Zum womöglich letzten großen Interview seiner Karriere hat Fernseh-, Comedy- und Kabarett-Urgestein Jochen Busse in ein alteingesessenes Café direkt am Kölner Dom gebeten. Erst seit ein paar Tagen lebt der 1941 in Iserlohn geborene Schauspieler wieder in der Stadt, in einer Seniorenresidenz gleich um die Ecke, die neben viel Kulturprogramm für die Bewohnerinnen und Bewohner auch stationäre Pflege anbietet.
Für die Woche nach dem exklusiven Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung steht ihm nach langen Wochen voller Schmerzen ein größerer Eingriff im Krankenhaus bevor; die letzten beruflichen Verpflichtungen – Theaterabende sowie neue Dreharbeiten zur ARD-Reihe „Einspruch, Schatz!“ – musste er absagen.
Die letzten neuen Folgen, in denen Busse als Vater von Christine Urspruch zu sehen ist, werden im September ausgestrahlt. Bei einem Spaghettieis spricht der dank Sendungen wie „7 Tage, 7 Köpfe“ und „Das Amt“ bis heute einem großen Publikum bekannte Fünfundachtzigjährige über den selbst gewählten Abschied nach 57 Jahren in der Unterhaltungsbranche und blickt noch einmal zurück auf seinen Lebensweg.
Herr Busse, in der Presse war zu lesen, dass Sie an der Hüfte operiert werden und im Vorfeld dieses Eingriffs in eine Seniorenresidenz gezogen sind. Wie geht es Ihnen?
Angefangen hat das Ganze vor einigen Wochen mit einem Leistenbruch. Der ist auch behandelt worden, und ich hatte gehofft, es würde mir drei Tage später wieder wie immer gehen. Entsprechend hatte ich noch allen Theatern meine anstehenden Termine bestätigt. Ich dachte, das ist eine Kleinigkeit, doch es wurde ein Aneurysma an der Hüfte festgestellt; deswegen die Operation. Dass der behandelnde Professor zunächst gesagt hatte, das sei alles ganz problemlos, hat mich natürlich misstrauisch gemacht. Wobei ich letztlich immer schon misstrauisch bin, seit mir mal ein Oberarzt einer Hautklinik sagte, ich solle bloß nie zum Arzt gehen, wenn ich mal krank bin. Denn der Arzt müsse etwas finden, sonst sei er ja nicht gut. Prompt ist es mir tatsächlich so ergangen. Ich habe 30 Jahre lang keinen Arzt gebraucht und bin noch nie operiert worden. Und jetzt das.
Der Schritt, kurzentschlossen in ein Heim zu ziehen, erscheint unter diesen Umständen konsequent, dürfte aber kein leichter gewesen sein. Warum haben Sie diesen Entschluss gefasst?
In meinem Umfeld habe ich alle damit überrascht, aber ich wollte diese Entscheidung treffen, solange ich noch bei klarem Verstand bin. Ich wusste: Wenn ich wirklich zum Pflegefall werden sollte, ist es zu spät. Auf diesem Weg konnte ich mich noch darauf einlassen und mir meine Wohnung nun in der Residenz so herrichten, wie ich es wollte. Wie ich wohne, ist mir wichtig. Deswegen hingen schon an meinem ersten Tag in der Residenz meine Bilder an der Wand. Inklusive der Ahnengalerie, in der auch mein Hund dabei ist. Sie können jederzeit zu mir kommen, und es sieht immer aus wie von „Schöner wohnen“ eingerichtet. Ich bin nun einmal Internatskind, die sind alle pingelig. Und wenn sie es nicht sind, hat das Internat versagt.
Zuletzt haben Sie – wenn Sie überhaupt mal zu Hause waren – in Düsseldorf gelebt. Warum sind Sie nun nach Köln gekommen?
Tatsächlich bin ich eigentlich nicht der größte Fan der Stadt. Aber eine gute Freundin von mir lebt Teile des Jahres in Köln und meint, sich hier um mich kümmern zu müssen. Auch weil sie hier die besten medizinischen Beziehungen hat. Sie findet, am Ende des Lebens Freunde um sich zu haben, sei gut. Da hat sie wohl nicht unrecht. Übrigens bin ich gerade vorhin erst meinem früheren Nachbarn begegnet, mit dem ich mal 15 Jahre lang hier in Köln Tür an Tür wohnte. Der hat angekündigt, im Herbst ebenfalls in diese Residenz zu ziehen. Dann wohnen wir also wieder zusammen im selben Haus.
Sie erwähnten gerade den klaren Verstand, und in früheren Interviews sprachen Sie bereits darüber, dass die Vergesslichkeit zunimmt. Ist auch der Kopf ein Faktor gewesen bei Ihren Überlegungen der zurückliegenden Wochen?
Absolut. Ich bin 85 Jahre alt, und offenkundig haben 35 Prozent der Menschen in diesem Alter Demenz. Davon ist Alzheimer nur ein Teil. Und auch in dieser Hinsicht will ich nicht warten, bis es zu spät ist.
Vor zwei Jahren hatten Sie bei einer Theateraufführung in München auf der Bühne einen großen Aussetzer, sodass die Vorführungen für eine Weile unterbrochen werden mussten. Der Blackout war durch Migräne bedingt, aber hat Ihnen die Situation damals Angst gemacht?
Zunächst einmal fand ich toll, wie gut das Publikum auf die Situation reagiert hat. Hätte ich gewusst, dass ein solcher Moment so gut ankommt, hätte ich das schon viel früher mal gemacht. Aber ja, dass darum so viel Aufhebens gemacht wurde, hat mir doch etwas Angst gemacht. Jedenfalls haben mich damals Leute darauf aufmerksam gemacht, dass es vielleicht Zeit wäre aufzuhören. Und seither ist dieser Gedanke leider immer irgendwie in meinem Kopf gewesen.
Ihre Arbeit hatte für Sie zeitlebens einen enorm hohen Stellenwert. Fiel es Ihnen schwer, in den zurückliegenden Wochen nun alle Auftritte absagen zu müssen?
Das habe ich noch nie zuvor in meinem Leben gemacht, und es war eigentlich das Einzige in der aktuellen Situation, was psychisch wirklich problematisch für mich war. Es fühlt sich an, als hätte ich etwas versaubeutelt. Aber ich musste begreifen: Wenn’s nicht geht, geht’s nicht. Das habe ich nicht leicht weggesteckt. Auch weil ich weiß, dass für private Theater, an denen ich auftrete, an solchen Abenden etwas hängt. Ein Ausfall bedeutet ein Loch in der Kasse.
Haben Sie deshalb trotz Schmerzen erst einmal weiter auf der Bühne gestanden?
Ja, ich dachte, das renkt sich wieder ein. Du musst nur tüchtig Yoga machen, dann wird das. Aber dann bekam ich eine Influenza, die mich schwächte, und deshalb bin ich gestürzt und aufs Gesicht gefallen. So kam ich zum ersten Mal in meinem Leben in die Notaufnahme, wo auch eine TIA diagnostiziert wurde.
Eine Transitorische Ischämische Attacke.
Eine Vorstufe zu einem Schlaganfall.
Auch Ihre feste Rolle in der Fernsehreihe „Einspruch, Schatz“ mussten Sie aufgeben. In den neuen Folgen, die gerade gedreht wurden, wird der Vater der Protagonistin von einem anderen Schauspieler verkörpert.
Das ging einfach nicht anders, als nun die OPs anstanden. Es wurden alle möglichen Überlegungen angestellt, was man vielleicht noch machen könnte. Aber aufzuhören, war dann leider die einzige Option für mich. Ich bedaure es sehr, nicht mehr Teil dieses wunderbaren Ensembles zu sein. Besonders dankbar bin ich Torsten Lenkeit, der die Rolle für mich geschrieben hat.
Ist das also nun Ihr Abschied aus dem Berufsleben?
Ja, das muss ich so sagen. Ich habe neulich den Arzt gefragt, der mich operiert, ob ich wohl jemals wieder auf der Bühne stehen könnte, und er meinte: ohne Weiteres. Nur: Wann das sein könnte und ob ich dann überhaupt noch beisammen bin – man weiß es nicht!
Macht Sie dieses Karriereende traurig?
Ach, ich laufe durch Köln, und immer wieder sprechen mich Leute an: „Wir haben immer so über Sie gelacht!“ So etwas wünscht man sich doch. Ich habe alles erreicht. Vor einiger Zeit habe ich bei einer Aufführung am Theater im Bayerischen Hof in München eine Dame in die erste Reihe eingeladen, deren Mann gestorben war und die überhaupt keine Lust mehr hatte zu leben. Eine Kellnerin im Haus hatte ihr empfohlen, in meine Vorstellung zu kommen. Am Ende hat sie Tränen gelacht. Das war für mich das größte Erlebnis überhaupt.
Haben Sie die Sorge, dass es Ihnen fehlen wird, Menschen professionell zum Lachen zu bringen?
Es reicht mir, wenn ich das im privaten Umfeld tue. Und das Gute ist ja, dass ich irgendwann erfahren habe, dass ich in meinem Leben kein Geld mehr verdienen muss.
Ich habe schon sehr lange einen sehr guten Finanzberater. Das war früher mal mein Steuerberater, und der hat sehr gut für mich vorgesorgt. Immer nach der Devise, das Einkommen dreizuteilen: ein Drittel zum Leben, eines für die Steuer und eines fürs Alter. Und ich habe auch gut verdient, nicht nur früher bei RTL. Letztes Jahr habe ich noch 100.000 Euro netto gemacht. Das ist doch für einen Vierundachtzigjährigen nicht schlecht. Aber ich habe auch viel gearbeitet. Viel Freizeit hatte ich nie.
Davon haben Sie nun mehr. Wie werden Sie die verbringen?
Nicht anders, als wenn ich abends auf der Bühne gespielt habe. Nur dass ich jetzt früher ins Bett gehe. Ich lese gerne. Und zwar laut. Literatur genauso wie Zeitungsartikel. Wie gut ein Text wirklich ist, merkt man vor allem, wenn man ihn laut liest. Gerade lese ich „Entzug“ von Christoph Peters, die autobiographische Geschichte eines Alkoholikers. Aber ich habe kürzlich zum Beispiel auch den Film „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gesehen; die Romanvorlage hatte ich vor Jahren gelesen. Die Schauspielerin, die Senta Berger darin verkörpert, habe ich damals noch in München an den Kammerspielen gesehen. Und mit Senta selbst habe ich in den Achtzigerjahren die allererste Folge ihrer Serie „Die schnelle Gerdi“ gedreht. Das hatte sich ihr Mann Michael Verhoeven gewünscht, und mich musste man ja nie zur Arbeit überreden. Allerdings fand ich Senta nie so gut, wie sie nun in diesem Film ist, für den sie den Deutschen Filmpreis bekommen hat. Mein erster Gedanke war: Andere kriegen in diesem Alter Preise, ich gehe in den Ruhestand.
Können Sie eigentlich gut allein sein?
Sehr gut sogar. Und immer, wenn ich von irgendwelchen Tourneen kam, war mir das auch besonders wichtig. Im Grunde bin ich meistens allein. Aber ich fühle mich dabei überhaupt nicht einsam. Das geht wahrscheinlich nicht jedem so.
Sie haben häufig betont, wie froh Sie sind, dass Sie Ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Ging Ihnen die Freude am Spielen nie verloren?
Nein, mein Hobby blieb immer mein Hobby, und ich bin froh, dass ich ein Leben lang davon leben konnte. Aber natürlich heißt das nicht, dass es mir in meiner Arbeit je an Ernsthaftigkeit gemangelt hätte. Oder an Pflichtbewusstsein. Ich hatte einen faschistischen Vater und bin in einem sehr preußischen Haushalt aufgewachsen, in dem ich von Kindesbeinen an gelernt habe, was Pflicht bedeutet. Vorstellung ist Vorstellung. Egal, ob ich eine Lungenentzündung hatte oder irgendetwas anderes, ich habe immer gearbeitet. Selbst als ich mal zwischen einer Doppelvorstellung bei meinem Arzt war, der mir sagte, ich stünde kurz vor einem Herzinfarkt, ging ich danach wieder auf die Bühne.
Obwohl: Sie können auch gut Schlussstriche ziehen, oder? Bei „7 Tage, 7 Köpfe“ auf RTL zum Beispiel hatten Sie freiwillig Ihren Ausstieg verkündet, noch bevor die Show dann eingestellt wurde.
Das lag damals daran, dass sich Rudi Carrell, der die Sendung ja produzierte, aus gesundheitlichen Gründen verabschiedet hatte. Er war für mich der Geist dieser Geschichte, und als er weg war, wusste ich, dass das nicht mehr gut werden würde. Rudi hatte das absolute Timing, der war der beste Sketchpartner, den ich je hatte. Ich habe mir bei ihm so viel abgeguckt, wie ich konnte.

Wer hat Sie sonst noch geprägt im Laufe Ihrer Karriere?
1972 stand ich Mainz in einem Stück auf der Bühne, bei dem ich einen sehr kritischen Partner hatte: Horst Tappert.
Der später als „Derrick“ auch international berühmt wurde.
Von dem habe ich so viel gelernt wie von kaum jemandem sonst. Auch weil Tappert ein sehr guter Pädagoge war. Nur eben auch ein SS-Mann.
Woran kein Weg vorbeiführt …
Nein, und ich bin in dieser Beziehung auch sehr allergisch.
Über seine Zeit im Zweiten Weltkrieg schwieg Tappert sich lange aus. 2013 kam heraus, dass er spätestens von 1943 an Mitglied der Waffen-SS war.
Ich weiß, welche Motive Tappert ursprünglich hatte, zur SS zu gehen: Der wollte weg vom Arbeitsdienst, da war dieser Schritt als großer, junger Mann nun einmal naheliegend. Nur dass er sich dann eben auch wirklich solidarisiert hat mit der SS und später noch jahrzehntelang seine ganzen Erinnerungsstücke aus jener Zeit aufbewahrte. Der war schon ziemlich rechts, auch in seiner Argumentation. Aber er konnte zumindest argumentieren. Obwohl er wusste, dass ich ein junger, linker Kabarettist bin, haben wir uns oft unterhalten. Und auf der Bühne hat er mir sehr geholfen.
Wir spielten Vater und Sohn in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, und da gab es einmal eine größere Situation, in der er merkte, dass ich nervös wurde. Da hat er unter dem Tisch seine Hand auf mein Bein gelegt. Diese Beruhigung, dass mein Partner an mich glaubt – das war ein Moment, der viel in mir bewirkt hat. Zumal Tappert nicht irgendwer war. Das war die Zeit, in der er anfing, „Derrick“ zu drehen, und ich habe ihm damals schon prophezeit, dass er damit weltberühmt wird.
Wo wir nun gerade in der Vergangenheit kramen: Blicken Sie generell gerne zurück auf Ihr Leben?
Ich schwelge gerne in Erinnerungen und denke an früher. Wahrscheinlich auch, weil ich mich – auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig zu sehr nach Eigenlob klingt – immer anständig benommen habe. Es gibt nur ganz wenige peinliche Situationen in meinem Leben, in denen ich mich nicht wohlgefühlt habe und die ich heute am liebsten vergessen würde. Und ich hatte auch ein relativ gutes Gedächtnis, selbst wenn das nun mit Namen und Gesichtern inzwischen nachlässt. Von daher erinnere ich mich gerne.
Sind Sie womöglich gar ein bisschen sentimental?
Absolut. Dagegen ist ja auch gar nichts zu sagen. Ich fand immer schon, dass die Menschen, die in einer Operette heulen, sich das auch verdient haben. Zu denen habe ich nun nie gehört. Aber ich verstehe den Impuls.
Und wie steht es mit dem Bereuen? Gibt es etwas, das Sie anders machen würden, wenn Sie Ihr Leben noch einmal leben könnten?
Ich würde weniger heiraten. Eigentlich war ich immer davon ausgegangen, dass eine Ehe für immer ist. Drei meiner vier Ehen hielten immerhin ungefähr 15 Jahre. Aber länger hält man es bei einem anderen Menschen offensichtlich nicht aus, wie ich festgestellt habe. Es sei denn, man findet den richtigen. Und den muss man ganz früh finden, denke ich. Gemeinsame Kindheits- und Jugendgeschichten, die binden aneinander. Da habe ich also rückblickend ziemlich versagt.
Wobei Versagen vielleicht ein zu starkes Wort ist, wenn man bedenkt, dass Sie doch zu allen Ihren Ex-Frauen ein recht freundliches, gutes Verhältnis haben, oder?
Auch zu den Frauen dazwischen übrigens. Also stimmt das schon, was Sie sagen. Richtig leid tut es mir letztlich nur um die letzte Ehe.
Zum Abschluss noch eine letzte Frage im Rückblick auf Ihr Lebenswerk. Welche Phase Ihrer beinahe 60 Bühnenjahre war Ihre liebste?
Das war meine Zeit bei der „Lach- und Schießgesellschaft“, dem Kabarett in München. Da war ich zehn Jahre lang jeden Tag glücklich. Das lag an den Menschen, mit denen ich dort gearbeitet habe. An Sammy Drechsel, dem fairsten Theaterdirektor, den ich je erlebt habe. Und natürlich an Dieter Hildebrandt, der mein ganz großes Vorbild war. Er war so intelligent und so schnell im Kopf. Auch wenn er Alkoholiker war. Was ich so natürlich nur sage, weil es Dieter selbst gesagt hat. „Wenn ich nichts mehr trinken darf, kann ich auch nichts mehr schreiben.“ So etwas hörte man von ihm immer wieder. Bis er sich mit 80 Jahren selbst trockengelegt hat, nachdem er bei sich selbst eine versteckte Cognac-Flasche gefunden hatte, von der er nichts mehr wusste. Das war, zumal in dem Alter, eine unglaubliche Leistung. Dieter jedenfalls hat mich viele Jahre geführt und immer an mich geglaubt. Eine wichtigere Begegnung hat es in meinem Leben vielleicht nicht gegeben.
