Die Welt ist in ihrer schwersten Energiekrise seit mindestens einem halben Jahrhundert. Eine Öffnung der Straße von Hormus ist nicht abzusehen, stattdessen gibt es nun gleich zwei Blockaden durch Iran und die USA. Bisher richteten sich die Vorwürfe vor allem gegen die USA und Israel, die die Krise mit ihrem Angriff auf Iran ausgelöst haben, und Iran, das sie durch die Blockade der Straße von Hormus bewusst herbeiführt.
Nun gerät verstärkt das Verhalten Chinas, des größten Ölimporteurs der Welt, ins Visier. Anfang der Woche hatten der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die Internationale Energieagentur (IEA) die Staatengemeinschaft aufgerufen, keine Energie zu horten und keine Exportkontrollen einzuführen. „Das erste Prinzip sollte sein: Führt keine Exportrestriktionen ein“, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa. Länder hatten die internationalen Organisationen zwar nicht genannt. Doch es war ein Aufruf, der sich offensichtlich an das Reich der Mitte richtet, das schon seit Anfang März die Ausfuhr von Ölprodukten beschränkt.

Nun legte US-Finanzminister Scott Bessent nach. China sei in der Energiekrise ein „unzuverlässiger globaler Partner“, weil es weiter viel Öl kaufe, horte und die Ausfuhr beschränke, sagte Bessent. Er habe mit der chinesischen Seite schon darüber gesprochen. Die Volksrepublik verhalte sich ähnlich wie in der Pandemie.
Die chinesische Botschaft in Washington spielte den Ball zurück zu den Amerikanern und entgegnete, es gehe darum, die Militäroperationen zu beenden. Peking hat in dieser Woche seine Rhetorik gegenüber den USA aufgrund des Irankriegs verschärft.

Was die Fakten sagen
Tatsache ist, dass China anders als die IEA-Länder seine strategischen Ölreserven bisher kaum angezapft hat, weiterhin viel Öl einführt und Exportbeschränkungen verhängt hat. Die Ölreserven sind ähnlich groß wie die gesamten Reserven der IEA-Mitgliedstaaten, zu denen fast alle Industrieländer zählen, darunter Japan, Deutschland und die USA. Chinas staatliche Ölkonzerne haben laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg aber grünes Licht bekommen, auf ihre kommerziellen Ölreserven zurückzugreifen.
Schon wenige Tage nach Kriegsausbruch hatte Peking die Ausfuhren beschränkt. Vom 4. März an habe China keine Genehmigungen für den Export raffinierter Ölprodukte mehr vergeben, hieß es vom Analysehaus S&P Global. Eine Woche später verbot Chinas oberster Wirtschaftsplaner, die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission, sogar sämtliche Ausfuhren von Benzin, Diesel und Kerosin, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.
Ende März hieß es dann, das Verbot werde bis in den April verlängert. Mit einigen südostasiatischen Ländern, die besonders unter den Folgen leiden, liefen aber Verhandlungen für geringe Mengen an Ausfuhren von Benzin, Diesel und Kerosin.
Das Verbot schlug sich im März schon in den chinesischen Zollstatistiken nieder. Die Ausfuhren von Mineralölerzeugnissen sanken um mehr als zwölf Prozent auf 4,6 Millionen Tonnen. Chinas Öleinfuhren waren im März dagegen kaum von den globalen Turbulenzen getroffen und lagen mit knapp 50 Millionen Tonnen nur um knapp drei Prozent niedriger als im März 2025. Die Gaseinfuhren gaben mit gut einem Zehntel stärker nach. Weil die Schiffe aus dem Nahen Osten zwei bis drei Wochen brauchen, um an den Häfen in Ostchina anzukommen, werden die Auswirkungen der Hormus-Blockade aber erst in den April-Daten richtig sichtbar.
„Die Zahlen sind schwer zu bestreiten“, sagte Han Lin, China-Leiter des Beratungshauses The Asia Group und Wirtschaftsprofessor am Shanghaier Ableger der New York University. China habe nicht nur hohe Ölreserven, sondern kaufe weiterhin zu. „Manche würden argumentieren: Das ist keine Energiesicherheit, sondern Marktverzerrung. Aber realistisch betrachtet: Wer würde in Chinas Lage nicht kaufen?“
Die US-Vorwürfe drohen den anstehenden Besuch von US-Präsident Donald Trump in Peking zu belasten, der für Mitte Mai ansteht. Trump versicherte am Mittwoch gegenüber dem Fernsehsender Fox Business, der Krieg in Iran werde den Besuch nicht beeinflussen. Xi „braucht Öl, wir nicht“.
In der Straße von Hormus drohen jedoch direkte Konfrontationen zwischen chinesischen Tankern und der US-Marine. Finanzminister Bessent sagte, man lasse keine chinesischen Schiffe durch. Trump schwächte dagegen eine Drohung ab, Zölle in Höhe von 50 Prozent gegen China zu verhängen. Xi habe ihm gesagt, China liefere Iran keine Waffen.
Dagegen bot Russlands Außenminister Sergej Lawrow China bei einem Besuch in Peking höhere Energielieferungen an. Lawrow war dort, um seinerseits eine Reise vorzubereiten. Wenige Tage nach Trump wird Russlands Präsident Wladimir Putin in Peking erwartet.
