
Die sozialen Netzwerke waren am Freitag voll davon. Die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten am Donnerstagnachmittag offiziell bestätigt, dass EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel ihren Posten in der Notenbank Anfang Januar vorzeitig aufgibt und zum IWF wechselt. Sie wird dort Leiterin der Abteilung Märkte.
Eine Karenzzeit sei nicht erforderlich, hatte der Notenbankrat nach der Befragung der Ethikkommission beschlossen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde dankte „Isabel“ für ihren „unschätzbaren Einsatz für die Institution“. „Damit hat das Spiel ‚Die Reise nach Jerusalem‘ in der EZB begonnen“, kommentierte ING-Ökonom Carsten Brzeski auf Linkedin.
Nun wird ein Paket geschnürt
Im EZB-Rat werden zahlreiche Posten neu besetzt, auch die von nationalen Gouverneuren. Im Blick stehen aber vor allem die Änderungen im Direktorium. Neben Schnabel geht auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Ihre Amtszeit endet offiziell im Oktober nächsten Jahres. Allgemein wird aber erwartet, dass sie vor den Wahlen in Frankreich im April ausscheidet. Die Amtszeit des Chefvolkswirts der Notenbank, Philip Lane, endet im Mai.
Man hört, es sei davon auszugehen, dass die Nachbesetzung Teil eines Gesamtpakets werde, für das von der Politik „neben der Eignung der Kandidaten viele Faktoren abzuwägen“ seien. Schnabel jedenfalls, die in einem Interview gesagt hatte, wenn sie gefragt werde, stehe sie bereit, scheidet jetzt als Lagarde-Nachfolgerin aus.
Aus dem Kreis der Beteiligten verlautete, es gebe zudem eine „besondere Beziehung“ zwischen dem Posten des EZB-Chefvolkswirts und des EZB-Präsidenten: In dieser Hinsicht müsse wohl eine „Nord-Süd-Balance“ hergestellt werden. Deutschland müsse sich nun entscheiden, welches Ressort ihm wichtig sei, und das werde sich wiederum auf die Präsidentschaft auswirken.
Über zwei Modelle wird spekuliert
Zwei Modelle wurden zuletzt in den Medien diskutiert. Möglichkeit Nummer eins: Der frühere spanische Notenbank-Gouverneur Pablo Hernández de Cos, Jahrgang 1971, wird EZB-Präsident. Er ist derzeit Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, ein eher pragmatischer Mensch. Spanien hat noch nie einen EZB-Präsidenten gestellt, zudem hat das Land gerade den Posten des Vizepräsidenten abgegeben. Im Gegenzug könnte es in dem Fall gewisse Plausibilitäten für einen Chefvolkswirt aus dem Norden geben, zum Beispiel Tobias Adrian, gebürtig aus Deutschland, der beim IWF in Washington zuletzt das gemacht hatte, was Isabel Schnabel jetzt übernimmt.
Möglichkeit Nummer zwei: Der frühere niederländische Notenbank-Präsident Klaas Knot, Jahrgang 1967, wird EZB-Präsident. Dann müsste vermutlich Frank Elderson, der Bankenaufsichtsmann im Gremium, der ebenfalls aus den Niederlanden stammt, seinen Posten aufgeben, damit dort nicht zwei Niederländer vertreten sind.
Gegen Knot könnte sprechen, dass es mit Wim Duisenberg schon mal einen niederländischen EZB-Präsidenten gab. Knots Anhänger weisen allerdings darauf hin, dass Duisenberg nur eine geteilte Amtszeit im Präsidentenamt war. Wenn man Knot, der früher bisweilen im EZB-Rat mit dem damaligen Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann für die harte Linie stimmte, im weitesten Sinne dem Bundesbank-Lager zurechnen wollte, müsste der Chefvolkswirtposten dann an ein – wie auch immer geartetes – anderes Lager gehen.
Da hat Frankreich Ansprüche geltend gemacht. Als denkbare Chefvolkswirtinnen aus Frankreich gelten die Vizegouverneurin der französischen Notenbank, Agnès Bénassy-Quéré, Jahrgang 1966, sowie Hélène Rey, Jahrgang 1970, Chefvolkswirtin und Direktionsmitglied der BIZ. Beide sind Makroökonominnen. Man darf vermutlich nicht unterschätzen, dass die Politik bemüht sein wird, unter den Neubesetzungen mindestens eine Frau zu haben, wenn mit Lagarde und Schnabel beide weiblichen Mitglieder aus dem EZB-Direktorium ausscheiden.
De Cos und Knot werden von Regierungen unterstützt
In den Umfragen der Nachrichtenagentur Bloomberg unter EZB-Beobachtern, die fast wie vor Wahlen abgehalten werden, hatte zuletzt de Cos vor Knot geführt. Für beide hatte sich jeweils auch die Regierung des eigenen Landes ausgesprochen, was bei de Cos aufgrund der politischen Gemengelage in Spanien nicht von vornherein klar war. Weiter hinten lag in den Umfragen Bundesbankpräsident Joachim Nagel. Den unterstützt Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD), während Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eher die These vertritt, Deutschland könne neben dem EU-Kommissionspräsidenten-Posten von Ursula von der Leyen (CDU) nicht auch noch den EZB-Spitzenposten beanspruchen. In der Konsequenz sagte Deutschland bislang nichts.
„Die Franzosen spielen dieses Spiel am geschicktesten, denn sie scheinen Knot zu unterstützen“, sagt ING-Ökonom Brzeski. „Nicht ohne Eigeninteresse, denn ein spanischer Präsident und ein französischer Chefvolkswirt wäre für den Norden des Guten wohl etwas zu viel.“ Die Franzosen wüssten auch, dass es für sie nur um die Nachfolge für Schnabel oder Lane gehe. David Marsh von der Denkfabrik OMFIF hatte ins Spiel gebracht, wenn man sich gar nicht einige könne, könne man den früheren französischen Notenbankchef François Villeroy de Galhau aus dem Ruhestand holen. Aber da Frankreich schon zweimal den EZB-Präsidenten stellte, gilt das wirklich nur als absolute Notlösung.
Die Commerzbank vertritt in ihrem Marktbericht „Die Woche im Fokus“ die Einschätzung, vieles spreche für de Cos. Dann dürften die beiden anderen EZB-Direktoren aus Frankreich und Deutschland kommen, wenn man sich an der bisherigen Besetzungspraxis orientieren wolle. Die Commerzbank-Ökonomen bewerten de Cos aufgrund ihrer regelmäßigen KI-Analyse der Reden von Notenbankern tendenziell als „taubenhafter“ als Knot, also eher einer lockeren Geldpolitik zugeneigt. Sie konzedieren aber, in der Inflationswelle 2022/2023 habe de Cos sich zeitweise „falkenhafter“, also stärker in Richtung einer straffen Geldpolitik, als der Durchschnitt im EZB-Rat gezeigt. Insgesamt spreche gleichwohl vieles dafür, dass die Personalwechsel in der Notenbank tendenziell dazu führten, dass der EZB-Rat „taubenhafter“ werde; auch, weil das den hoch verschuldeten Staaten gut in den Kram passe.
Beobachter verweisen allerdings gern darauf, dass mit Christine Lagarde 2019 jemand die Nachfolge des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi angetreten habe, der nicht zu den Favoriten der Nachfolgespekulationen gehört hatte. Es könnte also immer auch noch eine Überraschung geben.
