
Vom ehemaligen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit sind einige Sätze in Erinnerung geblieben. Einer davon lautet: „Berlin ist arm, aber sexy.“ Zumindest was die finanzielle Situation der Stadt angeht, ist der Ausspruch mehr als zwei Jahrzehnte später immer noch von erschreckender Realität. Geld hat in dieser Stadt der Utopisten und Hasardeure fast niemand, dafür sind die Träume umso größer. Womit sich problemlos der Bogen zu Hertha BSC schlagen lässt. Im Volksmund ist der Klub bekannt als alte Dame. Eine, die in der Vergangenheit gern auf dem Ku’damm shoppen ging, inzwischen aber von der Sozialhilfe lebt. Früher KaDeWe, heute Suppenküche.
Ausgerechnet jene Hertha ist gerade dabei, zu einer Hoffnungsträgerin zu werden, mit der niemand gerechnet hat. Gewiss, ihre Siegesserie wird die Wohnungsknappheit nicht verringern, sie wird die Busse nicht pünktlicher kommen lassen und die sozialen Konflikte in den Brennpunktbezirken nicht lösen. Darum werden sich die künftigen Regierenden im Roten Rathaus kümmern müssen, die am Sonntag gewählt wurden.
Hertha kann nur eine Geschichte erzählen, die aber taugt als Lehrstück für viele Bereiche. Vielleicht auch für die Politik. Diese Geschichte handelt vom Willen zur Veränderung, von der Notwendigkeit zur Einsicht und ja, auch vom etwas überstrapazierten Begriff der Demut.
Gespart hat die Hertha bei Softdrinks, Stars und Sternchen
Die arme und womöglich noch nie sexy daherkommende Hertha ist so klamm, dass sie sich im Sommer von all ihrem Tafelsilber trennen musste. Alle Kicker von Qualität bot der Klub feil. Kasse vor Klasse lautete der Leitspruch. Eingespart wurden nicht nur die Softdrinks für die Belegschaft, sondern auch Kicker wie der extravagante Fabian Reese, der talentierte Tjark Ernst oder Zukunftsversprechen wie der Jüngling Kennet Eichhorn. In ihrer Gesamtheit alles herausragende Fußballspieler, aber mitunter wog das Ich bei ihnen mindestens genauso schwer wie das Wir.
Seit Hertha nicht mehr protzt, nicht mehr von Mailand träumt, sondern sich in Moabit und Mariendorf umsieht, wo etliche der Talente herkommen, die in der eigenen Akademie ausgebildet werden, läuft es besser. Und wie. Sechs Siege zum Auftakt. Wann hat es das gegeben? Einfache Antwort: noch nie! Hertha ist historisch gut, mit einer Mannschaft aus Talenten und einigen Erfahrenen, die woanders aussortiert wurden. Einer Mannschaft, der vor der Saison eher Abstiegskampf prophezeit wurde.
An ihr darf sich die neue Auswahl im Roten Rathaus gern ein Beispiel nehmen. Hertha versammelt keine schillernden Individualisten mehr, keine Lautsprecher und keine Einzelgänger. Der Teamgedanke steht an erster Stelle. Alle packen gemeinsam an, niemand macht sich größer, als er tatsächlich ist. Fokussiert wird sich auf das Wesentliche. Man stelle sich vor, der scheidende Bürgermeister Kai Wegner hätte so regiert.
Es ist noch gar nicht lange her, da sorgten die gleichen Gründe, die nun Hertha BSC stark machen, am anderen Ende der Stadt für einen sportlichen Höhenflug. Der 1. FC Union definierte sich etliche Jahre über Geschlossenheit, Kollektiv und den Willen, gemeinsam auch die höchsten Hürden zu überspringen. Inzwischen sucht der Verein aber so erfolglos einen passenden Trainer wie die Stadt einen Bürgermeister, der verantwortungsvoll mit seinem Amt umgeht.
Nichts ist in Berlin so beständig wie der Wandel. Alles verändert sich, sogar Hertha BSC. Ein Verein, der jahrelang für Hohn und Spott sorgte, ist plötzlich Hoffnungsträger. Nicht nur in Sachen Sport. Sondern dafür, dass Veränderung zum Besseren selbst da möglich ist, wo sie eigentlich ausgeschlossen erscheint.
