Ein von Gittern umgebener Asphalt-Bolzplatz unter einer in die Jahre gekommenen Autobrücke in der Frankfurter Innenstadt. Auch wenn die Sonne scheint, ist es hier dunkel, feucht und modrig. Im Hintergrund donnern Techno-Beats, Kinder laufen schreiend einem abgewetzten Ball hinterher. Die Wände sind mit Graffiti verziert. Mittendrin: ein vor Freude strahlender 23 Jahre alter deutscher Nationalspieler. Younes Ebnoutalib würde man an einem solchen Ort nicht vermuten. Vor allem nicht, weil er vor wenigen Tagen noch in der Nations League gegen die Niederlande debütiert und gegen Griechenland zur Startelf gehört hatte.
Doch beim Abschlussevent der Frankfurter Bolzplatzliga unter der Friedensbrücke nimmt sich Ebnoutalib die Zeit für seine jungen Fans. Sie umringen ihn, machen Selfies. Er signiert alles, was ihm hingehalten wird: Autogrammkarten, Trikots, Handyhüllen, Unterarme. Im Laufe des Abends führt er gemeinsam mit Funktionären des Projekts „Frankfurter Bolzplatzliga F43+“ die Siegerehrung für die Altersklasse U 13 durch. Neben Trikots und Bällen verteilt er Karten für ein Eintracht-Heimspiel. Es ist ein besonderer Moment für die Nachwuchsspieler.
Bolzplatzliga soll Selbstorganisation von Jugendlichen stärken
Besonders ist auch die Bolzplatzliga. Seit 2013 gibt es das vom Sportkreis Frankfurt initiierte Projekt, in dessen Mittelpunkt Kinder und Jugendliche stehen. Eigentlich reicht die erlaubte Spannweite bis zum Alter von 27 Jahren. Bis zur Corona-Pandemie war es auch so, dass der Anteil der Älteren den der Kinder überwog. Mittlerweile sei es genau andersherum, sagt Denis Bambusek, der Projektleiter.
Auf die Anfänge der Liga angesprochen, sagt er: „Zunächst kickten wir ausschließlich im Gallusviertel. Doch irgendwann spielten die Mannschaften immer wieder gegen die gleichen Gegner.“ Was folgte, war eine Ausweitung der Bolzplatzliga. So sollte die Möglichkeit von stadtweiten und perspektivisch auch regionalen Begegnungen geschaffen werden. Trotzdem standen bei den U-13-Finals immerhin zehn Mannschaften aus dem Gallusviertel auf dem Platz.

Die Liga möchte insbesondere Kinder- und Jugendeinrichtungen ansprechen. Mittels Sozialarbeit und Training soll den jungen Teilnehmern dabei geholfen werden, selbständig und selbstverwaltet ihre eigene Liga aufzubauen und die Spiele zu organisieren. Auch um ihre Plätze kümmern sich die Mannschaften selbst. Fairness, Toleranz und Gewaltfreiheit stehen im Mittelpunkt des ligaeigenen Wertekodex.
Zu Saisonbeginn traten 26 Mannschaften in vier nach Alter aufgeteilten Ligen an. Bis zum Saisonende meldeten sich acht Mannschaften wieder vom Spielbetrieb ab. „Das ist eben die typische Kinder- und Jugendlichendynamik“, resümiert Bambusek und grinst. „Wenn es eine längere Pause gibt, verlieren manche die Lust.“ Die Selbstverwaltung hat auch ihre Kehrseiten.
Younes Ebnoutalib und Sara Doorsoun übernehmen Partnerschaft
Im Frühjahr 2026 kam Eintracht Frankfurt als Sponsor des Projekts hinzu. Mit dabei: die Stürmerin und ehemalige Nationalspielerin Sara Doorsoun sowie Younes Ebnoutalib. Beide übernahmen die Patenschaft für die Bolzplatzliga. Das ist auch der Grund, warum der Neu-Nationalspieler auf der Abschlussveranstaltung gewesen ist. Bereits bei der Saisoneröffnung im Mai blieb Ebnoutalib stundenlang auf dem Platz, forderte die Kinder zum Ballhochhalten heraus. Am Ende spendierte er ihnen Pizza.

Dass ihm das Bolzen am Herzen liegt, hat mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun. 2003 in Frankfurt geboren, wächst Ebnoutalib in der Nordweststadt auf. Die Trabantenstadt ist durchdacht gebaut, kein einschlägiges Problemviertel. Hier treibt er sich regelmäßig auf Bolzplätzen herum. Kickt, übt Tricks. Wieder und wieder. „Wir haben auch immer Turniere gespielt. Da war man mal zwei Spiele draußen und hat direkt im Anschluss drei Partien hintereinander bestritten“, erinnert sich Ebnoutalib. „Als Kind hat man einfach viel mehr Energie“, fügt er lachend hinzu.
Die Zeit als Straßenkicker prägt Ebnoutalib bis heute
Mit den Jahren wächst er zu einem echten Straßenkicker heran. Dass auf den Frankfurter Bolzplätzen ein anderes Klima herrschte als in den Nachwuchsleistungszentren, prägt den Stürmer bis heute: „Den Kampfgeist und Willen, den ich damals beim Bolzen erlernt habe, habe ich noch immer.“ Und was ein Straßenkicker einem Fußballer aus dem NLZ voraushat? „Durchhaltevermögen“, antwortet das Eintracht-Juwel.
Das spiegelt sich in seiner eigenen Geschichte wider. Bis 2024 ist sein Karrierehöhepunkt der FC Gießen. Regionalligafußball in der hessischen Provinz. Für rund 50.000 Euro wechselte er im Wintertransferfenster 2024/25 zum damaligen Zweitligaverein Elversberg. Der erhoffte Aufstieg blieb aus, in zweifachem Sinne: Die Saarländer scheiterten in der Relegation gegen Heidenheim. Ebnoutalib selbst konnte an seine in Gießen gezeigten Leistungen nicht anknüpfen. Das gelang ihm erst in der darauffolgenden Spielzeit. Die Eintracht wurde so auf ihn aufmerksam. In Frankfurt setzte er seinen Aufstieg fort.
Am 10. Oktober kann Ebnoutalib in der Bundesliga seinen Kampfgeist wieder beweisen, wenn die Frankfurter auswärts auf RB Leipzig treffen (18:30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei DAZN). Aber auch in Zukunft wird der Angreifer auf Frankfurts Bolzplätzen anzutreffen sein. Denn die Kooperation zwischen der Eintracht und der Bolzplatzliga soll intensiviert werden.
