Uns Freiwillige beim Hiaslbauer erkennt man auf den ersten Blick. Im Unterschied zum Hofbesitzer Edi Pichler, der von Kopf bis Fuß braun gebrannt ist, sind Phil und ich ziemlich blass. Edi taxiert unsere Mützen und Lederhandschuhe und nickt anerkennend – er selbst braucht das nicht. Dann streift Edis Blick meine atmungsaktiven Outdoor-Schuhe. Der Bauer zieht seine Augenbrauen hoch, sagt jedoch nichts. Phil ist ein Jüngling von 18 Jahren, er kommt aus Hannover und hat mit seinem Vater viele Bergwanderungen unternommen. Damit man mich hier richtig einschätzt, zeigte ich gleich nach meiner Ankunft auf die umliegenden Gipfel und sagte: „Dort oben war ich schon überall.“ Phil wirkte beeindruckt, während Edi und seine Frau Edith nur freundlich lächelten.
Ich bin in Videgg auf 1550 Metern weit oberhalb von Schenna, um für Kost und Logis bei der Heuernte zu helfen. In der Mitbringliste, die mir Monika Thaler vom Verein Freiwillige Arbeitseinsätze sandte, waren robuste Bergstiefel angeführt. Die habe ich auch dabei, nur dachte ich nicht, dass es gleich mit dem vollen Programm losgehen würde. Als ich im Vorfeld mit Frau Thaler telefonierte, nannte sie die Hiaslbauern „feine, zuvorkommende Gastgeber“. Was ich voll unterschreiben kann.
Früher trug man bei der Arbeit Steigeisen
Jetzt marschieren wir mit geschulterten Rechen zu einer steilen Wiese oberhalb des Bauernhauses, um dort Heu einzusammeln. Edith und Edi sind beide um die 60. Edith hilft bei der Arbeit im Freien, kümmert sich jedoch ansonsten hauptsächlich um den Haushalt. Dass Edi viel auf den Steilhängen herumturnt, verraten seine Beine: Dünn wie Weberknechte stecken sie in kurzen Hosen. So ähnlich sahen die Erstplatzierten beim Marathonlauf aus, an dem ich einmal teilnahm. Dass sie die Schnellsten sein würden, erkannte man erst im Nachhinein. „Erste Sahne“, sagt Edi, als er im Vorbeigehen ein duftendes Heubüschel aufhebt, um kurz daran zu schnuppern. „Erste Sahne, stimmt!“, pflichtet ihm Edith bei. „Früher hat man bei dieser Arbeit Steigeisen getragen“, sagt sie, nachdem ich auf dem wie eingeseift wirkenden Heu auf dem Hosenboden landete. „Aufpassen, wo du hintrittst!“, schärft Edith mir ein. Sie hätten hier schon Freiwillige gehabt, die angesichts der Abgründe Panikanfälle bekamen. „Sie sind auf allen vieren zurück auf den ebenen Weg gekrochen.“ Edith empfiehlt mir, „die richtigen Bergstiefel“ anzuziehen. Mit Blick auf die spitzen Felsen unter unserer Wiese befolge ich den Rat umgehend.
Der Weiler Videgg besteht aus einer winzigen Kapelle plus vier ineinander verschachtelten Bauernhöfen – drei davon mit Gastwirtschaft. Hier ist Schluss mit Straßen und moderner Infrastruktur. Tief unten das 3000-Einwohner-Dorf Schenna mit seinen Wellnesshotels und jährlich einer Million Übernachtungen und hier der Hiaslbauer mit 15 Milchkühen sowie einigen Zuchtkälbern und frei laufenden Hühnern, die in Sandkuhlen hinter dem Stall baden, durch dessen geöffnete Fenster ein Schnauben und Mampfen dringt. „Mit sieben Hektar Wiesen rund um das Haus sowie zehn Hektar Bergmähdern auf 2000 Metern unter der Hönigspitze ist unser Hof zu groß für eine Bewirtschaftung im Nebenerwerb“, erzählte Edi, als wir gestern nach der Ankunft zusammen auf der Terrasse ein Bier tranken. Er wisse, was Stress bedeute, sagte der Bauer, weil er viele Jahre als Koch gearbeitet habe. Deshalb sei er froh, dass das zum Hof gehörende Berggasthaus Hiaslbauer heute von seiner Schwester geführt werde. „Mit dem Gasthaus kann man mehr Geld verdienen, ich bin trotzdem lieber Bauer“, erklärte Edi.

Dass er in Extremlage arbeitet, scheint daran nichts zu ändern. Ab 60 „Erschwernispunkten“, so die Regel, können Südtiroler Bergbauern um Freiwilligenhilfe ansuchen. Die Punkte werden nach Kriterien vergeben wie etwa der Geländebeschaffenheit, möglichem oder nicht möglichem Maschineneinsatz oder schwierigen persönlichen Umständen. Mit 130 Punkten, sagt Edi, gehöre der Hiaslhof zu den jährlich etwa 250 Bauernhöfen in Südtirol, die Unterstützung bekommen. Beim Zusammensitzen erzählte Edith von einem Tumor, Gott sei Dank gutartig, der ihr entfernt werden musste; während einer arbeitsintensiven Zeit. „Unsere Kinder wohnen alle außerhalb, jeder geht seiner eigenen Arbeit nach, allein hätte es Edi nie geschafft.“ Auch Edith kommt von einem Bergbauernhof. „Gerade deshalb wollte ich eigentlich keinen Bauern“, sagte sie und lächelte dazu ihren „Schatzi“ mit einer Miene an, die deutlich machte: Sie hat eine gute Wahl getroffen.
Edith und Edi haben sich beim Tanzen kennengelernt, einer Leidenschaft, die sie noch heute verbindet. „Jahrelang organisierten wir Videgger Bauern den Videgger ‚Sonntagstanz‘“, erzählte Edi. Mit einem Grinsen seinen linken Arm emporhebend, fügte er hinzu: „Aufgrund eines Sehnenrisses, den ich mir vor Jahren zuzog, weil mich eine Kuh beim Melken mit den Hörnern stieß, kann ich damit nicht mehr so wild tun.“
Hier kommt es auf die Muskeln an
Wegen dieses Unfalls muss Edi öfter pausieren. Für mich bedeutet die Einschränkung arbeitstechnisch einen Glücksfall. Es zeigt sich am nächsten Morgen. Edi hat inzwischen bereits die Stallarbeit erledigt, jetzt gehen wir alle ins „Loch“ hinauf. Wegen der Bodenwellen sowie der Steilheit kann das „Loch“ nicht mit dem Balkenmäher beziehungsweise dem Heuwender bearbeitet werden. Hier kommt es auf die Muskeln an. Nachdem Edi Phil gezeigt hat, wie die Akku-Motorsense funktioniert, schnallt er sich selbst eine mit Benzin betriebene, schwerere Motorsense um. „Immer von unten hinauf arbeiten. Quer zum Hang einen Streifen mähen. Und beim Bahnwechsel zur Bergseite hin umdrehen, sonst zieht dich das Gewicht hinunter!“, unterweist Edi den jungen Deutschen, dann rattern die Maschinen los. Edith und ich sammeln das geschnittene Gras mit dem Rechen ein, um es nebenan auf einem bereits gemähten, etwas flacheren Wiesenstreifen auszubreiten. Dort wird es in der Sonne trocknen.
Während der nächsten zwei Stunden wird kaum geredet. Wegen des Motorenlärms, aber auch, weil wir jetzt sämtliche Kräfte benötigen. Auf meinen Kopf knallt die Sonne, mein Körper ist schweißüberströmt. Inzwischen habe ich es aufgegeben, lästige Fliegen zu vertreiben. Schnell bemerkte ich auch, dass sich der Rechen, wenn man ihn umgekehrt in den Boden rammt, als Gehstütze einsetzen lässt. Als Edi und Phil um ein Felseck verschwinden, kann man sich ohne Schreien verständigen. Deshalb erzähle ich Edith, dass ich mich mit Laufbandtraining fit halte. „Das hier ist etwas anderes“, entgegnet sie und erzählt von Freundinnen, die regelmäßig ins Fitnessstudio gingen. „Beim Pilzesammeln steil bergauf über Stock und Stein müssen wir trotzdem bald umdrehen, sie schaffen es nicht.“

Nachdem ich zwei- oder dreimal auf die Uhr geblickt habe, die Zeit vergeht hier sehr langsam, konzentriere ich mich auf die monotonen Bewegungsabläufe: den Rechen nach einem Grashaufen auswerfen, alles aufheben und ein paar Meter weiter am Boden verstreuen. So geht es stundenlang. Schmetterlinge flattern, Hummeln summen. Drehe ich mich Richtung Tal, erspähe ich über den stufig abfallenden Wiesen Feldlerchen im Rüttelflug. Wie ein graugrüner Riesenwurm schlängelt sich die Etsch durch das von Bergen flankierte Vinschgau.
Am Nachmittag holen wir auf einer höher gelegenen Wiese das Heu ein. Edith, Phil und ich rechen es zusammen. Wo es das Gelände zulässt, unterstützt uns Edi mit dem Heuschieber. Er funktioniert wie ein Schneepflug, wirft das Heu zu lang gezogenen Haufen zusammen, aus denen wir mit Heugabel und Rechen Würste formen. Hinter dem Fahrzeug hergehend, rechen wir anderen dann die liegen gebliebenen Büschel zusammen und schieben sie dem Ungetüm in den Rachen. Weil sich in meinen Schultern und Armen ein Ziehen bemerkbar macht, lasse ich auch mal fünfe gerade sein. Für Edith ist das keine Option. Wortlos hebt sie jeden von mir übersehenen Halm auf.
Abends auf der Terrasse leisten uns zwei Männer aus Oberbayern Gesellschaft. Sie tragen rote T-Shirts mit der Aufschrift „Spitzbuaben-Fan“. Wie sich herausstellt, waren die Männer vor Jahren als freiwillige Helfer am Hiaslhof. Unten in Verdins, einem Ortsteil von Schenna, heirateten sie ihre Partnerinnen. Edith schmückte den Uralttraktor von Edis Vater mit Blumen. Edi fuhr damit zur Kirche, wo der Bräutigam nach der Trauung sein Manövriergeschick beweisen musste. Seitdem kommen die Oberbayern jedes Jahr, um an dem Patroziniumsfest der Mariä-Heimsuchung-Kapelle von Videgg teilzunehmen. Es findet morgen statt. Nach der heiligen Messe wird in den drei Videgger Gasthöfen zu Livemusik der „Spitzbuaben“ das Tanzbein geschwungen. Für Edith und Edi ein Pflichttermin. Es trifft sich auch gut für uns Freiwillige. Denn wegen des Festes beginnt die Heuarbeit erst am Nachmittag.
