An den Stränden der spanischen Exklave Ceuta drängen sich immer noch viele Migranten – vor allem an der Playa del Trampolín. Hunderte kauern unter Sonnenschirmen oder versuchen sich mit Rotkreuz-Decken vor der sengenden Sonne zu schützen. Vor der einzigen Stranddusche hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Menschen hier sind die Nachhut der mehr als 70.000, die am 30. Juli aus Marokko herübergeschwommen sind. Sie wollten nach Europa, nun sitzen sie am Trampolín-Strand, der nur 14 Kilometer vom spanischen Festland entfernt ist, und sind immer noch in Afrika. Entsprechend groß ist die Enttäuschung.
„Wir haben tagelang nichts zu essen und zu trinken bekommen. Niemand kümmert sich hier um uns“, klagt ein junger Nigerianer. Ein Jahr war er unterwegs, bis er mit seinen Freunden in Marokko strandete. Dann lasen sie bei Tiktok: „Ceuta ist offen“ – und stürzten sich ins Meer. Die meisten Marokkaner, die mit ihnen nach Spanien schwammen, wurden schon abgeschoben. „Spanische Soldaten haben sie am Strand gejagt und in Lastwagen gepfercht“, sagt der junge Nigerianer. Menschen aus Subsahara-Afrika, Syrien und Ägypten dürfen bleiben, bis ihr Asylanspruch geklärt ist.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die 84.000 Einwohner der kleinen Stadt Ceuta stehen immer noch unter dem Schock des größten Ansturms von Migranten, den sie jemals erlebt haben. Hilflos sah die Polizei zu, wie in wenigen Stunden fast so viele Migranten kamen, wie die Stadt Einwohner hat. So viele Menschen wie sonst in Aschaffenburg oder Dinslaken leben oder in die ausverkaufte Münchner Allianz-Arena passen. Viele nennen es eine „Invasion“. Die größte Lokalzeitung spricht von einer „Lawine“.
Durch das sauber gefegte Stadtzentrum zieht die feierliche Prozession zu Ehren der Jungfrau von Afrika. Durch andere Viertel irren immer noch bis zu 6000 Migranten, wie Helfer und Regionalregierung schätzen. Die Soldaten der „Légion“, der einstigen Fremdenlegion, setzten ihre „Batidas“ fort und suchen weiter nach Marokkanern. Das spanische Wort lässt sich auch mit Treibjagd übersetzen.
An den Zufahrtsstraßen zu Wohnvierteln sind Gitter aufgestellt. Die Zeitung „El País“ zitiert aus Whatsapp-Chats einer neu entstandenen Bürgerwehr, die ihre Stadt „säubern“ wollen. „Wir sehen Kakerlaken zwischen den Steinen“, hieß es dort, als Marokkaner entdeckt wurden, die sich versteckten. Aber es gibt in Ceuta auch die „Luna Blanca“. Das sind Freiwillige einer muslimischen Hilfsorganisation, die jeden Tag für bis zu 5000 Menschen kochen.
Kinder aus Marokko irren durch die Straßen
Bleiben dürfen in der Stadt nur Migranten aus Subsahara-Afrika, Kinder und Tote – für alle anderen reicht der Platz nicht. Der Wald am Rand der schmalen Straße vom Trampolin-Strand zum „Ceti“ gleicht einem Flüchtlingslager. Unter den Bäumen warten Hunderte Afrikaner. Das einzige Aufnahmezentrum der Stadt mit seinen knapp 600 Plätzen war schon vor dem 30. Juli überfüllt. Hoffnungslos ist die Lage der Kinder und Jugendlichen aus Marokko, die immer noch durch die Straßen irren. 29 reguläre Plätze hält Ceuta für unbegleitete Minderjährige bereit, die die Polizisten nicht einfach zurückschicken dürfen. Die Regionalregierung spricht von insgesamt mehr als 1100, ein Nachbarschaftsverein im größten muslimischen Viertel hat mindestens doppelt so viele gezählt.

Die Behörden bereiten in Schulen Notunterkünfte vor, auch das alte Militärhospital wurde reaktiviert. In einem gekühlten Saal stapeln sich derweil die Leichensäcke von 80 Ertrunkenen. Für die Obduktionen wurden Forensiker vom spanischen Festland gerufen. Das jüngste Todesopfer ist erst 13 Jahre alt, und es wird befürchtet, dass es noch mehr Tote gibt, die nicht gefunden wurden. Aus Marokko wurden bisher nur elf Opfer gemeldet, während die spanische Nichtregierungsorganisation „Caminando Fronteras“ von 63 spricht.
Auf dem muslimischen Friedhof unterhalb der Sidi-Embarek-Moschee heben Arbeiter neue Gräber aus. Die Reihen mit den weißen Steinen, die nur eine Nummer tragen, wächst seit Jahren. Das waren frühere Versuche, Europa über das Meer zu erreichen, die auch tödlich endeten. Von den namenlosen Grabstätten aus ist das glitzernde Meer zu sehen, in dem sie den Tod fanden, und Marokko, wo die meisten der Opfer aufgewachsen sind.
Auf dem Friedhof wurde es in den vergangenen Tagen auf einmal lebendig. Junge Marokkaner zogen sich auf der Flucht vor Polizei und Militär zwischen die Gräber zurück, wuschen sich an den Brunnen. Aber das ging vielen Muslimen zu weit. „Das ist ein heiliger Ort für die Ruhe unserer geliebten Verstorbenen und kein Ort, um seine Notdurft zu verrichten“, hieß es in Aufrufen aufgebrachter Angehöriger an die Polizei.
Marokkanische Familien suchen ihre toten Angehörigen
Marokkanische Familien, die Angehörige vermissen, rufen aus Verzweiflung bei spanischen Bestattern in Ceuta an. Auf Onlineportalen veröffentlichen sie Fotos von Verwandten, zu denen der Kontakt abgebrochen war, seit sie ins Meer gegangen sind und nie am Tarajal-Strand hinter dem Grenzübergang ankamen. Auf dem Meer kreuzen die Schlauchboote spanischer Polizeitaucher, während an vielen Stränden schon wieder die ersten Badenden zwischen den Wellen tollen. Dort wurden sofort alle Spuren getilgt. Aber die Wellen spülen immer noch einzelne Schuhe, Kleidungsstücke und erschlaffte, grellbunte Schwimmringe an.

Für viele Marokkaner ist das Bild einer lächelnden selbstbewussten Frau im Fußballtrikot zum Symbol der Tragödie geworden. Faten Ben Omar El Azizi war eines der großen Talente des marokkanischen Frauenfußballs. Die Zwanzigjährige spielte für „Maghreb Atlético Tanger“, sah aber in Marokko keine Zukunft mehr für sich.
Sie war der starken Strömung an der Straße von Gibraltar nicht gewachsen, trotz ihrer Sportlichkeit, und ertrank an dem Tag, an dem das spanische Konsulat in Tanger ihr Schengen-Visum genehmigte. Hunderte begleiteten Faten Ben Omar El Azizi auf ihrem letzten Weg in Tetuan. „Träume verwandeln sich in Albträume, Freude in Tränen“, schrieb ihr Verein in einem Nachruf.
Die Fußballerin gehörte zur marokkanischen „Generation Z“, die nicht mehr tatenlos abwarten will. Vor einem Jahr hatten sie die Regierung und den Sicherheitsapparat mit einer Protestwelle überrascht, die das ganze Land erfasste. Die Wirtschaft wächst, davon profitiert die junge Bevölkerung aber kaum: Rund ein Viertel der sechs Millionen Marokkaner unter 25 Jahren hat weder eine Arbeitsstelle noch einen Ausbildungsplatz. Jeder Dritte unter 30 Jahren ist arbeitslos. Laut Umfragen will die Hälfte von ihnen auswandern – aus Tanger soll sich am vorletzten Donnerstag die halbe Belegschaft eines Restaurants auf den Weg nach Ceuta gemacht haben.
Sie hatten Fotos von denen gesehen, die schon in Ceuta waren
Auch die junge Fußballerin aus Tetuan hatte von dem Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens erfahren. Nicht nur sie verstand es so, als wäre Ceuta und damit Europa für schwimmende Migranten plötzlich offen. Schon vor dem Donnerstag, als sie mit Zehntausenden aufbrach, hatten es mehr als 1200 Marokkaner und Migranten in die spanische Exklave geschafft, ohne dass man sie zurückschickte. In den sozialen Medien verbreiteten sie Fotos von ihrer Ankunft, auf denen sie jubelnd posierten, als hätten sie gerade die Fußball-WM gewonnen.

Die marokkanische Regierung äußerte sich erst Tage später. Statt Mitgefühl für die Opfer gab es Vorwürfe gegen Spanien: Durch ein Urteil von Spaniens Oberstem Gerichtshof sei das marokkanische „Abschreckungssystem untergraben“ worden. Die Richter hatten Anfang Juli entschieden, dass Migranten, die nach Ceuta schwimmen, nicht sofort nach Marokko zurückgeschickt werden dürfen.
Deutliche Worte fand der marokkanisch-französische Schriftsteller Taher Ben Jelloun. Er äußerte „Scham und Wut“. Der Autor, der in Paris und Tanger lebt, hatte selbst gesehen, wie die marokkanische Polizei Tausende nach Ceuta ziehen ließ, wo viele dann im Meer ertranken. Marokko habe ein weiteres Mal ein „hässliches, unerträgliches Bild“ in den internationalen Medien abgegeben, schrieb er auf dem Onlineportal „Le360“.
Ben Jelloun macht dafür aber nicht Marokko verantwortlich, sondern das spanische Urteil – und Algerien. Genauer: Den algerischen Hass auf Marokko, den er „pathologisch und unermesslich“ nannte: Sechzig Prozent der Migranten in Ceuta seien Algerier gewesen. Diese Behauptung kursiert seit Tagen ohne weitere Belege in marokkanischen Medien.
Marokko schlägt eine Lösung vor: Es will die Exklaven für sich
Im Wochenmagazin „Le Point“ skizzierte der Autor wenige Tage zuvor unter der Überschrift „Wanderer auf dem Weg zur Schatzinsel“ seine Lösung für die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla: „Diese Städte auf marokkanischem Boden müssten logischerweise an Marokko zurückfallen“, dann würde auch die illegale Einwanderung enden.

Das verlangt auch die marokkanische Führung, für die beide Städte koloniale Überbleibsel sind. Dafür findet sie zunehmend Unterstützung im Umfeld des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und Israels, mit dem Marokko gute Beziehungen unterhält. Auch wenn der große Ansturm wahrscheinlich nicht geplant war, hat er der ganzen Welt gezeigt, dass Spanien Ceuta ohne marokkanische Hilfe nicht halten kann, genauso wenig wie Melilla, die andere Exklave.
In den beiden Städten wollen spanische Politiker keinen Zentimeter preisgeben. Der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez, der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo und Rechtspopulisten wie Santiago Abascal (Vox) und „Alvise“ Pérez eilten sofort nach Nordafrika: „Ceuta und Melilla verteidigen bedeutet: Spanien verteidigen“, war tagelang immer wieder zu hören.
Jetzt erhalten beide Städte neue Seebarrieren. Seit Jahrhunderten gehören sie zu Spanien, während Marokko erst 1956 gegründet wurde. Rechte Parteien verlangen, Soldaten an den Grenzen zu stationieren. Ceuta und Melilla sind bereits von meterhohen doppelten Hochsicherheitszäunen umgeben, die an die Grenze zwischen den USA und Mexiko oder zwischen Israel und den Palästinensergebieten erinnern. Sie sollen den „Salto a la valla“ verhindern, den „Sprung über den Zaun“. Beim letzten großen Anlauf von etwa 2000 afrikanischen Migranten kamen 2022 in Melilla mehr als 20 von ihnen ums Leben.
Fast die Hälfte der Bevölkerung ist muslimisch
Spanien lässt sich den Schutz der beiden Exklaven viel kosten. Zwischen den Zäunen und dem Mittelmeer sind so zwei ungewöhnliche Multikulti-Außenposten entstanden. Melilla ist die einzige spanische Stadt, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung muslimisch ist. In Ceuta liegt ihr Anteil bei gut 40 Prozent. Fast alle sind marokkanischer Herkunft, was jedoch nicht heißt, dass sie wieder marokkanisch werden wollen. Sie fühlen sich als Spanier und leben mit Christen, Juden und Hindus friedlich zusammen. In Ceuta baute ein Hindu die neue Synagoge. In beiden Städten regiert die konservative PP.
Mit Rufen wie „Wir sind Spanier“ und „Faschisten raus“ empfingen am Wochenende einheimische Demonstranten den rechtsextremen Europaabgeordneten „Alvise“ Pérez im Zentrum von Ceuta. Der Influencer tritt für eine massive Abschiebung von Einwanderern ein und behauptet, Muslime wollten Ceuta in eine marokkanische Stadt verwandeln. Doch die Bewohner fühlen sich von den Rechtsextremisten für politische Zwecke auf dem Festland missbraucht und fürchten um den Frieden in ihrer Stadt.
Beamte mussten Pérez in einem Polizeiauto in Sicherheit bringen. Mittlerweile sind alle Politiker wieder nach Madrid zurückgekehrt, während Ceuta in Alarmbereitschaft bleibt. In sozialen Medien kursiert ein Aufruf für einen neuen Ansturm am 15. August. Die Parole lautet: „Unsere letzte Chance“.
