
Ob Tante Erna noch lebt? Das Publikum in der legendären Essener Grugahalle wird daran nicht zweifeln. Was dieser Künstler sagt, muss wahr sein: dass er 1955 zum ersten Mal in der 1958 eröffneten Grugahalle war, zum „Baby-Brunch“; dass der brillante Gitarrist Sandro Giampietro kein Wort Deutsch versteht, obwohl er 1968 in Bremen geboren wurde, dass der junge Bassist Leo Richartz an diesem Abend seine „Bakkelohr-Prüfung“ bei ihm machen und wahrscheinlich durchfallen wird, dass gleich ein Schabrackentapir um die Ecke kommt. Nur dass der Schlagzeuger Thomas Alkier, Jahrgang 1965, nicht nur der Älteste, sondern auch der Dümmste der Truppe sein soll, nimmt man dem mittlerweile siebzigjährigen Helge Schneider nicht ab. „Ellebogen vom Tich!“, heißt das Programm, mit dem Schneider jetzt im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr in Essen aufgetreten ist.
Kleinkariert oder großkariert?
Von Ellenbogen ist an diesem Abend zwar kein einziges Mal die Rede, aber der strenge Ton des Erziehungsberechtigten, den der Titel anschlägt, ist mehrfach zu hören. Als Bandleader spielt Schneider ganz gern mal den Diktator, im Umgang mit dem Publikum gleicht er dem Zirkusdirektor, dem gerade die ganze Truppe weggelaufen ist: Löwen, Zebras, Clowns und Elefanten. Jetzt muss er alle selber spielen. Kein Problem. Zusammen mit der Handpuppe eines Äffchens spielt er auf dem Kornett, das Louis Armstrong ihm geschenkt hat. Auf dem Vibraphon, einst gekauft in Essen-Borbeck, klöppelt er eine hinreißende Version von „Mood Indigo“, der noch Erroll Garners Jazzklassiker „Misty“ auf dem Saxophon folgen wird. Als Musiker ist Schneider ein Multi-Instrumentalist, als Conférencier, Komiker und Entertainer ist er ein schwarzer Romantiker, ein Nostalgiker des Grauens und ein anarchischer Volkserzieher. Aus den Kleinkarierten im Land möchte er Großkarierte machen oder wenigstens Gestreifte oder Geblümte – allerdings nur für einen Abend. Danach überlässt er sie wieder sich selbst.
Jede Nummer beginnt mit der Aufforderung ans Publikum, Haltung anzunehmen, Erwartungshaltung. Dass sie enttäuscht wird, ist sicher, aber unvorsehbar bleibt, auf welche Weise dies geschehen wird. Auf Schneiders Unberechenbarkeit ist Verlass. Sie ist die einzige Konstante an einem Abend, der von der Improvisation lebt, von der Kunst der allmählichen Verfertigung der Pointe beim Reden, Schlendern, Bändigen der heimtückischen Mikrofonkabelschlange. Schneiders Assoziationskunst funktioniert synkopisch, Rhythmen werden angeschlagen, um aus ihnen auszubrechen. Überhaupt bleibt Schneider ständig in Bewegung: Brasilien, China, Amerika – dieser Künstler war schon nirgendwo. Dort kennt er sich aus, das ist ihm vertraut. Das Fremde, Unerhörte, noch nie Gesehene, den Wahnsinn, den Spaß und den Schrecken, das alles sucht und findet er zu Hause, also bei uns.
