
Eine Initiative von Politikern, Prominenten und Medizinern fordert Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) auf, anthroposophische und homöopathische Behandlungen sowie Arzneimittel weiterhin als freiwillige Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstatten zu lassen. Kurz vor der abschließenden Beratung des sogenannten Beitragsstabilisierungsgesetzes zur Kostenreduzierung im Gesundheitswesen wenden sich die Autoren mit einem Brief an die Ministerin.
Für „Mehrfacherkrankungen, geriatrische Patientinnen und Patienten und Kinder und Jugendliche“ sowie in der Frauenheilkunde hätten sich Behandlungsmethoden der integrativen Medizin mit homöopathischen und anthroposophischen Behandlungsmethoden bewährt, schreiben sie. Deshalb müsse Warken die Streichung der Bezahlung dieser Therapien zurücknehmen. Warken will mit der Reform insgesamt etwa 20 Milliarden Euro sparen. Der Plan, homöopathische Arzneimittel und Behandlungen als Kassenleistung zu streichen, soll zu einem Sparbetrag von etwa 50 Millionen Euro führen.
Zu den Unterzeichnern gehören der frühere Innenminister Otto Schily, die ehemaligen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) und Malu Dreyer (SPD) sowie der frühere bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU). Außerdem bekannte Verfechter der anthroposophischen Medizin wie der Gründer der Biomarktkette Alnatura, Götz Rehn, oder der „Tatort“-Schauspieler Felix Klare. Unterstützt wird der Aufruf auch von mehreren Medizinern der privaten und anthroposophisch ausgerichteten Universität Witten/Herdecke.
Dreyer spricht sich für „integrative Medizin“ aus
Schily, der sich nur noch selten in tagespolitische Diskussionen einmischt, sagte der F.A.Z: „In einem freiheitlichen Rechtsstaat darf der Gesetzgeber eine bestimmte Therapieeinrichtung nicht mit einem Erstattungsverbot belegen.“ Gerade weil sie unter ökonomischen und medizinischen Gründen positiv zu beurteilen sei. Dreyer sagte der F.A.Z.: „Ich setze mich für den Erhalt von Homöopathie und anthroposophischer Medizin ein, weil integrative Medizin für die medizinische Versorgung in Deutschland wichtig ist.“ Bei Behandlungsmethoden der integrativen Medizin werden schulmedizinische Therapien durch alternative Heilmethoden ergänzt.
Die Verfasser des Briefs werfen der Bundesregierung vor, in eine wissenschaftliche Diskussion einzugreifen und die Ergebnisse evidenzbasierter Medizin zu ignorieren. Sie schreiben, integrative Behandlungsmethoden könnten etwa Krankenhausaufenthalte in der Kinderheilkunde verkürzen und den Antibiotika-Einsatz mindern. Gerade in der Onkologie, Pädiatrie und Psychiatrie müssten integrative Behandlungsansätze gestärkt werden.
Die Unterzeichner fordern auch, die Strategie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Deutschland weiterzuverfolgen. Die WHO möchte die Integration alternativer und komplementärer Behandlungsmethoden stärken. In ihrem Brief begründen die Autoren ihren Vorstoß auch mit dem Hinweis auf eine Meinungsumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2009. Diese hatte ergeben, dass 57 Prozent der Deutschen schon einmal homöopathische Arzneimittel genutzt haben.
Gesundheitsministerin Warken hatte kurz nach Bekanntwerden der Streichungspläne auf den Grundsatz verwiesen, nur evidenzbasierte medizinische Behandlungen zu vergüten. Sie sei „keinesfalls eine Gegnerin von Homöopathie“, sagte die CDU-Politikerin, fügte aber hinzu: „Wir können in der gesetzlichen Krankenversicherung nur das bezahlen, was nachweisbar einen Nutzen für die Versicherten hat. Das ist eine zentrale Empfehlung der Kommission. Und dieser Nutzen ist für Homöopathie nicht wissenschaftlich nachgewiesen.“ Sie folge nur dem Vorschlag der Finanzkommission.
Eine politische Debatte über Homöopathie fand jahrelang unter anderem bei den Grünen statt, auch weil einige Mitgründer der Partei aus dem anthroposophischen Milieu stammten. 2025 beschlossen die Grünen dann auf ihrem Bundesparteitag, Homöopathie als Kassenleistung abzulehnen. In dem Antrag hieß es, „über den Placeboeffekt hinaus wissenschaftlich nicht belegte“ Medikamente und Behandlungen sollten nicht länger von den Krankenkassen übernommen werden.
