
Vorgestern, am 16. Juni 2026, feierte in Berlin der Verlag Klaus Wagenbach in der Staatsbibliothek Unter den Linden das Erscheinen des hundertsten Bandes seiner seit 1988 bestehenden Buchreihe mit dem Titel Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek. Ulrich Raulff, der Gründungsherausgeber, war anwesend, ebenso Horst Bredekamp, einer der leitenden Geister des Unternehmens. Während zweier Podiumsrunden zogen im Hintergrund die projizierten Titelbilder der bisher erschienenen Bände in endloser Parade vorüber. Drei Bände hat Carlo Ginzburg beigesteuert, die Nummern 50, 65 und 84: „Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst“, „Die Wahrheit der Geschichte. Rhetorik und Beweis“ und „Faden und Fährten. Wahr, falsch, fiktiv“. Beim mitlaufenden Studium der Backlist des humanwissenschaftlichen Avantgardismus konnte einem der Gedanke kommen, dass unter den Pionieren der Geschichte der Mentalitäten, der Hintergedanken und der verkleideten Symbole, die in diesem geistesheroischen Katalog mit bündigen Werken verewigt sind, Carlo Ginzburg vielleicht doch der kühnste, vielseitigste und charismatischste Autor und Lehrmeister ist. Ohne es wissen zu können, hatte man sich an einem besonderen Tag versammelt: Es war der Tag, an dem Carlo Ginzburg starb.
In der Erinnerung hat sich über die heitere Zusammenkunft schon jetzt ein Schleier des Gespenstischen gelegt. Man hatte sich an einer Totenwache beteiligt oder einem Besuch am Sterbebett, durch Seelenwanderung im Raum, hinüber von Berlin nach Bologna, wo der am 15. April 1939 in Turin geborene Gelehrte, der von 1988 bis 2006 in Los Angeles unterrichtete, seine letzten Jahre verbrachte. Passt ein solches Phantasiebild nicht zum Erforscher des Hexenglaubens, der dem nächtlichen Flugreisewesen den Sinn einer Leitvorstellung einer europaweit vernetzten Gegenwelt abgewann? Die Antwort auf diese Frage darf nur Ja sein, wenn man gleichzeitig dem Erzrationalisten Ginzburg die letzte Ehre erweist.
Logik und Philologie
Er war ein Mann nach der Art und aus der Schule von Pierre Bayle, dem Verfasser des „Dictionnaire historique et critique“. Seine Neugier weckten die befremdlichsten Ausgeburten des menschlichen Verstandes, Produkte des eigenen Metiers eingeschlossen, aber er rückte ihnen mit zwei universellen Mitteln zu Leibe, der Logik und der Philologie.
Auf dem Berliner Podium erzählte jemand, ein Kollege habe gesagt, dass der Ansatz der Kulturwissenschaft sich in allen Geisteswissenschaften wie ein Gift ausgebreitet habe, sollte heißen: überall wirksam und unschädlich zugleich. Von Ginzburg kann man lernen, dass man ein solches Bild nur verwenden sollte, wenn man es ernst meint. Als er 2010 in Rom den Balzan-Preis entgegennahm, gebrauchte er an zwei Stellen seiner Dankesworte medizinische Metaphern. Sein Lehrer in mittelalterlicher Geschichte in Pisa, Arsenio Frugoni, habe die Studenten aufgefordert, die Quellen „im Gegenlicht“ zu lesen, also das Pergament sozusagen gegen das Licht zu halten, um zwischen den Zeilen das Ausradierte zu entdecken. „Ich glaube, dass diese Worte mich gegen den naiven Positivismus geimpft haben.“ Ein Impfstoff funktioniert nach dem Prinzip der Umwandlung eines Giftes in ein Gegengift. Gegen den naiven Positivismus schützt der reflektierte: Ginzburg praktizierte eine Quellenkritik, die vom Befund ausgeht und so genau wie möglich wissen will, was es bedeutet, dass uns ein Verhörprotokoll, Altarbild oder Volksbrauch gegeben ist.
Auf die Inquisitionsakten, berichtete er 2010 in Rom, wandte er eine Hermeneutik der Detailuntersuchung an, die er von den jüdischen Romanisten Leo Spitzer und Erich Auerbach gelernt hatte. Über die Methode nachzudenken, heiße für ihn, „die Instrumente der Analyse zu sterilisieren“. Ein Historiker muss sich gegen das Ansteckungsrisiko wappnen, das etwa durch Berührung mit der Schwärmerei in allen ihren Spielarten entsteht. Alle Schriften Ginzburgs, ob zur Sache oder zur Methode, sind Fallstudien, seine elementare Operation ist die Gegenprobe. Die Maxime von Marcel Mauss, dass ein intensiv studierter Einzelfall der Ausgangspunkt einer Generalisierung sein kann, hat Ginzburg mit einer Ergänzung versehen: „ja, besonders wenn es ein anomaler Fall ist, weil die Anomalie die Norm enthält (während das Umgekehrte nicht wahr ist)“. Die Fußnote der Balzan-Rede verweist hier auf Carl Schmitt. So erklärte Ginzburg, dass er ein ganzes Buch über einen Müller geschrieben hat, der den Inquisitoren sagte, dass die Welt aus einem faulen Käse entstanden sei.
Als Zwanzigjähriger wusste Carlo Ginzburg in der Universitätsbibliothek von Pisa plötzlich, dass er über die Hexenprozesse schreiben wollte. Erst viele Jahre später sei ihm aufgegangen, dass seine Identifikation mit den Opfern eine unbewusste Übertragung der Verfolgungserfahrung seiner jüdischen Familie gewesen sei. Heute gibt es Kulturwissenschaftler, die vor zu viel Empathie warnen und Vulnerabilität als Konstruktion abtun. Der Sensationserfolg dieser zynischen Populärphilosophie beweist nur, wie gründlich die Entzifferungsarbeit am Vermächtnis der Sprach- und Namenlosen gewesen ist. Carlo Ginzburg hat die Welt, die er verlassen hat, zum Besseren verändert.
