Zwischen Discounter, grauen Wohnblöcken und überquellenden Mülltonnen, aus denen ein beißender Gestank aufsteigt, ragt zwischen Bäumen ein Gebäude wie aus einem Märchen empor. Wüstenwurm in grüner Oase? Riesenschnecke mit goldenem Haus? Oder schlafender Erddrache? Der Bau weckt Phantasie, auch wenn er im Bürgerparkviertel Darmstadts wie ein Fremdkörper wirkt.
„Waldspirale“ nannte Friedensreich Hundertwasser das u-förmige Haus mit seinen 105 Wohnungen. Dass es hier steht, hängt auch mit seiner Begeisterung für die Darmstädter Mathildenhöhe zusammen. Den ersten Entwurf habe der Wiener Künstler „auf einer Serviette beim gemeinsamen Mittagessen“ skizziert, sagt German Nogueira Perez vom Unternehmen Bauverein AG, die das Gebäude bis heute betreut. Die Fertigstellung im Jahr 2000, nach zwei Jahren Bauzeit, erlebte Hundertwasser nicht mehr, er starb im selben Jahr.
Dach aus Recyclingbeton für die „Waldspirale“ in Darmstadt
Für ihn hatte der Mensch drei Häute: die eigene, die Kleidung und eben Gebäude. Die Waldspirale spiegelt diese Idee wider. Ebene um Ebene windet sich der Bau mehr als 40 Meter in den Himmel. Fassaden in Erdtönen, ein Dach aus Recyclingbeton, rote, gelbe, blaue Fliesen, unterschiedlich geformte „Fensteraugen“, goldene Zwiebeltürme, dicke, bunte Keramiksäulen. Die Motive kennt jeder von Kalendern, Tassen, Bibeln, Lexika – hier werden sie bewohnbar.

Vor dem Gebäude steht Heinz Springmann, der Mann, der die Waldspirale umgesetzt hat. Durch ein gemeinsames Projekt in Plochingen lernten sich die beiden kennen. Daraus ergaben sich weitere Arbeiten, insgesamt elf hat der Architekt realisiert, und auch nach Hundertwassers Tod arbeitet er an weiteren in diesem Stil. Ans Aufhören denkt der 75 Jahre alte Springmann nicht.
Doch wie gut ist Hundertwasser gealtert, hat diese Architektur Zukunft? Seine zentrale Idee, die Ablehnung der geraden Linie, spalte Architekten bis heute, sagt Springmann. Sein Sohn etwa, der das Büro mit ihm leitet, ist eher skeptisch. Tatsächlich stößt die organische Bauweise an praktische Grenzen. Die Wohnungen im Inneren der Waldspirale sind etwas konventioneller gestaltet. „Wie soll an einer gewölbten Wand ein Ikea-Schrank stehen?“, fragt Springmann. „Da entsteht sofort eine Lücke.“
Springmann selbst schätzt das Träumerische, Individualistische, auch wenn er sich kein eigenes Hundertwasser-Haus bauen würde. Er versteht sich als Pragmatiker, der die Vision des Künstlers umsetzt. Das war bei dem Tausendsassa, der sich Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt nannte, wohl nötig. Während eines Termins in Wien wartete Springmann einmal stundenlang auf den Künstler. Schließlich fand er ihn auf dessen Baustelle, wo er Schrottteile sammelte. „Terminkalender waren nicht seine Sache“, sagt Springmann.
Hundertwasser wetterte gegen sterile Architektur
„Menschlich bin ich gut mit ihm klargekommen.“ In großen Gruppen habe er sich schwergetan. Der kauzige Künstler inszenierte sich gern als Gegenfigur zur rationalen Moderne. In seinen berühmten „Nacktreden“ wetterte er gegen sterile Architektur und zerriss öffentlich den österreichischen Staatspreis, aus Protest gegen den Bau eines Kraftwerks. In den Siebzigerjahren kaufte er ein Tal in Neuseeland, experimentierte mit Solar- und Windenergie, baute Humustoiletten und Mooshütten, pflanzte Bäume. Ideen, die heute sehr aktuell sind.

Eine aktuelle Ausstellung im Stadtmuseum Hofheim am Taunus widmet sich genau dieser Seite Hundertwassers: dem frühen Umweltaktivisten. Zu sehen sind Plakate zur Rettung der Wale oder des Regenwalds, Fotos, japanische Farbholzschnitte des Autodidakten. Überwiegend ältere Besucher schauen sich in einem der Räume Peter Schamonis Dokumentarfilm von 1972 an: Auch da wird der 1928 geborene Sohn eines Ingenieurs, der starb, als Friedrich Stowasser, wie Hundertwasser bürgerlich hieß, ein Jahr alt war, als umweltbewusst gezeigt. Seine Kunst, das bisweilen Esoterische, halten manche für Kitsch, andere für groß.
Auch Joram Harel, langjähriger Freund des Künstlers und Vorstand der Hundertwasser-Stiftung in Wien, sieht in Hundertwasser einen „Visionär und Vordenker“. In seinem „Friedensvertrag mit der Natur“ kann man den Künstler durchaus als Öko-Pionier entdecken, seine „Baummieter“ gelten als Vorläufer für moderne Fassadenbegrünung und „Vertical Greening“.
Und doch zeigt sich gerade an den Gebäuden, wie schwierig es ist, die Utopie aufrechtzuerhalten. Die verwitterten, stellenweise bröckelnden Fassaden würden bald saniert, sagt Springmann. Der Teich ist von grünem Wasser überzogen, im Garten mit Spielplatz im Innenhof wuchern Brennnesseln. Der Zugang zur oberen Ebene ist abgesperrt. Der Anblick macht Springmann nachdenklich. Dort, wo früher Café und Gastronomie waren, herrscht heute Leerstand. Das Geschäft habe sich nicht mehr rentiert.
Die Durchschnittsmiete der Wohnungen liegt nach Information der Bauverein AG sogar knapp unterhalb des dortigen Mietspiegels, die Miete für die Gewerberäume sei verhandelbar. Potentielle Gewerbemieter würden eher wegen der Gestaltung an Grenzen stoßen, teilte eine Sprecherin der Firma mit, beleben wolle man die Räume aber durchaus wieder.

Neben einem Versicherungsbüro nutzt eine rothaarige Frau einen Raum als Tattoo- und Piercingstudio, schlicht, nur die dicken Keramiksäulen und Mosaike sind typisch Hundertwasser. Sie sagt, es kümmere sich keiner um das Gelände, für sie sei der Ort aber ein Glücksfall. „Für die Pflege des Gartens und Teichs ist ein Dienstleister beauftragt worden, der regelmäßig vor Ort ist“, teilt die Firma auf Nachfrage mit. Dass das Wasser schnell grün werde, sei „unproblematisch, da dort keine Fische zu Hause sind“.
Springmann erinnert sich, dass die Anlage bei seinem vorigen Besuch vor fünf Jahren deutlich gepflegter wirkte. Drei von etwa einem Dutzend Hundertwasser-Bauten in Deutschland (und rund 40 sind es auf der Welt) sind in der Rhein-Main-Region zu sehen – neben der Waldspirale ein Wohnhaus in Bad Soden und eine Kita in Frankfurt-Heddernheim. Das Kinderzentrum Kupferhammer betreut 100 Kinder. Am frühen Morgen sind noch nicht viele da.
Die Kita erinnert an eine begrünte Erdhöhle, irgendetwas zwischen Tolkien und verwittertem Abenteuerspielplatz. Der typische Zwiebelturm beherbergt eine Kletterhalle, es gibt eine Rutsche auf dem Hügel, auf dem eine Birke wächst. Geschwungene Böden, hohe Decken mit weiteren Ebenen, Mosaike, Holz im Inneren: Man weiß nicht, wohin man zuerst schauen soll. Ein Grund, warum die restliche Ausstattung eher dezent sei, sagt Leiter Michel Hennefarth. Über Spielzeug stolpert man hier nicht, eher über den hubbeligen Boden.

Die Architektur rege Konzentration, Phantasie und Bewegung an. „Ich hüpfe nur auf den bunten Steinen“, freut sich ein Kind über das Spiel auf den Mosaiken. Gerade das Anregende aber sei nicht für alle geeignet. Einer Familie mit autistischem Kind habe er von der Einrichtung abgeraten, weil die Räume zu reizintensiv seien, sagt Hennefarth. Auch der Hausmeister stoße mit Arbeiten an den Wänden an Grenzen. „Man lebt hier in einem Kunstwerk.“ Im Alltag spiele Hundertwasser selbst zwar keine Rolle, in dieser Architektur aber lebe er fort.

Ob Hundertwasser noch zeitgemäß ist? Das lässt sich auch nach einem Rundgang durch Rhein-Main nicht eindeutig beantworten. Seine Gebäude wirken zugleich visionär und aus der Zeit gefallen. Für ältere Generationen mögen sie spirituelle Orte sein, für Kinder solche der Phantasie. Viele dazwischen tun sich schwer, nicht bloß ästhetisch. Denn wegweisend dürfte die Architektur nicht sein, eher ein Kuriosum der Marke Hundertwasser. „Lösungsansätze für das komplexe Bauwesen von heute sollte man sich nicht erhoffen“, sagt Florian Dreher, Referent für Baukultur bei der Architektenkammer Hessen.
Vielleicht liegt Hundertwassers Bedeutung mehr in seiner Haltung, die auch die Ausstellung in Hofheim beleuchtet: im Versuch, Natur, Kunst und Mensch zusammenzubringen. Die Gebäude in der Region zeigen natürliche Alterserscheinungen. Aber wer möchte im Alter nicht gepflegt werden?
