Die Theke ist vieles zugleich, Ort der Begegnung, Rollenzuweisung, Trennlinie und manchmal Brücke. Ob am DJ-Pult, am Einlass oder an der Bar. Im Frankfurter Kunstverein wird daraus eine Installation. Die Ausstellung „Hidden History“ zeigt, was von Kunst bleibt, die nie archiviert wurde: verschwundene Orte, Szenen, die Menschen dahinter. So wird auch die Theke als Reminiszenz der Frankfurter Clubkultur nur dann lebendig, wenn einer da ist, um von ihr zu erzählen: Hannibal Tarkan Daldaban. Das tut er bis zum Ende der Ausstellung immer wieder.
Doch an diesem Nachmittag steht er nicht hinter der Theke, sondern sitzt auf einer Bank im Bethmannpark. Graue Locken, große Brille, Jeans. Er zeigt auf eine Villa, die hinter Bäumen emporragt. „Das ist der erste Club, in dem ich gearbeitet habe.“ Daldaban ist damals 16 Jahre alt und verteilt Stempel. Heute finden in der Stadtvilla mit dem Namen „Le Panther“ exklusive Events statt. Damals, 1992, heißt sie ganz antielitär „Plastik“, und „Frank Farian und Sven Väth haben montags noch Dance Classics aufgelegt“, erinnert sich der mittlerweile 49 Jahre alte Daldaban, Zigarette zwischen den Fingern, die Beine lässig übereinandergeschlagen. Er kennt das Leben zwischen Straße und Drum ’n’ Bass auf legendären Roland-Instrumenten, das, was Definitionsindividualisten heute als Urban Artist, Nonkonformist oder Hipster bezeichnen würden.
Damals ist es die Zeit, in der neue Räume entstehen, für Leute, denen „wegen ihrer Turnschuhe oder ihres Musikgeschmacks der Zugang verwehrt wird“, sagt Daldaban. Dass sich aus der „postpunkigen Idee, Hip-Hop-Partys zu veranstalten“, eine prägende Clubkultur entwickelt, ahnt er, einer jener Turnschuhrebellen, noch nicht.

Sein eigenes Leben beginnt alles andere als eindeutig. Als Baby wird er zur Adoption freigegeben, wächst in einer Pflegefamilie auf, in der Geschwister kommen und gehen. Hannibal, wie ihn seine Pflegemutter Rosel nennt, bleibt. Einer, der andere integriert, bevor er selbst weiß, wohin er gehört. „Meine Geschwister hatten schwarze Haut oder rote Haare.“ Keine Klasse, keine Herkunft. Aber auch keine Zugehörigkeit. Mit der Zeit kommen Fragen. Warum finden alle anderen ein Zuhause, nur er nicht? „Ich habe mich gefühlt wie der Hund im Tierheim, den keiner abholt.“ Schließlich holen ihn seine leiblichen, türkischstämmigen Eltern zurück. Doch die Zeit ist schwierig, „die hatten ihre eigenen Probleme“.
Hannibal Hönge, der nun Tarkan Daldaban heißt, ist hin- und hergerissen zwischen den Konflikten und Kulturen. Der Höchster Junge geht zwar aufs Gymnasium, ist ein guter Schüler und Fußballer. Gleichzeitig verbringt er seine Zeit in einem Milieu ohne Perspektiven und Privilegien. „Straßenjunge mit Frankfurter Storys“, nennt er das heute, Storys, wie „in einem gestohlenen Porsche-Cabrio in eine Polizeisperre fahren“. Doch auch in dieser Szene gehört er nie ganz dazu. „Na, gehst du wieder zu deiner deutschen Familie, Kuchen essen?“, fragen ihn die „Kanaks“.
Halt geben ihm die Werte seiner Pflegeeltern. „Die bleiben immer meine richtigen Eltern“, sagt Daldaban. Er fängt sich wieder – und findet in der elektronischen Musikszene einen Ort, an dem Grenzen verwischen. „Es ging darum, Begegnungen zu schaffen, damit wir alle zu einer Familie werden.“
„Blaupause für Musikfestivals“
Aus dem Jungen am Einlass wird ein Netzwerker, der Flyer verteilt, Stadtmagazine vertreibt, die in Kult-Clubs wie dem „Dorian Gray“ ausliegen. Er organisiert Partys im Rhein-Main-Neckar-Gebiet. Später bringt er mit Daniel Lieberberg neue Impulse in Festivals wie „Rock am Ring“ und „Rock im Park“, erweitert das Bühnenprogramm um Hip-Hop und Techno und schließt damit eine Lücke: „Manche sagen, das war die Blaupause für heutige Musikfestivals.“
In Hamburg betreut er Konzerte von Bands wie Portishead, den Beastie Boys, Oasis, UNKLE oder Daft Punk. Letztere bringt er in große Clubs, nachdem erste Tourneen floppten. „Die Jungs von Daft Punkt waren so dankbar, wir sind Kumpels geworden“, erinnert sich Daldaban.
Er zieht nach Berlin, doch die Szene dort wird ihm zu künstlich. Daldaban kehrt zurück nach Frankfurt, gründet eigene Clubs wie „Sam Lord“ im Bahnhofsviertel, tritt als DJ auf seinen Pink-Pony-Partys auf, ist Veranstalter für Marken wie Levi’s und die Musikplattform Myspace.
„Frankfurt war immer meine Stadt“, sagt er:. „Nirgendwo gibt es so viele unterschiedliche Charaktere auf engem Raum.“ Dass die Subkultur vor allem im Zentrum, rund um die Hauptwache, stattfand, lag auch daran, „dass es da Telefone gab, die du anrufen konntest“. Von Telefonzellen zu Instagram: Die Informations- und Partykultur ist auch im Digitalzeitalter verwoben.
Feiern als Dauerperformance
Was früher bewusste Auszeit war, sei heute stressige Dauerperformance. „Leute lesen Reels und müssen auf Partys präsentieren, was sie behaupten.“ Daldaban geht es heute ruhiger an. Die Nachtschwärmer hat er gegen Bienenschwärme eingetauscht, genauer gesagt deren Erzeugnis. Er verkauft Honigprodukte. Von „Hanni“, wie ihn Freunde nennen, zum Honey, das passe doch.
Seine Theke ist nun ein Tresen in der Kleinmarkthalle. Eiche, Lavendel, Stechpalme, für alle Honigsorten gibt es Löffelproben. Sein Gespür für Menschen ist geblieben. Daldaban wirkt nicht nostalgisch, eher bodenständig. Er weiß, dass er nicht mehr mit seiner dreißigjährigen Tochter um die Häuser ziehen muss. Auch deshalb will er keine Party zu seinem 50. Geburtstag feiern. Im grünen Bethmannpark, einem seiner „Ruheorte“, plätschert der kleine Wasserfall, Vögel zwitschern. Daldabans Blick liegt auf der alten Villa. Manche Orte verschwinden nicht, sie brauchen nur jemanden, der sich erinnert.
An der Theke mit Hannibal Tarkan Daldaban, Frankfurter Kunstverein, 2. Mai, 16 Uhr. Die Ausstellung läuft bis 17. Mai.
