Tamara Brendels Aufgabe ist es, Mündel und Vormünder zu matchen. So nennt die Sozialpädagogin es, wenn sie ein Kind und einen Erwachsenen zusammenbringt, die zusammenpassen. Bei den Kindern kommt es darauf an, was sie brauchen. Das ist bei einem sechs Jahre alten Jungen, der in einer Wohngruppe lebt, weil die Mutter gestorben und dem Vater das Sorgerecht entzogen worden ist, etwas völlig anderes als bei einer Jugendlichen, deren Eltern in Afghanistan leben und die unbegleitet nach Deutschland gekommen ist. Manche Kinder haben schon schrecklich oft erlebt, dass eine Beziehungsperson plötzlich weg war. Für andere sind besonders viele Behördengänge nötig.
Genauso wie die Mündel sind auch die Frauen und Männer, die ein Ehrenamt als Vormund übernehmen wollen, höchst unterschiedlich. Die einen sind erst Mitte 30, andere schon Mitte 70. Manche haben viel Zeit, andere weniger. Für einige gibt es bestimmte Dinge, von denen sie sagen: Damit käme ich nicht zurecht. Zum Beispiel, wenn ein Jugendlicher Drogen nimmt oder sich selbst verletzt.
Brendel leitet das Projekt für ehrenamtliche Vormundschaften beim Kinderschutzbund Hochtaunus. Das Gebäude des Kreisverbands am Hindenburgring in Bad Homburg, das von Weitem aussieht wie ein Einfamilienhaus, ist seit vier Jahren der Arbeitsplatz der Sozialpädagogin. Vorher war Brendel bei Jugendämtern und in Wohngruppen tätig. So kennt sie auch die Arbeit in den Institutionen, mit denen sie jetzt zusammenarbeitet, um mögliche ehrenamtliche Vormünder auszuwählen, sie auszubilden und dann an ein Mündel zu vermitteln.

Aktuell leben im Hochtaunuskreis und in der Stadt Bad Homburg 18 Kinder und Jugendliche, die von einem Vormund im Ehrenamt betreut werden. Von diesen Vormündern sind zurzeit 20 verfügbar. Meist übernimmt ein Vormund die elterliche Sorge für ein Mündel, manchmal auch für ein Geschwisterpaar. Das ist eine hervorragende Quote im Vergleich zum Amtsvormund. Einen solchen muss der Staat bestellen, wenn den Eltern das Sorgerecht entzogen worden ist oder wenn sie im Ausland leben. Staatliche Vormünder haben laut Brendel meist 35 bis 50 Mündel.
Den Schulranzen zahlt das Jugendamt
An die Stelle des Amtsvormunds kann ein Ehrenamtler treten, wenn denn einer verfügbar ist. Die Freiwilligen können sich ihrem Mündel intensiver widmen, eine echte Beziehung aufbauen. Meist schlügen die Jugendämter von Stadt und Kreis bestimmte Kinder vor, die nach ihrer Einschätzung besonders davon profitieren könnten. Der ehrenamtliche Vormund ersetzt dann den staatlichen Vormund, was gerichtlich geregelt wird. Besonders schwierige Fälle, etwa bei komplizierten Familiensituationen oder extrem bindungsgestörten Kindern, werden Ehrenamtlern nicht anvertraut, um die Freiwilligen nicht zu überfordern.
Die Mündel leben in aller Regel in Wohngruppen von acht bis zehn Kindern, deren Träger etwa Stiftungen, Vereine oder kirchliche Organisationen sind. Den Alltag organisiert das Fachpersonal, das im Schichtdienst mit den Kindern zusammenlebt. Die größeren Entscheidungen aber trifft der Vormund für sein Mündel: In welche Kita, auf welche Schule soll das Kind gehen? Soll es eine bestimmte Therapie machen? Darf es fotografiert werden?

Wie viel Zeit die beiden miteinander verbringen, ist laut Brendel individuell. Mindestens einmal im Monat sehen sich die beiden, die meisten treffen sich aber öfter. Sie spielen Spiele in der Wohngruppe, reden, gehen ins Kino oder mit dem Hund des Vormunds spazieren, machen einen Ausflug. Vielleicht meldet der Vormund das Kind im Fußballverein an, begleitet die Jugendliche zum ersten Boxtraining. Wichtig sei, dass er die Abläufe und Zeiten in der Wohngruppe mitdenke, sagt die Sozialpädagogin. Das Eisessen mit dem Mündel sollte also besser nach der Hausaufgabenbetreuung stattfinden. Falls die beiden zusammen einen Schulranzen oder Kleidung kaufen, zahlt das Jugendamt. Der Vormund muss keine finanziellen Mittel aufwenden, wie Brendel sagt. Anträge zu stellen, dagegen gehört zu den Aufgaben, etwa für Nachhilfe oder ein Fahrrad.
Jedes Jahr bildet der Kinderschutzbund im Hochtaunus etwa zehn Vormünder aus. Bald geht es in die nächste Runde: Am Samstag, 30. Mai, findet von 15 bis 17 Uhr eine Infoveranstaltung im Stadtteil- und Familienzentrum an der Dietigheimer Straße 24 in Bad Homburg statt. Anmelden können sich Interessierte unter 0176/40382587 oder über vormundschaft@ksbht.de. In den meisten Jahren kommen nach Brendels Angaben etwa 30 Teilnehmer, von denen sich anschließend etwa die Hälfte bewirbt. Etwa zehn werden ausgewählt, sich an fünf weiteren Samstagen und online von Referenten unentgeltlich zum Vormund schulen zu lassen. Das finanzieren die Jugendämter von Kreis und Stadt, die die Aufgabe der ehrenamtlichen Vormundschaften an den Kinderschutzbund übergeben haben.
Ehrenamtliche Vormünder müssen einen Verhaltenskodex unterschreiben, auch das erweiterte Führungszeugnis wird kontrolliert. Pädagogische Kenntnisse sind nicht nötig, aber Belastbarkeit, Empathie, emotionale Stabilität und kindzentriertes Denken sehr wohl. In einer Kennenlernphase wird zusammen mit Kinderschutzbund und Jugendamt darauf geachtet, ob das passende Match gefunden ist. Sie sei immer wieder „baff, wie viele tolle Leute“ das Ehrenamt übernähmen, sagt Brendel. „Sie sind ein Gewinn für unsere Gesellschaft.“
