„Elle est bonne?“, fragt die Wanderin fröhlich, als sie an dem ihr unbekannten Wandersmann vorbeistapft. Dieser steht mit den Füßen in einem schmalen Wasserlauf. Die Frage gilt dem Wasser, das die Füße umspielt: ob es denn angenehm sei. „Oh ja“, jubelt der Mann, sichtlich begeistert vom erfrischenden Nass, an dem auch Sebastian Kneipp seine Freude gehabt hätte. Anders als im Fall der Wassertherapie des Priesters und Naturheilkundlers aus dem 19. Jahrhundert ist das Fußbad in diesem Fall allerdings eine recht kurze Angelegenheit. Denn das Wasser ist eiskalt – es stammt aus dem Bergbach Printse, der Schmelzwasser aus dem Stausee Lac de Cleuson führt.
Solche schmalen Wasserläufe, „Bisses“ oder zu Deutsch „Suonen“ oder „Bissen“ genannt, sind historische Bewässerungskanäle im Schweizer Kanton Wallis. Seit 2023 gehören sie zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Von den einst 600 unter enormem Aufwand angelegten Kanälen mit leichtem Gefälle sind noch knapp 200 in Betrieb. Der im 17. Jahrhundert gebaute, sieben Kilometer lange „Bisse Vieux“, der dem Wandersmann am vergangenen Sonntag die Füße kühlte und den Kreislauf ankurbelte, verläuft auf dem Gebiet der Gemeinde Haute-Nendaz zwischen Siviez und Planchouet. Er dient bis heute dazu, die Weiden sowie die Aprikosen- und Himbeerplantagen an den Talhängen der Region zu bewässern.
An Tagen wie diesen entfalten die Bissen aber noch einen anderen Wert: Sie kühlen. Auch die Schweiz ächzt unter der aktuellen Hitzewelle. In tiefen Lagen und in Städten wie Zürich und Genf steigen die Temperaturen tagsüber auf 35 Grad und mehr. Wer kann, flieht hoch in die Berge. Pro 100 Meter Höhenunterschied nimmt die Temperatur im Durchschnitt um 0,65 Grad ab, wie das Schweizer Bundesamt für Meteorologie schreibt. Bei starker Hochdrucklage könne sich die Luft pro 100 Höhenmeter sogar um fast ein Grad abkühlen.
Wandern, ohne zu schwitzen
Im Zentrum von Haute-Nendaz auf knapp 1400 Metern über dem Meeresspiegel ist es mit Tagestemperaturen von 29 Grad derzeit zwar immer noch mollig warm. Wer sich jedoch zu einem der vielen Bissen aufmacht, ist fein raus. Entlang des traditionellen Bewässerungsnetzes schlängeln sich Wanderwege, von denen einige weitgehend im Wald verlaufen. Am „Bisse Vieux“ und am „Bisse de Saxon“ zum Beispiel ist es selbst zur Mittagszeit so angenehm frisch, dass einem das Wandern auf dem obendrein weitgehend ebenen Weg keine Schweißperlen auf die Stirn treibt.
Dazu trägt neben den Fichtenwäldern auch der wegbegleitende Wasserstrom bei, der meist durch ein geschaufeltes Bett, zuweilen aber auch über kunstvoll installierte Holzbrücken und -treppen plätschert und die Luft in seiner Nähe kühlt. Wie die Begegnungen auf den Wegen erahnen lassen, ist diese natürliche Klimaanlage vor allem unter (mehr oder weniger) rüstigen Rentnern beliebt.
Tim Fournier macht sich um seine berufliche Zukunft als Gastgeber jedenfalls keine Sorgen. Der Schweizer vermietet zwei Chalets an Urlauber und führt ein kleines Restaurant in einem grünen Weiler unterhalb des „Bisse du Mileu“. Seine Hauptsaison ist der Winter. Dann lockt das nahe gelegene Skigebiet „4 Vallées“. Aber der Klimawandel treibt ihm nun auch im Sommer immer mehr Gäste zu. Fournier sieht ein klares Muster: „Nach jeder Hitzewelle schnellen bei mir die Buchungen hoch.“

