Nein, Ilkay Gündoğan ist nicht im WM-Tunnel. Aber der Gag lässt sich fast nicht vermeiden, als der frühere Kapitän der Nationalmannschaft mal wieder in einem Funkloch verschwindet. Es ist Freitag, der Tag vor dem Testspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die USA in Chicago.
Gündoğan ist unterwegs nach Monte Carlo, ein Besuch bei der Formel 1, als er vom Rücksitz eines Autos in einem digitalen Meeting mit einem Quartett deutscher Journalisten über das spricht, was ihn die meiste Zeit im Jahr beschäftigt – und weshalb das mit dem WM-Tunnel dann doch auch nicht ganz falsch ist. „Wenn jetzt so eine Weltmeisterschaft ansteht“, sagt er, „wird man schon ein bisschen wehmütig. Da muss ich auch ehrlich sein. Weil ich noch aktiv spiele und mich eigentlich auch fit fühle.“
Gündoğan war nach dem Aus im Viertelfinale bei der Heim-EM 2024 aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, aber im Auto nach Monte Carlo lässt er keinen Zweifel zu, welche Botschaft er nach Deutschland über das aktuelle Team senden will. Er traut ihm viel zu, sehr viel sogar. „Vor jedem Turnier guckt man ja so ein bisschen, wer für eine Überraschung sorgen kann. Und ich finde schon, dass die deutsche Mannschaft auch für eine sehr große Überraschung sorgen kann“, sagt Gündoğan. „Ich sehe da echt viel Potential und glaube schon, dass man sehr viele Gegner schlagen kann.“
Handlungsspielraum für den Bundestrainer
Wenn man ihn fragt, worin konkret diese Überraschung bestehen könnte, was der X-Faktor der deutschen Mannschaft sein könnte, den andere vielleicht noch nicht kennen und auch das skeptische Publikum in Deutschland nicht, dann sagt er: „Die Mischung aus der richtigen Erfahrung und den jungen dynamischen Spielern.“ Er zählt neben Florian Wirtz und Jamal Musiala auch ausdrücklich Lennart Karl auf, die ihm beim Test gegen Finnland mit ihrer Unberechenbarkeit imponiert hätten. Da weiß er allerdings noch nicht, dass Karl sich später an diesem Tag verletzen und für die WM ausfallen wird.
Gündogan nennt einen weiteren Punkt: „Dass die Mannschaft von Spiel zu Spiel, auch von Gegner zu Gegner, reagieren kann. Man kann Spieler mit komplett unterschiedlichen Fähigkeiten auf den jeweiligen Positionen einbringen.“ In der Offensive, aber auch in der Abwehr, auf den Außenbahnen. Der Begriff „experimentieren“, sagt Gündoğan dazu, sei ja immer ein bisschen negativ besetzt. In diesem Fall sieht er darin ausdrücklich eine Stärke, einen „Mehrwert“, von dem er sich einen „großen Handlungsspielraum“ für Bundestrainer Julian Nagelsmann erhoffe.
Auf den Einwand, dass darin auch eine Überforderung bestehen könne, gerade für eine Mannschaft, die noch nicht über einen längeren Zeitraum gefestigt ist, antwortet er mit einem grundsätzlichen Satz. Einem, der als Motto über diesem Gespräch, aber vielleicht auch über Gündoğans Karriere mit verschiedenen großen Mannschaften und Trainern stehen könnte: „Wenn man erfolgreich sein will“, sagt er, „dann muss man Dinge besser machen, die die Gegner nicht besser machen können.“
Mit anderen Worten: Es geht darum, die eigenen Stärken zu identifizieren und konsequent auf sie zu bauen – auch wenn damit Risiken verbunden sind. Das ist, einerseits, im Grundsatz sehr plausibel, wenn man sieht, wie etwa Jürgen Klopp oder Pep Guardiola aus Stärken ganze Stile entwickelt haben (oder auch umgekehrt die Stärken nach den Stilen gesucht), andererseits aber im konkreten deutschen Fall auch ein bisschen überraschend.
Wer wird der „Connector“?
Schließlich war Gündoğan in seinen Mannschaften immer derjenige, der für das Prinzip Ordnung stand, bei der EM vor zwei Jahren in Arbeitsteilung mit Toni Kroos. Bei Nagelsmann war Gündoğan wie auch bei Klopp oder Guardiola der „Connector“, Verbindungsmann im Zentrum, der dafür sorgte, dass Jamal Musiala und Florian Wirtz zwar als Freigeister ganz auf ihre Stärken setzen konnten, aber dabei den Kontakt zur übrigen Mannschaft nicht verloren.

Einen Connector wie ihn, daran kommt man nicht vorbei, hat die deutsche Mannschaft in diesem Sommer nicht. Serge Gnabry schien auf einem guten Weg, in diese Rolle wachsen zu können, ehe er sich verletzte. Die Befürchtung aber, dass dem Team damit an entscheidender Stelle der Stecker gezogen sein könnte, teilt Gündoğan nicht. Die Rolle, sagt er, sei nicht an die Position gebunden, das könne Manuel Neuer sein, Jo Kimmich, die Innenverteidiger, die Bayern-Achse insgesamt, aber auch ein Kommunikator wie Deniz Undav, der von vorne sendet.
Über das, was dem deutschen Team fehlen könnte, spricht Gündoğan von sich aus nicht, vielleicht auch, weil das einem anderen Rollenbild entspricht, dem von unbedingter Loyalität. Einen Einwand lässt er aber doch gelten. Dass gerade das deutsche Zentrum im Vergleich zur Weltspitze noch undefiniert wirkt. Kann das auf höchstem Niveau reichen?
„Ob das reicht oder nicht, ist schwierig zu bewerten momentan“, sagt er. „Das muss sich auf jeden Fall erst beweisen, dass wir da auch Spieler auf dem Level haben, die Champions-League-Finals und Halbfinals dann über mehrere Jahre hinweg spielen. Wir haben viele Spieler, die neu in diese Rolle reinkommen. Aber es gibt das Potential dafür, dass es reichen kann. Wenn man sich die individuellen Fähigkeiten der Jungs anschaut, dann haben die schon die Qualität.“
Gündoğans Lob für Tuchel
Am Tag nach dem Gespräch spielen die Deutschen in Chicago gegen die Vereinigten Staaten. Beim 2:1-Sieg durch die Treffer von Kai Havertz und Leroy Sané meint man diesen Unterschied zu sehen: zwischen dem, was reicht, um Finnland locker 4:0 zu schlagen, und dem, was noch nicht reicht, um jetzt schon auf Augenhöhe mit den Großen zu spielen.
Grundsätzlich sagt Gündoğan: „Es ist erst mal gut, dass die Erwartungshaltung nicht ganz so groß ist.“ Von den Mannschaften, die ins Finale kommen können, sei Deutschland „so ein bisschen in der zweiten, dritten Garde“. Die allererste, das sind für ihn die Spanier, die er noch klar vor den Franzosen hervorhebt.
Gespannt ist er auch auf die Engländer, bei denen der deutsche Nationaltrainer Thomas Tuchel mit seinen Kaderentscheidungen für heftige Diskussionen gesorgt hat. Gündoğan findet das richtig. „Ich glaube, dass man in manchen Mannschaften hart sein und dann auch seine Schiene durchziehen muss. Und das macht er, davor habe ich großen Respekt. Ich hoffe für ihn, dass es gut geht, weil ich ihn als Trainer und Menschen sehr schätze.“ Es ist, am Rande, auch ein Kommentar dazu, dass Nagelsmann besonderen Wert auf Gruppendynamiken legt. Er vertraue dem Bundestrainer, dass das wieder zu einer positiven Atmosphäre wie bei der EM 2024 führen werde.
Worauf es bei dieser Weltmeisterschaft am meisten ankommen wird, wird Gündoğan am Ende noch gefragt. Er antwortet mit einer anderen Weltmeisterschaft, der Klub-WM im vergangenen Sommer. „Am Ende hat mit dem FC Chelsea eine Mannschaft gewonnen, von der man es auch vielleicht nicht unbedingt so erwartet hat“, sagt er. Der Grund: „Weil sie ein Stück weit von ihrer eigenen Linie abgewichen sind und es geschafft haben, sich extrem auf die Gegner einzustellen, gerade im Finale.“
Dass Gündoğan dabei an Deutschland denkt, fügt er noch hinzu. Aber, um noch einmal in den Tunnel einzutauchen: Das wüsste man auch nach dem nächsten Funkloch.
