Zur Kenntnis dieses Bekenntnis: Wir mögen es überhaupt nicht, mit dem Stift zu schreiben. Mit zehn Fingern über eine Tastatur zu fliegen, ist für uns hingegen eine wunderbare Sache. Doch gibt es Momente, in denen kein Platz ist für das Notebook. Dann nutzen wir digitale Notizbücher, E-Ink-Tablets oder E-Paper-Tablets genannt. Das Geschriebene speichert die Cloud, es kann jederzeit mit Smartphone oder Notebook abgerufen und auf diesen verarbeitet werden.
Damit diese Schreibmethode der mit Kuli oder Füller auf Papier ähnelt, haben solche Geräte ein E-Ink-Display. Das verbraucht kaum Energie, der Akku hält wochenlang. Und auf solchen Bildschirmen lässt sich ein Papierschreibgefühl simulieren. Am besten vermittelt Remarkable das mit seinen Geräten. Das norwegische Unternehmen ist ein Pionier in dieser Gerätegattung. Gerade kam Paper Pure für 400 Euro auf den Markt. Nur wenige Wochen vorher präsentierte Amazon sein neues Kindle Scribe für 520 Euro. Wir haben uns für die 650 Euro teure Variante mit farbiger Darstellung entschieden, die wir ebenso wie das Remarkable Paper Pure getestet haben.
Lenkt lesen ab?
Die neuen Paper Pure und Kindle Scribe sind gut miteinander vergleichbar. Beide sind ähnlich groß (10,3 und 11 Zoll), ähnlich schwer (360 und 400 Gramm), ähnlich dünn (6 und 5,4 Millimeter) und ähnlich ausgestattet (KI-Funktionen, Cloudanbindung und Weiteres). Nur eine – für uns zentrale – Eigenschaft hat das Gerät von Amazon, die Remarkable nicht hat. Das Scribe ist zugleich ein E-Book-Reader mit angeschlossener Onlinebibliothek. Es können Bücher in digitaler Form in Amazons Kindle-Shop gekauft, verwaltet und gelesen werden. Die Norweger verkaufen ihr Konzept dafür als nutzerfreundlicher, weil man sich auf das Schreiben von Notizen und deren Lektüre konzentrieren könne, „ohne den Arbeitsfluss zu unterbrechen“.

Nun ja. Wer ein Smartphone in der Tasche hat, lässt sich sowieso ablenken vom weltweiten Web. Und wer sich durch die Lektüre eines Buches von der Arbeit abhalten lässt, ist ein glücklicher Mensch. Als wir während der Testphase auf eine Dienstreise gehen, wissen wir, dass wir sowohl handschriftliche Notizen machen müssen als auch etwas lesen wollen. Also ist das Kindle Scribe erste Wahl, weil es eben zugleich ein E-Book-Reader mit üppigem Elf-Zoll-Bildschirm ist. Es macht Spaß, darauf zu lesen.
In der Cloud speichern
Steht der Einsatz als Notizbuch an, nehmen sich beide Geräte zunächst nicht viel. An deren knapp sechs Millimeter dünnen Gehäusen hält sich der Stift magnetisch an der rechten Seite fest. Wird er am Paper Pure entfernt, wacht dieses aus dem Stand-by auf, was am Scribe durch das Aufklappen der Hülle ausgelöst wird. Die beiden Arbeitsbereiche zeigen die erste Seite der Notizbücher: sowohl die selbst erstellten als auch die importierten. Textdateien unterschiedlicher Formate lassen sich auf beide Geräte aus der Cloud wie etwa Google Drive herunterladen.

Während des Imports wandelt das Tablet die Dateien in das eigene proprietäre Format um. PDF-Files behalten ihr Format. Nun können Nutzer damit arbeiten wie mit einem bedruckten Blatt Papier: darauf herumkritzeln und Stellen markieren. Allerdings können sie mit dem Scribe keine Textstellen verschieben oder Wörter ergänzen. Das funktioniert mit dem Paper Pure, indem man beim Import die Datei in das Notizbuch-Format umwandelt. Voraussetzung dafür ist ein Abo deren Connect-Dienstes.

Eine Funktion der beiden Produkte, die wir leider nicht mit Freude nutzen können, weil unsere eigene Handschrift selbst schlaue Algorithmen nur mit viel und oft vergeblicher Mühe lesen können, ist die Konvertierung des Gekritzels in Text. Beide Geräte machen das dennoch erstaunlich gut. Aber für uns nicht gut genug. Schönschreiber müssten an dieser Funktion viel Gefallen finden. Vor allen Dingen mit der neuen KI-Unterstützung, mit der sich geschriebene Worte in Notizbüchern suchen lassen. Dann gilt natürlich: Nur die Worte, welche die KI lesen und konvertieren kann, lassen sich auch finden. Und es gab sogar bei unserer Sauklaue viele Treffer.
Fast wie auf Papier
Es fällt während des Tests mit beiden Geräten auf, dass das von Amazon etwas zügiger reagiert, was an dem Chip liegen dürfte. So flott, wie man es von Smartphones oder Tablets kennt, reagieren beide digitalen Notizbücher nicht. Das hindert nicht am flüssigen Arbeiten, weil der Fokus auf dem Schreiben mit dem Stift liegt. Der reagiert in beiden Fällen ohne Verzögerung. Der Schreibsound ist – wohl gewollt – beim Paper Pure hörbarer als beim Scribe. Mit etwas Phantasie könnte man glauben, man schreibe auf Papier.

Fasern aus Holz können naturgemäß nicht leuchten, weswegen Remarkable auf seinem Paper Pure als Reminiszenz darauf verzichtet, den Bildschirm bei Bedarf heller werden zu lassen. Papier leuchtet nicht. Diese Funktion hat das Scribe wiederum seit der ersten Version. Es ist recht praktisch, wenn man ein Buch im Flugzeug oder in der Bahn liest. Wie nützlich Amazons neue Scribe-Version mit Farbdarstellung im Alltag ist, können wir abschließend noch nicht beurteilen. Um ein Notizbuch mit verschiedenen Farben zu erstellen oder ein Buch mit unterschiedlichen Farbmarkierungen durchzuarbeiten, braucht es einen eingespielten Umgang mit Stift und Menüleiste. Wer hat schon zehn Textmarker neben sich liegen, um Stellen im Buch immer anders farbig hervorzuheben?
Remarkable geht mit dem Paper Pure aufs Ganze. Schließt man für vier Euro im Monat das Abo namens Connect ab, kann man nicht nur Dateien ins Notizbuchformat wandeln lassen, sondern auch ziemlich viele Vorlagen nutzen wie etwa Kalender, Blanko-Notenblätter oder Millimeterpapier für Architekten. Die Norweger bieten für Menschen, die gerne mit dem Stift arbeiten, ihr Tablet konsequent als vollständigen Papierersatz an. Ein Smartphone, Tablet oder Computer braucht und hat man dennoch. Dafür gibt es auf beiden digitalen Notizbüchern komfortable Möglichkeiten, die Dateien dorthin zu exportieren. Auf den Geräten mit Tastatur lässt sich dann prima mit zehn Fingern tippen. Nur eben nicht bei jeder Gelegenheit.
