Es ist kein Zufall, dass der deutsche Rekord von Harald Schmid vier Jahrzehnte lang gehalten hat. Denn wer läuft schon 400 Meter Hürden? Die Strecke gilt als eine der härtesten in der Leichtathletik. Sie erfordert hohe Leidensfähigkeit, maximale Laktat-Tolerenz, dazu Sprint- und Ausdauervermögen, gekoppelt mit einem exakten Rhythmusgefühl, da in regelmäßigen Abständen zehn 91,4 Zentimeter hohe Hürden ohne großen Tempoverlust überwunden werden müssen.
Emil Agyekum verbindet all diese Fähigkeiten. Und behauptet auch noch, dass es ihm Spaß mache, sie im Wettkampf auszuleben. Was sich wiederum im bisherigen Verlauf der Saison widerspiegelt: „Ich glaube, ich habe alle Ziele erreicht“, sagte er jüngst nach der Europameisterschaft in Birmingham: „Der Rest, der noch kommt, ist Bonus.“
Schneller als Ikone Harald Schmid
47,45 Sekunden hatte der 27 Jahre alte Berliner Mitte Juli im Rahmen der Diamond League in London für die hürdenharte Stadionrunde benötigt: deutscher Rekord. Er löste damit einen Mann an der Spitze der nationalen Bestenliste ab, der seit den Achtzigerjahren als Ikone der deutschen Leichtathletik galt. Harald Schmid, der Gelnhausener, war bei der EM 1982 in Athen in 47,48 Sekunden zu Europarekord und Goldmedaille gerannt und hatte in exakt der gleichen Zeit 1987 in Rom WM-Bronze gewonnen.
Das schafft Agyekum nicht ganz. In Birmingham gewann er EM-Silber, hatte in 47,87 Sekunden die Ziellinie überquert. In beiden Rennen, die Agyekums glänzende Saison 2026 ausmachten, war nur einer schneller: Karsten Warholm aus Norwegen. „Ich habe noch kein Rennen gegen ihn gewonnen“, bekannte Agyekum – gab aber der Hoffnung Ausdruck, dass die Zeit für ihn laufen könnte: „Vielleicht gelingt es mir später mal.“
Hürdenlauf als krönender Abschluss
Agyekum zeichnet eine unaufgeregte Art aus. Selbst ins EM-Finale ist er „entspannt“ reingegangen. „Ich wusste, was ich tun musste, um zu performen.“ Er startet für den SCC Berlin, trainiert aber in Frankfurt am Main. Zu seiner Trainingsgruppe gehört Owe Fischer-Breiholz, der bei der EM Fünfter wurde. Die ständige Konkurrenz stärke ihn, meint Agyekum: „Eisen härtet Eisen.“
Als Eisenmann der aktuellen Generation gilt Warholm. Der Mann mit dem Wikingerhelm verkörpert das, was der Amerikaner Edwin Moses zu Harald Schmids Zeiten war. 2017 hatte er mit 21 Jahren die große Bühne betreten, war seitdem dreimal Weltmeister, viermal Europameister und schaffte 2021 in Tokio ein glanzvolles Double: Olympia-Gold in Weltrekordzeit (45,94).
Mit seiner draufgängerischen Laufweise rannte er aber nicht nur zu persönlichem Ruhm und Ehre, er führte die Hürdenstrecke auch allgemein zu höherer Anerkennung im Aufmerksamkeitswettbewerb der Disziplinen – und zog andere mit. Ende August erwischte der Brasilianer Alison dos Santos beim Diamond-League-Meeting in Zürich eine Sternstunde, verbesserte seine persönliche Bestzeit um eine halbe Sekunde und stellte in 45,80 Sekunden einen neuen Weltrekord auf. Diesmal war Warholm der geschlagene Zweite.
Beim Finale der Diamond League in Brüssel wird den Hürdenhelden nun eine besondere Ehre gewährt. An diesem Samstag um 21.52 Uhr ertönt der Startschuss zum 400-Meter-Hürdenlauf – als krönendem Abschluss der 32 Disziplinen –, danach folgt nur noch das Feuerwerk. Mit dabei: Emil Agyekum in seinem Bonus-Rennen. Warholm zu schlagen, wird ihm dabei nicht gelingen: Der Wikinger verzichtet auf seine Teilnahme.
