeit fahnden die österreichische und kroatische Polizei nach dem Helikopterdieb und dem Verbleib des Robinson R44 – beides bislang ohne Erfolg.
