
Deutschlands wirtschaftliche Souveränität entscheidet sich in den Laboren von München, Darmstadt oder Dresden. Dort wird auf Weltniveau geforscht und patentiert. Doch während unsere Forscher und Ingenieure die Grenzen des Machbaren verschieben, enden politische Ambitionen in Berlin viel zu oft an der Türschwelle des Nachbarressorts. Wenn wissenschaftliche Exzellenz nicht mehr in industrielle Skalierung übersetzt werden kann, ist das kein technisches Problem, es stellt unsere Zukunftsfähigkeit als Forschungs- und Industriestandort infrage.
Vor einem Jahr trat die schwarz-rote Bundesregierung mit einem Versprechen an: Die gesamte Technologie- und Innovationspolitik sollte „in einer Hand“ gebündelt werden. Im Mai 2025 erhob Bundeskanzler Friedrich Merz die „Hightech-Agenda Deutschland“ zur zentralen Strategie seiner Bundesregierung, um die Wettbewerbsfähigkeit in unserem Land zu stärken und erklärte die Innovationspolitik zur „höchsten Priorität“.
Ein Jahr später ist von diesem Aufbruch wenig geblieben. Die neue Forschungsministerin Dorothee Bär wollte ihr Haus zum Innovationsministerium machen. Doch die Realität ist geprägt von institutioneller Selbstblockade. Wichtige Programme zur Innovationsförderung blieben im Wirtschaftsministerium. Dieses strukturelle Problem wurde in einem Gastbeitrag von Katherina Reiche besonders deutlich. Darin warnt die Wirtschaftsministerin davor, dass Deutschland in der Innovationspolitik „unaufholbar abgehängt“ wird. Gleichzeitig erwähnt sie aber das zentrale Innovationsinstrument der eigenen Regierung, die Hightech-Agenda, mit keinem Wort. Die demonstrative Ignoranz zeigt: Die rechte Hand will nicht wissen, was die Linke plant.
Schleppende Transferoffensive
Die Hightech Agenda der Bundesregierung war als zentrale Innovationsoffensive gedacht. Im ihrem Zentrum stehen sechs Schlüsseltechnologien, in denen Deutschland internationale Spitzenplätze besetzen soll: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, Mikroelektronik, Biotechnologie, klimaneutrale Energie und Mobilität. Nachdem das Forschungsministerium unter Ministerin Bär das Papier im vergangenen Jahr zügig vorgelegt hatte, geriet der Umsetzungsprozess allerdings ins Stocken. Ministerin Bär zog die Agenda daraufhin in ihren Führungsstab. Eine Reaktion, die eine tiefe Unzufriedenheit mit dem eigenen Tempo offenbart.
Neben dem Tempo droht die Agenda im institutionellen Kleinkrieg zerrieben zu werden. Besonders deutlich wird das beim Thema Transfer. Gemeint ist der Schritt von der Forschung in die praktische Anwendung, also die Frage, wie aus wissenschaftlichen Erkenntnissen marktfähige Produkte, neue Verfahren, Unternehmensgründungen oder industrielle Wertschöpfung werden. Die Bundesregierung wollte dies mit einer Transferoffensive vorantreiben. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten – der Haushaltsausschuss befand die Konzepte der Regierung zunächst für lückenhaft – stehen nun hundert Millionen Euro für die Transferförderung zur Verfügung. Unter dem Namen F.A.S.T. – Forschung, Anreize, Skalierung, Transfer – sollen damit sechs Transfer-Hubs entlang der genannten Schlüsseltechnologien aufgebaut werden.
Während auf der einen Seite die Freigabe dieser Mittel verkündet werden konnte, wurde gleichzeitig bekannt, dass das Wirtschaftsministerium von 2027 an drastische Kürzungen beim erfolgreichen Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) plant, das pro investiertem Euro nahezu das Doppelte an privaten Investitionen mobilisiert. Diese Gleichzeitigkeit offenbart den Widerspruch im Regierungshandeln. Statt die Innovationskraft des Landes strategisch zu bündeln, droht die Hightech-Agenda schon in der Umsetzung zwischen neuen Ankündigungen und Kürzungen zu zerfasern.
Innovationsförderung braucht einen breiten Ansatz
Bei F.A.S.T. zeigt sich der nächste Konstruktionsfehler der Bundesregierung: Sie setzt auf sechs Transfer-Hubs entlang der erwähnten Schlüsseltechnologien. Das kann Impulse setzen, greift aber zu kurz. Wer Innovation am Reißbrett nach Technologien sortiert, unterschätzt, dass Durchbrüche heute oft an den Schnittstellen von Disziplinen, Branchen und Regionen entstehen. Mit einem Budget von 500.000 Euro pro Jahr und Hub, das nach Ansicht vieler Experten zu gering ist, drohen eher neue Verwaltungseinheiten als tragfähige Innovationsökosysteme zu entstehen. Schon jetzt wächst bei Hochschulen, Start-ups und kleinen wie mittleren Unternehmen die Sorge, dass am Ende erneut vor allem die ohnehin starken Standorte und Akteure profitieren.
Dabei entscheidet sich gerade in der Fläche, ob Transfer in Deutschland gelingt. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, regionale Cluster und mittelständische Innovationsnetzwerke sind in vielen Regionen die eigentlichen Brücken zwischen Forschung und wirtschaftlicher Anwendung. Das wiegt umso schwerer, weil es nicht an finanziellen Spielräumen mangelt. Bei einer Rekordverschuldung von 500 Milliarden Euro wäre es zukunftsorientierter gewesen, Innovationsförderung systematisch auch in der Breite zu stärken, statt den weit überwiegenden Teil des Sondervermögens konsumtiv zu verplanen.
Der industrielle Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft, braucht keine punktuellen Leuchttürme, sondern verlässliche, bedarfsorientierte Innovationsökosysteme. Genau darin lag die Stärke des ursprünglichen Konzepts der Vorgängerregierung für eine Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (DATI): nicht nur disruptive Spitzenförderung voranzutreiben, sondern auch inkrementelle und soziale Innovationen in der Fläche zu ermöglichen. Die DATI stand schon in den Startlöchern, als die Ampel-Koalition zerbrach. Die schwarz-rote Bundesregierung entschied sich jedoch dagegen, diesen Weg weiterzugehen, und verweist nun auf die eigenen Pläne für eine Deutsche Anwendungsforschungsgemeinschaft (DAFG) als neue Struktur für den Transfer. Bislang existiert sie jedoch vor allem auf dem Papier. Ob sie diese Rolle tatsächlich erfüllen kann, bleibt deshalb abzuwarten.
Deutschland steht an einem Kipppunkt. Wir spielen in der Champions League, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Aber Innovation entsteht nicht durch Ankündigungen, Leuchttürme und neue Akronyme allein. Sie entsteht dort, wo Forschung, Mittelstand, Regionen und industrielle Anwendung politisch zusammengedacht und praktisch miteinander verzahnt werden. Die nun freigegebenen Mittel für die Transferinitiative werden dringend benötigt. Sie werden aber nur dann Wirkung entfalten, wenn die Hightech-Agenda mehr ist als ein Marketingbegriff für ein zerstrittenes Kabinett. Sie muss endlich das werden, was Friedrich Merz versprochen hat: echte Chefsache im Kanzleramt, mit klarer Priorität, gemeinsamer Steuerung und einem Transferansatz, der nicht im Ressort-Dschungel stecken bleibt, sondern Innovation in die Breite trägt.
Ayşe Asar ist forschungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.
