
Wer Helga Schubert zuhörte, konnte Slata Roschal für ungezogen halten. Schubert, im Alter von 86 Jahren zurückgekehrt nach Klagenfurt, um dort die Rede zur Literatur zu halten, erinnerte sich in dieser daran, wie sie 1980 zum ersten Mal beim Wettbewerb um den Bachmannpreis eingeladen war und gerne gekommen wäre – aber der Schriftstellerverband der DDR ließ sie nicht ausreisen.
Roschal, die 1992 in St. Petersburg geboren wurde und heute in München lebt, ist in diesem, dem Jahr des 50. Jubiläums, als Teilnehmerin beim Bachmannpreis-Wettbewerb eingeladen, aber sie hat vorab in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, es sei nicht ihr Job, einer Jury zuzuhören, das habe etwas Erniedrigendes, sie werde also ihren Text lesen und dann aufstehen. Das war in Gesprächen beim sommerlichen Empfang vor dem ORF-Landestheater am Abend der Eröffnung eine Anekdote, über die getuschelt wurde – aber kein großes Aufregerthema: Denn in fünfzig Jahren Bachmannpreis-Geschichte gehört das Teilnehmen am Wettbewerb bei gleichzeitiger Schmähung der Bedingungen längst zur Folklore.
Dienen die Schriftsteller nur dazu, die Jury zu legitimieren?
Niedlich bleibt es freilich, Klagenfurt wie Roschal als „Medien-Event“ zu kritisieren und selbst doch daran teilzunehmen. Aber sie landet in dem Interview auch einige gute Pointen: Etwa wenn sie behauptet, „dass die Autoren eher der Anlass sind, die Jury zu legitimieren“: Das Schöne am Bachmannpreis sei doch, dass die Jury offen ihre Selbstbezogenheit demonstriere und gar nicht erst so tue, als ginge es um Autoren und Texte.
Touché? Zumindest fallen einem einige Momente in den letzten Jahren ein, in denen es so war. Allerdings auch solche, die für das Gegenteil sprechen. Vielleicht ist also, Dankbarkeit hin, Aufmüpfigkeit her, einfach alles in Ordnung beim Bachmannpreis-Wettbewerb? Das wäre doch spitze, bedenkt man, wie gefährdet sein Fortbestehen jüngst wieder schien, bis dann deutliche Zeichen von den Veranstaltern kamen, dass es auch im nächsten Jahr weitergehen soll. Die Bedeutung des Wettbewerbs, weit über den Kärntner Tourismus hinaus, wurde auch in manchen Reden bei der Eröffnung beschworen: gut so.
Bachmann würdigen: weg vom Biographismus, hin zum Werk
Helga Schubert zitierte in ihrer Rede aus Einträgen in ihre Stasiakte vom April 1980. Da heißt es, der Bachmannpreis-Wettbewerb sei „offensichtlich keine österreichische Veranstaltung, sondern ein Unternehmen der BRD“ unter Vorsitz des „berüchtigten Antikommunisten Reich-Ranicki“. Sie zeichnete dann nach, wie sie schließlich doch noch zu DDR-Zeiten Jurorin in Klagenfurt und, im hohen Alter, sogar Preisträgerin wurde. Vor allem aber nutzte sie die Rede zu einer Würdigung Ingeborg Bachmanns, die „vor hundert Jahren geboren wurde und also noch leben könnte“.
Bekanntlich endete das Leben Ingeborg Bachmanns 1973 unter traurigen Umständen, aber Schubert beschrieb, wie sie sich vom vorherrschenden Bild der stets „gequälten Dichterin“ gelöst und dem Biographismus abgeschworen habe, um die Größe des Werks zu erkennen. So oft werde Bachmann bis heute reduziert auf das Schlussbild von „Nylon-Nachthemd und Zigarette“. Wer das mache, dem wolle sie entgegnen: „Die Dichterin Ingeborg Bachmann, die Sie mit Ihrer indiskreten Vergewisserungsfrage gerade so vereinfachen und einordnen, hat ‚Die Anrufung des großen Bären‘ geschrieben und ‚Malina‘ und ‚An die Sonne‘.“ Im Redemanuskript steht nach dem Satz ein Punkt. Gesagt wurde er mit Ausrufezeichen.
