Ein Big-Brother-Haus mit zwei Schriftstellerinnen, einem Social-Media-Star und einem Verleger – das ist das Szenario von Isabelle Herzogs Roman „Bookish Game“. Die Erfolgsautorin Blair versucht ihr Image und ihre Marktposition zu bewahren; Vivian will nach einem Absturz wieder nach oben, aber mit einer ganz anderen Idee von Literatur; der verwitwete Richard schwankt zwischen den beiden und der Entscheidung, ob er seine verlegerische Energie ins Bewährte investieren oder einen neuen Literaturstar aufbauen will; und der junge Lio, der queere Liebesgeschichten schreibt, muss sich fragen, wie er moralische und ökonomische Interessen so abstimmt, dass seine Follower mitziehen.
Die Konflikte drehen sich ziemlich im Kreis. Die Handlung lebt von einer gut erkennbaren Verzögerungstaktik und tritt handwerklich gekonnt auf der Stelle. Herzog strapaziert mithin gezielt die Geduld des Publikums, der fünften Instanz dieses Romans, die das Geschehen wie der Chor einer griechischen Tragödie immer wieder kommentiert.
„Automatisiertes Marketing“ spart Ressourcen
Wer interessiert sich für so etwas? Wer will sich das anschauen und wer einen Roman darüber lesen? Laut Klappentext „die ganze Welt“, denn es handelt sich um das „Spektakel des Jahres“. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man diese Anmoderation für abwegig gehalten. Seit aber New Adult das einzige Belletristik-Segment auf dem Buchmarkt mit Wachstumszahlen ist, und dies noch dazu bei den schon verloren geglaubten Lesern der „jungen“ und „mittleren“ Generation, hat sich das geändert. 2024 richtete die Frankfurter Buchmesse eine eigene Halle für New Adult ein, und kaum ein Verlag verzichtet mehr auf einen Imprint in diesem Genrebereich.
Ein Jahr zuvor wurde unter dem Dach des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels eine AG gegründet, die einen „Leitfaden zur Verbesserung von Vertrieb & Vermarktung von Genre-Literatur“ erstellt hat. Damit sollen aus der Warengruppe „112 – Gegenwartsliteratur (ab 1945)“ jene Segmente herausgefischt und für ein „automatisiertes“ und „ressourcensparendes“ Marketing verfügbar gemacht werden, die als „Trendwarengruppen“ besonders lukrativ sind: „Unterhaltung“ (für Frauen), Young Adult und New Adult.
Wenn literarischer Erfolg gemacht wird
Die ganze Aufmachung von „Bookish Game“, die Gestaltung des Covers, die Typographie, Seitengestaltung und Gliederung, der Farbschnitt, die typischen Paratexte (Widmung, Danksagung, Triggerwarnung), das Selfpublishing, die Anrede der Leserinnen und Leser – alles deutet darauf hin, dass der Roman in die Warengruppe 170 „New Adult“ gehört.

Die Börsenverein-AG definiert sie folgendermaßen: „Liebesgeschichten über junge Erwachsene, die zum ersten Mal auf eigenen Beinen stehen und sich eigenverantwortlich verhalten müssen. Die Geschichten für ca. 16- bis 27-Jährige bergen ein hohes Identifikationspotential, Liebe ist ein zentrales Motiv (teilweise explizite Sprache und Szenen).“ Was könnte diese Zielgruppe an „Bookish Game“ interessieren? Worin liegt das „hohe Identifikationspotential“ eines Romans, der die Leser auf die Gemachtheit von literarischem Erfolg stößt, auf die Strategien hinter der Buchfassade, auf den rohen Kampf um Aufmerksamkeit und die Mechanismen, die dabei aktiviert werden? Und vor allem darauf, wie die lesenden Fans selbst dieses ganze System am Laufen halten?
Dass der immense Erfolg von New Adult die Buchbranche so überrascht hat, macht die Genregeschichte aufschlussreich. Einzelne Elemente dieser literarischen Kultur lassen sich zwar lange zurückverfolgen. Die Plötzlichkeit aber, mit der dieser Genrekontinent auf der literarischen Landkarte aufgetaucht ist, deutet auf die symbiotische Verbindung von Entwicklungen hin, die zuvor eher nebeneinander verlaufen sind: 2009 hatte ein New Yorker Verlag erstmals versucht, New Adult als Rubrik einzuführen, und zwar als Marketingkategorie für eine bislang nur unscharf adressierte Generation von jüngeren bis mittelalten Lesern. Er scheiterte an den Beharrungskräften der Buchhändler. Sie ließen den verlegerischen Vorstoß ins Leere laufen, richteten keine Regale für New Adult ein, bauten keine Verkaufstische dafür auf. Heute wäre das unvorstellbar.
Dann aber passierten zwei Dinge: Die Lesecommunity auf Goodreads griff die Kategorie auf und sortierte in ihren digitalen Regalen immer mehr Bücher unter der Rubrik „New Adult“ ein. Zugleich feierten Cora Carmack, Jamie McGuire und Colleen Hoover aufsehenerregende Selfpublishing-Erfolge, die ihnen 2012 Verträge mit renommierten Verlagen einbrachten. Auf dieser Grundlage und mit dem Rückenwind ihrer Fanbase eroberten sie die Bestsellerlisten der „New York Times“. Damit war New Adult auf dem etablierten Buchmarkt angekommen.
Wir Leser bleiben immer länger jugendlich
Literaturhistorisch hat die „Pottermanie“ diese neue Sparte angebahnt, denn der einzigartige Erfolg von „Harry Potter“ sorgte für einen Boom der „Crossover“-Literatur, die sich nicht weiter um die alte Grenze zwischen Büchern für Kinder und Jugendliche einerseits und für Erwachsene andererseits scherte. Damit stellte sich der Buchmarkt auf die langfristige Verlängerung der Jugendzone ein: Seit den Siebzigerjahren wurde diese biographische Episode von einem kurzen Ausnahmezustand zu einer lang anhaltenden Befindlichkeit. Der Sache nach ist Stephenie Meyers Crossover-Romanserie „Twilight“ (2005–2010) bereits ein New-Adult-Buch. Auf dieser Grundlage entstand der Fanfiction-Roman „Fifty Shades of Grey“, der nach seinem Selfpublishing-Erfolg – parallel zu Hoover & Co. – auf dem regulären Buchmarkt landete und mit „expliziten“ Szenen vormachte, wie eine „spicy“ Story funktioniert: New-Adult-Romane werden mit „Chilis“ bewertet.
Der plötzliche Erfolg von New Adult verdankte sich mithin der passgenauen Verschränkung unterschiedlicher Trends: Buchmarktgeschichtlich schälten sich neue Erfolgsstrukturen heraus; medienhistorisch beruhte die strukturelle Entmachtung der alten Gatekeeper auf dem Alltagsgebrauch sozialer Medien und digitaler Plattformen; literaturhistorisch fusionierten verschiedene Lesekulturen. Und all dies traf auf eine sozial- und mentalitätsgeschichtliche Situation, in der Zonen der Unsicherheit, des Vorläufigen, der pluralisierten Entscheidungsmöglichkeiten und des Entscheidungszwangs größer wurden. Für den Handlungsverlauf von New-Adult-Romanen ist daher nicht typisch, dass die Figuren hemmungslos ihren Gefühlen nachgeben, sondern dass sie sich permanent fragen, wann und wie sie ihren Neigungen folgen dürfen. Das gilt selbst für die Sexszenen, in denen häufig sehr sorgfältig austariert wird, welche Praktiken zum verpflichtenden Happy End des gemeinsamen Höhepunkts führen.
Wir zeigen’s denen!
Herzogs Roman ist ein interessantes Indiz für die nächste Stufe der Entwicklung: Lange funktionierte das Spiel, weil die Community es gegen den etablierten Betrieb spielen konnte. Beim Fansein wirkte immer ein wenig die Lust mit, die eigene Bedürfnisganzheit zur Geltung zu bringen und als lesende Followerin nicht nur einer Autorin als Idol zu folgen, also vertikale Bewunderungsbeziehungen zu pflegen, sondern gleichzeitig auch horizontal mit anderen Lesenden gemeinsame Sache zu machen. Die kollektive Arbeit von Autorinnen und Leserinnen am Erfolg, über die in der New-Adult-Community sehr offen gesprochen wird, hat immer auch den Charme des „Wir zeigen’s denen!“. Was aber passiert, wenn das ganze Spiel zum Breitensport für Jung und Alt wird? Wenn immer mehr auf die Bühne drängen? Wenn das Establishment nicht mehr als Gegenbild taugt, weil die alten Player wirklich keine Rolle mehr spielen und man selbst zum Establishment geworden ist?
Das positive Inklusionserlebnis der New-Adult-Community basierte auf der Exklusion der „alten“ Akteure. In Herzogs „Bookish Game“ treffen sich nun aber schon mehrere Generationen. Das Genre kommt also ins Alter. Und tatsächlich: Es gibt eine Reihe von Indizien, dass sich die Strukturen des literarischen Felds mittlerweile innerhalb der New-Adult-Szene wiederholen.
Die literarische Karriere fährt mit Vollgas gegen die Wand
Im September 2025 postete etwa Kathinka Engel, die mit ihrer „Badger Books“-Reihe (2024) eine interessante Selbstbespiegelung des Literaturbetriebs vorgelegt hat, auf Instagram den aktuellen Stand der Dinge: Anfangs sei sie von dem Gefühl getragen worden, als New-Adult-Autorin etwas bewegen zu können – „ich war stolz darauf, New Adult zu schreiben“. Das Verhältnis zu ihrem Genre, das sie stets und leidenschaftlich gegen Angriffe verteidigt hatte, wurde aber immer komplizierter bis zu dem Punkt, an dem sie sich dachte: „Sie liegen nicht mehr so falsch, die Medien.“
Engel beklagte die Orientierung an „aktuellen (Tiktok-)Hypes“, stellte fest, „dass Schreiben nicht für jeden Berufung sein muss“, und forderte: „wir müssen einen Unterschied erkennen“. Mit anderen Worten: Erneut werden ‚hohe‘ und ‚niedere‘ Literatur voneinander getrennt, nur eben innerhalb der New-Adult-Szene. Die einen Bücher dürfen zwar auch erfolgreich sein, aber allein wegen ihrer „Qualität“ und ihrer literarischen „Leistung“. Die anderen Bücher sind erfolgreich, weil sie den Massengeschmack und die Funktionslogik der sozialen Medien bedienen.
„Bookish Game“ zieht Konsequenzen aus einer literarischen Karriere, die vom New-Adult-Hype getragen wurde, dann aber abrupt vor die Wand fuhr. Herzog verarbeitet darin die Erfahrung eines monatelangen Shitstorms, den sie sich mit einem Roman eingehandelt hat, der feste Genreerwartungen enttäuscht und die Leser damit extrem wütend gemacht hat. Jetzt ist genau das ihr „Markenzeichen“: „unbequeme Wahrheiten und moralisch-graue Figuren, die man nicht eindeutig einordnen kann“. Herzog verspricht „ein Leseerlebnis, das fordert. Etwas, das nachhallt, ohne laut zu werden, und genau deshalb berührt“. Wenn dies als Markenkern ein Alleinstellungsmerkmal sein soll, dann folgt daraus: Der Mainstream liefert Wohlfühlbücher mit schematischen Figuren, die vorhandene Bedürfnisse befriedigen. Früher habe sie ihr Schreiben so weit wie möglich an den Markt angepasst, erklärt Herzog in einem Interview, „heute schreibe ich das, was ich will“.
Darum dreht sich auch der zentrale Konflikt in Herzogs Roman: Die eine Autorin, Blair, stellt sich perfekt auf die Erwartungen des Publikums ein, die andere, Vivian, will das „System“ verändern. Alles soll „radikaler“, „offener“ und „wahrer“ sein. Sie sucht einen Verleger, der nicht nur ein „neues Buch“ mit ihr macht, sondern der an „einem ganz neuen Rahmen“ mitarbeitet: „Für echte Literatur. Für Autoren, die sonst nie eine Chance hätten, weil sie nicht kommerziell genug sind“. Auch Vivian will „Verträge, Sichtbarkeit, Kanäle, Reichweite“. Aber im neuen „System“ soll dieser Erfolg nicht auf „Tauschgeschäften“ beruhen, sondern sich „Qualität, Stimme und Mut“ verdanken. Hat man damit Chancen auf den Sieg im Big-Brother-Literaturhaus? Ohne Verletzung des Spoilerverbots lässt sich nur so viel sagen: Die Strukturen erweisen sich auch für diesen Roman als sehr robust.
Isabelle Herzog: „Bookish Game. Schreib oder stirb, Darling.“
Verlagsvertretung Brunner, Wien 2026. 432 S., br., 18,99 €. Ab 16 J.
