Das kleine Restaurant von Yoshimitsu Takahashi findet man nicht zufällig. An einer ruhigen Gasse beim Bahnhof Kamata im Süden von Tokio gelegen, der Eingang versteckt zwischen drei Getränkeautomaten, kommen in das Lokal „Takahashiya“ vor allem Stammgäste. Was es hier gibt, ist unschwer zu erkennen: Über der Tür hängt eine rote Laterne mit dem Aufdruck Kujira, das heißt Wal auf Japanisch.
Der 70 Jahre alte Wirt hat sich auf eine Speise spezialisiert, die fast nur noch in Japan gegessen wird. Wegen der oft martialischen Fangmethoden und weil die Meeressäuger teilweise vom Aussterben bedroht sind, ist der kommerzielle Walfang in der ganzen Welt verboten und verpönt – außer in Island, Norwegen und eben in Japan. Während halb Deutschland wochenlang mit einem gestrandeten Buckelwal mitfiebert und nun noch sein Verwesen und Aufblähen betrauert, stehen Wale in Japan noch immer vielerorts auf der Speisekarte.
Sashimi kann man in der schummrigsten Kaschemme essen
Das Restaurant von Yoshimitsu Takahashi ist eine klassische Izakaya, wie es in Japan unzählige gibt. Liebevoll, aber einfach eingerichtet, einmal vor Jahrzehnten und seitdem nie wieder verändert. Über die Zeiten haben Fett und Gilb die Wände gelblich gefärbt. Kein Stuhl passt zum anderen, die Sitzkissen sind speckig und abgewetzt. In den Regalen stehen Sake- und Shochu-Flaschen mit den Namensschildchen der Stammgäste. Zwei Fotos von jungen blondierten Boxern an der Wand sprechen dafür, dass auch Jüngere gerne in die „Takahashiya“ kommen.

In Deutschland würde man ein solches Lokal wohl schnell wieder verlassen. In Japan gilt die ungeschriebene Regel: Je oller die Izakaya aussieht, desto länger hält sie sich schon im Geschäft, und desto besser muss sie wohl sein. Sashimi kann man noch in der schummrigsten Kaschemme bedenkenlos essen.
Der alte Wirt mit dem lichten schwarzen Haar empfängt seine Gäste in orangefarbenem Sportshirt und brauner Schürze. Für die zwei Deutschen bringt er mit dem Bier gleich einen Stoß Informationsmaterial an den Tisch: Auf einer in Folie eingeschweißten Karte zeigt er die verschiedenen Walarten, von denen er Fleisch verwendet. Eine andere zeigt einen aufgeschnittenen Wal im Cartoon-Stil, an dem dargestellt wird, welche Teile des Tiers wie aussehen und wie gegessen werden können. Darunter zeigt eine Grafik, wie nahrhaft und gesund Walfleisch verglichen mit anderen Fleischsorten sein soll.
Dann verschwindet Takahashi in seiner kleinen Küche und kommt bald darauf mit zwei länglichen schwarzen Tellern zurück. Auf einem liegt eine Reihe tiefroter Fleischstreifen. Es ist das magere Muskelfleisch des Finnwals. Das andere Fleisch ist heller und marmoriert und kommt aus dem Schwanz des Brydewals. Beide Sashimi-Teller sind mit Sojasoße und zwei kleinen Häufchen geriebenen Knoblauchs und geriebenen Ingwers garniert.
Nach Fisch riecht das Fleisch nicht. Vor allem das marmorierte Fleisch schmeckt eher nach Rindfleisch, das in Japan auch gerne roh als Sashimi gegessen wird, ein wenig nussig. Das rote Fleisch hat einen stärkeren Eigengeschmack, etwas blutiger und traniger. Beides ist sehr zart.

Als sich die ersten Teller leeren, kommt der Wirt mit zwei neuen an den Tisch. Diesmal sehen sie schon weniger nach herkömmlichem Sashimi aus. Das eine ist die graue, ledrige Haut des Wals mit einer Fettschicht darunter, das Takahashi mit einer fruchtigen Senfsauce serviert. Das andere ist in Salz eingelegte Zunge mit Senf. So langsam fühlen sich die beiden deutschen Gäste ins „Dschungelcamp“ versetzt, probieren sich aber weiter tapfer durchs Sortiment. Nur die letzte Spezialität des Hauses, Zunge roh, in dünne weiß-rötliche Fäden geschnitten, mag nicht so recht munden. Teuer ist das alles nicht. Ein Teller Sashimi kostet 1400 Yen, umgerechnet etwa acht Euro.
Ausländische Gäste fragen gerne kritisch nach
Takahashi ist es gewohnt, dass ausländische Gäste, wenn sie sich einmal in sein Lokal wagen, gerne mit kritischen Nachfragen kommen. Auf die Frage, warum er ausgerechnet Walfleisch verkaufe, sagt der alte Wirt nur, dass es eben besonders lecker sei. Nach den Bedenken von Tierschützern gefragt, weicht er aus und erzählt eine Geschichte.
Vor einiger Zeit sei einmal eine Gruppe von Australiern in seine Kneipe gekommen und habe mit großer Begeisterung sein Wal-Sashimi gegessen. Danach macht der Wirt eine Reißverschluss-Bewegung über seinen Mund und fügt hinzu: „Zu Hause in Australien dürften sie niemandem davon erzählen, haben sie dann gesagt, sonst würden sie wohl zu mehreren Stunden Gemeindearbeit verdonnert.“

Viele Japaner sehen Walfang als Teil ihrer Kultur. In konservativen Kreisen zählt es auch zur nationalistischen Folklore, sich diese Tradition nicht von ausländischen Mächten verbieten zu lassen. Schließlich äßen die Japaner schon immer gerne Walfleisch, vor 2000 Jahren zunächst das von gestrandeten Tieren, seit einigen Jahrhunderten von solchen, die mit Harpunen vom Boot aus gejagt wurden.
Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte die Inselnation die großen Meeressäuger als günstige Proteinquelle für die Massen. In den Sechzigerjahren stellten Wale einen beträchtlichen Anteil am Fleischkonsum eines jeden Japaners dar. Bis zu 200.000 Tonnen im Jahr verbrauchte das Land damals. Heute ist der Verbrauch auf noch 2500 Tonnen geschrumpft. In Umfragen sagen bis zu 90 Prozent der Japaner, dass sie nie Walfleisch konsumieren.
Kommerzieller Walfang wieder aufgenommen
Doch die Walfangindustrie will das ändern und wird dabei von der konservativen Regierung, auch mit hohen Subventionen, unterstützt. Im Jahr 2019 trat Japan aus der Internationalen Walfangkommission aus, die 1986 ein Walfang-Moratorium in Kraft setzte, das bis heute andauert.
In den Jahren vor dem Austritt waren die japanischen Walfänger immer wieder auf „wissenschaftlichen Walfang“ in die Antarktis gefahren und hatten so die anderen Kommissionsmitglieder gegen sich aufgebracht. Inzwischen hat das Land den kommerziellen Walfang offiziell wieder aufgenommen, verspricht aber, dies nur in seinem exklusiven Wirtschaftsraum im Meer und mit staatlich vorgegebenen Fangquoten zu tun. Im Jahr 2025 erlaubte die Fischereibehörde den Fang von 370 Brydewalen, Zwergwalen, Finnwalen und Seiwalen, gefangen wurden insgesamt 326.

Im Jahr 2024 nahm das Unternehmen Kyodo Senpaku erstmals seit mehr als 70 Jahren wieder ein neues Walfang-Mutterschiff in Betrieb. Die Kangei Maru kann die von kleineren Fangbooten gejagten Tiere an Bord nehmen. In einer kleinen Fabrik an Bord können sie sogleich zerlegt und das Fleisch in mehreren Kühlkammern aufbewahrt werden. Das Unternehmen will mithilfe des neuen Schiffs den Jahresverbrauch der Japaner wieder auf 5500 Tonnen im Jahr verdoppeln, wie der Vorstandschef Hideki Tokoro anlässlich der Inbetriebnahme der Kangei Maru sagte. Er warb damit, dass Japan Walfleisch, anders als viele andere Nahrungsmittel, nicht aus dem Ausland importieren müsse, es also auch in Krisenzeiten immer verfügbar sei. Die staatlichen Fangquoten seien so berechnet, dass, selbst wenn der Walfang 100 Jahre lang fortgesetzt würde, die Zahl der Tiere nicht um einen einzigen Wal abnehmen würde.
Selbst den Fang von Finnwalen – den zweitgrößten Tieren nach dem Blauwal – hat Japan dem Unternehmen inzwischen wieder gestattet. Diese Entscheidung hatte besonders lautstarken Protest von Tier- und Umweltschützern hervorgerufen, da der Bestand der Finnwale als gefährdet gilt und die Jagd mit Sprengharpunen aus ihrer Sicht oft mit einem langen Todeskampf der Tiere verbunden ist.
Gastwirt Takahashi lässt solche Kritik an sich abperlen. „Die am lautesten schimpfen, sind am Ende die, die hierherkommen und überrascht sind, wie gut das Fleisch schmeckt“, sagt er nur. Als dann die ersten weiteren Gäste in sein Restaurant kommen, möchte er lieber gar nicht mehr viel reden. Die Menschen kämen schließlich zu ihm, um einen ruhigen Abend zu haben, sagt der Wirt und verschwindet hinter seinem Tresen.
