Die einen nennen Hussam Abu Safiya einen Terroristen, der für die Hamas gearbeitet habe. Für andere ist der Arzt aus dem Gazastreifen ein Held, der im Krieg ausgeharrt hat, um Menschenleben zu retten. Seit bald zwanzig Monaten ist Abu Safiya in Israel inhaftiert – ohne Anklage und ohne Gerichtsverfahren. Er spricht von Misshandlungen, sein Gesundheitszustand soll schlecht sein. Seine Familie fürchtet um sein Leben.
Der Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses ist der berühmteste Fall, aber nicht der einzige: Mehr als ein Dutzend weitere palästinensische Ärzte werden bis heute unter fragwürdigen rechtlichen Umständen in israelischen Haftanstalten festgehalten. Abu Safiya hatte während des Gazakriegs den Krankenhausbetrieb aufrechterhalten, solange es ging. Ende Dezember 2024 nahmen israelische Truppen ihn gefangen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Wir vermissen ihn so sehr“, sagt Elias Abu Safiya. Dem Sohn des palästinensischen Arztes sowie weiteren Verwandten gelang es vor etwa einem halben Jahr, den Gazastreifen zu verlassen. Derzeit leben sie in Kasachstan; Hussam Abu Safiyas Frau Albina kommt von dort.
Aus Zentralasien versucht die Familie, sich für ihn einzusetzen. Das ist nicht leicht. Selbst Anwälte haben lediglich sporadisch Zugang zu Abu Safiya. Auch er erhalte nur auf diesem Weg Informationen über den Zustand seines Vaters, erzählt der 28 Jahre alte Elias Abu Safiya der F.A.S. in einem Telefonat. Was einer der Anwälte ihm vor wenigen Wochen berichtete, sei ein Schock gewesen. „Ich konnte anschließend nicht schlafen. Ich bin auf die Straße gegangen und einfach nur herumgelaufen.“
Der Anwalt erkannte Abu Safiya kaum wieder
Anfang Juli konnte der Anwalt Nasser Odeh seinen Mandanten besuchen. Der war kurz zuvor in das berüchtigte Rakefet-Gefängnis verlegt worden. Er habe Abu Safiya zunächst kaum wiedererkannt, berichtete Odeh anschließend – so sehr hätten „frische, schwere Verletzungen am Kopf, um die Augen sowie an den Ohren und am Hals“ ihn entstellt. Der Anwalt hielt in einer eidesstattlichen Erklärung auch fest, dass Abu Safiya von maskierten Wärtern und mit gefesselten Händen und Füßen hereingebracht worden sei. Er habe Schwierigkeiten beim Atmen und Sprechen gehabt. Mehrmals habe es geschienen, als werde er gleich das Bewusstsein verlieren.
Abu Safiya teilte seinem Anwalt mit, dass ihm angemessene medizinische Versorgung vorenthalten werde. Zudem werde er misshandelt. Bisweilen wurde der Palästinenser demnach gezielt bestraft: Nachdem er im Juni per Video zu einer Gerichtsverhandlung geschaltet worden sei, in der es um eine Petition zu seiner Freilassung ging, seien Wärter in seine Zelle gekommen und hätten ihn mit Schlagstöcken und einem Hammer malträtiert. Die Bilder, die Abu Safiya in schlechtem Zustand zeigten, hatten große Aufmerksamkeit erregt.
„Ich glaube nicht, dass ich überleben werde“
Nach der Verlegung nach Rakefet hätten die Misshandlungen noch zugenommen. Die Haftanstalt ist für harsche Bedingungen bekannt. Es handelt sich um den unterirdischen Teil eines Gefängnisses in der Mitte Israels. In den Achtzigerjahren war Rakefet wegen unmenschlicher Bedingungen geschlossen worden. Der für Gefängnisse zuständige Polizeiminister Itamar Ben-Gvir ließ die Anstalt zu Beginn des Gazakriegs wiedereröffnen, vor allem für Hamas-Kämpfer. Laut Angaben von Menschenrechtsorganisationen sind aber auch einfache Palästinenser in Rakefet gelandet. Manche Insassen haben über Monate kein Sonnenlicht gesehen.
Der Anwalt Nasser Odeh berichtete nach seinem Besuch in dem Gefängnis, wie verzweifelt Abu Safiya gewirkt habe. „Ich glaube nicht, dass ich überleben werde“, habe dieser gesagt. „Das ist das Ende.“ Odeh und die Organisation „Ärzte für Menschenrechte – Israel“ (PHRI) warnten anschließend, Abu Safiya befinde sich „in unmittelbarer Lebensgefahr“.

Mitte Juli gab es einen weiteren Besuch bei Abu Safiya. Dieses Mal war auch Tamir Blank anwesend, der Rechtsberater von PHRI. „Wir waren durch eine Glasscheibe von ihm getrennt und sprachen über Telefon. Die Tür hinter ihm stand offen“, erzählt der Jurist im Gespräch mit der F.A.S. Er sei davon ausgegangen, dass keine Vertraulichkeit gegeben sei.
Der Palästinenser sagte den Anwälten, dass er nach dem vorherigen Besuch in Einzelhaft gesteckt worden sei. Er sei auch weiter geschlagen worden. Abu Safiya sei bekleidet gewesen, hebt Blank hervor – ob er Verletzungen am Körper gehabt habe, lasse sich daher nicht sagen. An seinen Fingern seien aber Blutergüsse zu sehen gewesen. Insgesamt sei der Eindruck gewesen, dass die Gewalt gegen Abu Safiya etwas abgenommen habe, sagt Blank. Das könnte auch an der gestiegenen internationalen Aufmerksamkeit liegen.
Die Gefängnisverwaltung nennt die Vorwürfe „falsch und empörend“
Dennoch äußert PHRI sich weiter besorgt über den Gesundheitszustand des 52 Jahre alten Palästinensers. Aus seinen medizinischen Unterlagen geht hervor, dass Abu Safiya über Schmerzen im linken Auge und Verletzungen am Kopf und am Brustkorb geklagt hat. Eine Untersuchung durch einen unabhängigen Arzt lehnt die israelische Gefängnisverwaltung jedoch ab. Am Mittwoch reichte PHRI bei einem Gericht eine Petition mit dem Ziel ein, eine solche Untersuchung zu erzwingen.
Die Gefängnisverwaltung weist die Vorwürfe der Misshandlung und Vernachlässigung gegenüber der F.A.S. kategorisch zurück. Sie seien „falsch, empörend und entbehren jeglicher faktischen Grundlage“, sagte ein Sprecher. Er bezeichnete die Anschuldigungen als Teil einer „Kampagne zur Diffamierung des Staates Israel und seiner rechtmäßigen Institutionen“. Häftlinge und Gefangene würden gesetzeskonform festgehalten und erhielten die erforderliche Betreuung.
Berichte, auch von offizieller Seite, sprechen eine andere Sprache. So wies die israelische Ombudsstelle Ende 2025 darauf hin, dass die Haftbedingungen vor allem von Palästinensern sich massiv verschlechtert hätten. Das gehe so weit, dass viele unter Hunger litten. 90 Prozent der „Sicherheitshäftlinge“ werden demnach auf engstem Raum festgehalten. Tausende haben kein Bett zum Schlafen, manchmal gibt es kein Licht und keine Frischluft. Krankheiten breiten sich aus. Ben-Gvir lobt sich für diese katastrophalen Bedingungen.
Mehr als 100 Menschen sind in Gefängnissen zu Tode gekommen
Auch Misshandlungen haben offenbar stark zugenommen. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem nannte Israels Gefängnisse im Januar „Folterlager“. Mindestens 104 Menschen sind laut Angaben von PHRI seit Oktober 2023 sogar in Haft ums Leben gekommen. Die Zeitung „Haaretz“ berichtete kürzlich, die Armee habe Ermittlungsverfahren zu 57 Todesfällen in Haftanstalten eingeleitet. In keinem einzigen Fall sei Anklage erhoben worden.
Am und nach dem 7. Oktober 2023 nahm die Armee Tausende Palästinenser gefangen. Unter ihnen sind Hamas-Terroristen, die an dem mörderischen Angriff beteiligt waren. Zahlreiche Berichte legen aber nahe, dass auch viele Unbeteiligte aufgegriffen wurden. Nur jeder sechste der aktuell rund 9300 inhaftierten Palästinenser ist verurteilt. Viele sitzen monate- oder jahrelang ohne Anklage ein.

Verschiedene rechtliche Konstruktionen machen das möglich. So waren Anfang August rund 1300 Palästinenser als „unrechtmäßige Kämpfer“ eingestuft. Weil sie keiner regulären Streitmacht angehörten, gesteht Israel ihnen weniger Rechte zu, als nach der Genfer Konvention für Kriegsgefangene vorgesehen sind. Auch Hussam Abu Safiya ist ein solcher Fall. Bis heute liegt keine Anklage vor. PHRI hat bei Israels Oberstem Gericht daher eine Petition mit der Forderung eingereicht, dass er und 13 weitere Ärzte freigelassen werden.
Die Armee teilte der F.A.S. mit, Abu Safiya sei „wegen des Verdachts der Beteiligung an terroristischen Aktivitäten“ gefangengenommen worden und weil er einen Rang innerhalb der Hamas innehabe. Zudem hätten sich im von ihm geleiteten Kamal-Adwan-Krankenhaus „Hunderte Terroristen der Hamas und des ‚Islamischen Dschihads‘ versteckt“.
In Videos beschrieb Abu Safiya die Zustände im Gazastreifen
Das Krankenhaus im Norden des Gazastreifens war während des Kriegs zum Streitobjekt geworden. Wie viele andere Gesundheitseinrichtungen wurde es von der israelischen Armee belagert und attackiert – in verschärfter Form im Herbst 2024. Damals fand eine groß angelegte Offensive statt, eines ihrer Ziele war die Vertreibung der Menschen aus dem nördlichen Gazastreifen.
Abu Safiya, seit April 2024 Direktor des Krankenhauses, und ein Teil der Belegschaft widersetzten sich den Evakuierungsanordnungen. Daraufhin drangen Soldaten Ende Oktober in den Komplex ein und nahmen zahlreiche Mitarbeiter fest; auch den Direktor. Nach einem Tag wurde er wieder freigelassen. Bei der Militäraktion wurde sein Sohn Ibrahim durch eine Drohne getötet. Abu Safiya wurde einige Wochen später bei einem weiteren Drohnenangriff verletzt.
Dass er dennoch ausharrte, machte ihn zu einem Symbol des Durchhaltewillens der Menschen im Gazastreifen. In Interviews und Videos beschrieb er die horrenden Zustände angesichts der Angriffe. Ende Dezember 2024 stürmten israelische Truppen abermals das Krankenhaus und erzwangen dessen Schließung. Es sei ein Kommandozentrum der Hamas gewesen, teilte die Armee mit. 240 Personen wurden gefangengenommen.
Ein Video von jenem Tag zeigt, wie Hussam Abu Safiya ruhig in einem weißen Arztkittel durch die Trümmer auf israelische Panzerfahrzeuge zugeht. Die Armee veröffentlichte später ein weiteres Video, in dem zu sehen ist, wie er in eines der Fahrzeuge einsteigt und einen Soldaten begrüßt. Danach war er verschwunden. Erst nach Tagen gab die Armee zu, dass der Kinderarzt gefangengenommen worden war – „zur Befragung“.
Ein altes Foto zeigt den Arzt in einer Uniform
Jetzt heißt es, Abu Safiya sei ein Oberst der Hamas gewesen. Er habe Mitglieder der islamistischen Gruppe im Krankenhaus beherbergt, auch Geiseln seien dort behandelt worden. Ein kürzlich aufgetauchtes zwölf Jahre altes Foto zeigt ihn in schwarzer Uniform.
Elias Abu Safiya weist die Vorwürfe zurück. Wenn das Krankenhaus eine Hamas-Hochburg war, warum durften dann monatelang freiwillige Helfer ein- und ausgehen, fragt er. Wenn sein Vater Hamas-Mitglied sei, warum habe man ihn dann nicht früher gefangengenommen? Vielmehr habe er Kontakt zur Armee gehabt; so habe er regelmäßig mitgeteilt, wie viele Menschen sich im Krankenhaus aufhalten.
Elias Abu Safiya hebt auch hervor, dass sein Vater für Medglobal gearbeitet habe, eine humanitäre Organisation aus den USA. Deren Angestelltenlisten würden von Israel überprüft. Zu dem Foto sagt er, die ärztlichen Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums hätten Uniformen, es handele sich nicht um eine militärische Einheit. „Wenn sie Beweise für ihre Vorwürfe haben, warum bringen sie ihn dann nicht vor Gericht?“, sagt der Sohn. Die Familie habe keine Angst vor einem fairen Verfahren.
Diese Forderung wird international immer lauter erhoben, auch aus Deutschland. Im Juli sandten 48 Bundestagsabgeordnete von SPD, Grünen und der Linken einen Brief an Israels Präsidenten Izchak Herzog. Die Behörden müssten Abu Safiya entweder anklagen, schrieben sie – oder ihn freilassen.
