Deutschland ist Ziel hybrider Kriegsführung. Es handelt sich nicht um einzelne Angriffe, sondern um ein System. Um sich zu wehren, muss das Konzept der Abschreckung für das hybride Zeitalter neu gedacht werden. Das kürzlich von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt vorgestellte Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen (GAZ Hybrid) ist ein Anfang, aber nur ein erster Schritt einer umfassenden Lösung.
Denn hybride Angriffe sind inzwischen Alltag: Drohnen über Flughäfen, Brandsätze in Paketen, Hackerangriffe auf Forschungseinrichtungen, Desinformationskampagnen in sozialen Medien. Allein 2025 registrierte das Bundeskriminalamt mehr als tausend verdächtige Drohnenflüge über militärischen Einrichtungen und kritischer Infrastruktur. Ein Hackerangriff auf die deutsche Flugsicherung und die Desinformationskampagne „Storm-1516“ zur Bundestagswahl 2025 konnten inzwischen Russland zugeordnet werden.
Laut einer Studie des Branchenverbands Bitkom beläuft sich der wirtschaftliche Schaden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage auf knapp 300 Milliarden Euro jährlich. Aber das ist nur der materielle Schaden. Hybride Angriffe zielen auf das Vertrauen in Staat und Regierung. Sie sollen unsere Gesellschaft spalten, unsere Allianzen aufbrechen, unsere Handlungsfähigkeit lähmen.
Angreifer müssen Kosten spüren
Das Kalkül der Angreifer ist so simpel wie effektiv: immer wieder kleine Nadelstiche setzen, den Gegner testen, Kräfte binden. Für Akteure wie China oder Iran, vor allem aber Russland, sind Krieg und Frieden kein Entweder-oder, sondern ein Kontinuum. Im Graubereich zwischen Krieg und Frieden zu agieren und dabei die Trägheit unseres Rechtsstaats auszunutzen, ist Teil der Strategie.

Deutschland hat lange hilflos zugesehen, die Angriffe behandelt, als wären es zusammenhangslose Einzelereignisse, die zufällig massiert auftreten, anstatt sie nach innen wie außen gegenüber dem Aggressor als Angriffe auf unsere staatliche Integrität und Souveränität zu bewerten. Das zu ändern, ist Verpflichtung der Bundesregierung. Denn hybride Kriegsführung einfach hinzunehmen, lädt zu weiteren Angriffen ein. Auch der bloße Aufbau von Resilienz reicht nicht. Man kann nicht jedes Kabel ummanteln, jeden Verkehrsweg patrouillieren, jeden Bürger sensibilisieren. Es gibt schlicht zu viel zu schützen.
Was also zusätzlich gebraucht wird, ist Abschreckung. Keine massiven Waffenarsenale wie im Kalten Krieg, sondern hybride Abschreckung, die sich an die Natur der Angriffe anpasst: graduell, mehrdeutig, unkonventionell. Die Angreifer müssen lernen, dass ein Angriff für sie Kosten verursachen wird. Mit anderen Worten: Deutschland muss abwehr- und auch rückschlagfähig werden. Hybride Verteidigung erlaubt es, anders als manchmal befürchtet, eine Eskalationsspirale zu verhindern, indem Maßnahmen gezielt und dosiert eingesetzt werden.
Drei Instrumente für Gegenmaßnahmen
Jeder Angreifer muss wissen, dass ein hybrider Angriff für ihn unkalkulierbare Kosten verursachen kann. Drei Instrumente zeigen exemplarisch, wie die Bundesrepublik handeln sollte, wo möglich gemeinsam mit ihren europäischen Partnern.

Erstens: schnelle Aufklärung durch moderne Finanzforensik. Hybride Angriffe hinterlassen Geldspuren. Russlands Wahlbeeinflussung in Moldau und eine Serie von Sabotageakten quer durch Europa wurden durch potente Finanz-Strafverfolgung aufgedeckt. So wurde bekannt, dass Russland für Vandalismus einige Hundert Euro an sogenannte Wegwerfagenten zahlt. Deutschland braucht eine schlagkräftige Behörde, die bestehende Kompetenzen wie Finanztransaktionsuntersuchungen und Sanktionsdurchsetzung bündelt, mit KI-gestützter Software operiert und den Kontakt zu internationalen Partnern wie der Financial Action Task Force (FATF) hält. Wer Angreifer beim Geld packt, trifft sie dort, wo es wehtut.
Zweitens: sogenannte „not-in-kind“ Reaktionen. Deutschland muss nicht mit gleichen Mitteln antworten – und sollte es auch nicht. Asymmetrische Reaktionen sind oft zielführender und übrigens völkerrechtlich zulässig. Ein deutsches Krankenhaus wird gehackt? Als Antwort werden die Krypto-Wallets der Hacker ausgeschaltet. Russische Drohnen verletzen europäischen Luftraum? Als Antwort werden russische Kommunikationsnetze kurzfristig gestört. Die Maßnahmen müssen verhältnismäßig sein, aber eben nicht gleichartig. Deutschland verfügt bereits heute über eine Reihe ungenutzter Fähigkeiten, beispielsweise im nachrichtendienstlichen Bereich. Sie müssen endlich eingesetzt werden.
Drittens: strategische Kommunikation. Groß angelegten Desinformationskampagnen hat Deutschland aktuell kaum etwas entgegenzusetzen. Dabei liegt ein Schlüsselinstrument auf der Hand: die gezielte Veröffentlichung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, um Angriffe zu antizipieren und Desinformation vorzugreifen („deterrence by disclosure“). Die Briten zeigten es im Fall Skripal. Die Amerikaner haben auf diese Weise zur entschlossenen westlichen Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 beigetragen. Hybride Angriffe werden oft von breit angelegten, KI-gestützten Desinformationskampagnen begleitet. Dagegen sollte man sich rüsten, indem schnell umsetzbare Kommunikations- und Aktionspläne bereitliegen.
Diese drei Maßnahmen stehen exemplarisch für ein Konzept zur Abwehr des hybriden Krieges gegen Deutschland, das eine überparteiliche und interdisziplinäre Arbeitsgruppe, das „Karl Kaiser Forum für Strategische Fragen“ an der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), erarbeitet hat. Einige Vorschläge werden schon in Fachkreisen diskutiert, doch es fehlen eine Strategie und der politische Wille zur Umsetzung. Damit es kein böses Erwachen gibt, muss Deutschland vom Analyse- in den Handlungsmodus wechseln.
